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Die Wahrheit · 1927-11-04 · Heft 45 (4.11.1927) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 45 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 DHE WAHRHEIT mission sich in Jerusalem durch „Bekehrungsarbeit" für schweres Geld und unter Ausnutzung von Not und Elend schon aus Prestigegründen seit etwa hundert Jahren erhält, hatte sich mit dem Aufkommen des rein nationalen Judentums darauf besonnen, daß sie das Stigma der Taufe, das die meisten drückte, dadurch erleichtern könnten, daß sie sich zum nationalen Judentum bekennen und „Jewish Christians" oder auch „Christians of Jewish nationality" nennen würden. Sie wollten den Schekel zahlen. Es gab sogar dieserhalb einen Streit in der Missionskirche in Jerusalem. Die getauften Juden fühlten sich dort seit langem, trotz der Predigten von christlicher Liebe, stark zurückgesetzt, sowohl was die Sitze anbetraf, als auch die Zuteilung sonstiger kirchlicher Ehren. Sie machten nunmehr ihre Ansprüche als die besseren Christen, als die Christen jüdischer Nationalität, wie es der Stifter des Christentums selbst war, geltend. Der englische Missionsarzt war, wenn ich mich richtig erinnere, auf ihrer Seite, Pastor Kelk auf der Gegenseite: jedenfalls gab es einen „Split" innerhalb der englischen Kirchengemeinde. Bischof Blyth und andere mögen daher geglaubt haben, daß die Wiederherstellung der jüdischen Nationalität die Judentaufe befördern würde. Um gerecht zu sein, muß man zugeben, daß dieses nicht der Fall war. Allerdings ist die gegenteilige Behauptung, daß der nationale Gedanke viele von der Taufe zurückgehalten hätte, denen das religiöse Moment nicht mehr maßgebend war, mindestens stark übertrieben. Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag, den 5. November <L J., um 3 Uhr nachmittags, findet der Jugendgottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks-Synagogen statt. Wiener jüdische Familien aus Mähren I lieber Wiener jüdische Familien, die aus Mähren stammen, erbitte ich von deren Angehörigen oder Bekannten zn einem wissenschaftlichen Zweck an meine Adresse möglichst ausführliche zuverlässige schriftliche Angaben. Amtliche Dokumente, Stammbäume, Bilder und anderes einschlägiges Material sind erwünscht Rabbiner Dr. G r u n w a 1 d, Wien IL, Ferdinandstraße 23. iüSII! WarnangvoreincmBrtrii&x! Ein Mann, der sich als Ignaz Klein ausgibt und ein IKind mit sich führt, angeblich jetzt in der Floridsdorfer Lokomotivfabrik angestellt worden ist, hat unter Berufung auf mich verschiedenen Familien Geld und andere Unterstützungen herausgelockt. Da hier ein frecher Schwindel vorliegt, ersuche ich Parteien, die von diesem Hochstapler aufgesucht werden, ihn der Polizei zu übergeben. l*lartgarelhe QniDwald IL, Ferdinandstraße 23 'S S S s i 9 O Wahrheiten pom Tage Deutsche und österreichische Christlichsoziale. Wir haben in unserer letzten Nummer den sozialdemokratischen Antrag wiedergegeben, der die Schaffung und gesetzliche Sanktionierung einer neuen Studentenvertretung, die gesamte Studentenschaft österreichischer und deutscher Staatszugehörigkeit ohne Unterschied von Rasse und Konfession umfassend, zum Ziel hat. Die Zeitung der reichsdeutschen Katholiken, das Berliner Bruderblatt der christlichsozialen „Reichspost", die „Germania", nahm sofort zu dem sozialdemokratischen Antrag folgendermaßen Stellung: „In Oesterreich gehören Tausende nichtvölkischer deutscher Studenten, namentlich Demokraten, Sozialisten und ihrer Gesinnung nach deutsche Juden, nicht zur „Deutschen Studentenschaft". Diese Studenten werden durch die Haltung der völkischen Gruppen immer mehr zum Klassenhaß und Klassenkampf gereizt. Und dabei stehen zum Beispiel in Wien 75 Prozent der Wiener Bevölkerung in ihrer Denkart hinter diesen ausgeschlossenen nichtvölkischen Studenten, die demnächst einmal Mitführer des Volkes sein werden. Und dieser durch die völkischen Gruppen geschürte Haß wird später zum Schaden des Volksganzen Ausdruck finden." — Schreibt die deutsche „Germania". Die österreichische „Reichspost" hingegen hat die Tatsache, daß die Sozialdemokraten den die Studentenbewegung reformierenden Antrag eingebracht haben, ihren Lesern einfach unterschlagen. Späte Sühne. Das Schwurgericht in Oppeln verurteilte dieser Tage den Kaufmann, Alois Klein wegen Ermordung und Beraubung der beiden jüdischen Kohlenhändler David Kirschbaum und Max Regen zum Tode. Die Geschworenen baten den Gerichtsvorsitzenden, für den Angeklagten ein Gnadengesuch zwecks Umwandlung der Todesstrafe in eine Freiheitsstrafe einzureichen. Klein hatte während des oberschlesischen Aufstandes im September 1921 in den Wäldern um Neuhof und Cziasnau zusammen mit drei anderen Selbstschutzangehörigen die beiden jüdischen Kaufleute ermordet und beraubt. Die Beweisaufnahme ergab, daß es sich vielleicht nicht um einen gewöhnlichen Raubmord, sondern um ein politisches Verbrechen handelte. Es wurden verschiedene Führer des Selbstschutzes als Zeugen vernommen. Der-Abteilungsführer der Angeklagten erklärte, daß damals der deutsche Selbstschutz sich in großer Aufregung befand und daß die Anordnung bestand, besonderes Augenmerk auf Spione zu richten und jede verdächtige Person dingfest zu machen. Bisher war ein Zusammenhang mit politischen Dingen in der Voruntersuchung immer von den Selbstschutzführern abgelehnt worden, doch berief sich jetzt der Angeklagte Klein selbst darauf, daß es sich um einen politischen Mord handle, da die beiden Ermordeten politische Spione gewesen sein sollten, wofür er freilich nicht den geringsten Anhaltspunkt nennen konnte. Klein wurde in Berlin verhaftet. Das Gericht hielt Klein des Mordes in Tateinheit mit Raub für überführt und erkannte auf das Todesurteil unter lebenslänglicher Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Studien-, nein Krawallbeginn. Den völkischen Studenten scheint an der Wiener Universität wieder allzu lange Frieden geherrscht zu haben. Es paßt ihnen offenbar nicht in den Kram, daß Vorlesungen und Prüfungen ruhig stattfinden können, und sie haben sich deshalb die erste sich bietende Gelegenheit nicht entgehen lassen, neuerlich zu stänkern. Vor einigen Tagen hatte die -K u 11 u r w i s s e n s c h a f 11 i c h e Gesellschaft" (Leiter: Hofrat Dr. Friedrich Hertz) einen Vortrag des bekannten volkswirtschaftlichen Schriftstellers Dr. Gustav Stolper über „Probleme der deutschen Volkswirtschaft" in einem Saal der Universität angesetzt, ein Vortrag übrigens, der in Wien von Dr- Stolper schon in einem anderen Rahmen gehalten worden war und natürlich schön dem allgemeinen Thema nach nicht die geringste parteipolitische Tendenz hat. Die ..Probleme der deutschen Volkswirtschaft", vorgetragen von Dr. Gustav Stolper, erregten aber den Widerwillen der Herren Hakenkreuzler; sie benützten ihr publizistisches Schmierorgan, die „Dötz", zu einer rüden Hetzkampagne, in der es nur so von wüsten Beschimpfungen wimmelte. Man las dort von einem „amtlichen Schutz für jüdisch-marxistische Unkultur", von „Freimaurerarbeit an der Universität" und von „Serien vaterlandsloser und volksfeindlicher Vorträge" und ähnlichem. Die Folge davon war, daß das Rektorat (nach

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