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Die Wahrheit · 1927-11-04 · Heft 45 (4.11.1927) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 45 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ÖXE WAHRHEIT iiöiliiUülliiiöIIllllinilUllllM imnüifliiiiuinniiuiiiiiimQr Seite 9 Journalisten, ergraute Männer und zarte Frauen, die im Zuschauerraum Platz gefunden. Und selbst der Präsident verlor seine Ruhe und bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen ... Es waren viele Deutsche im Saale und diese Szene mag manchem von ihnen an das Gedicht Heines erinnert haben, er hat viel schönere, aber kein ergreifenderes Gedicht als dieses geschrieben, in welchem die dem Ritualmord-Pogrome gewidmeten Verse enthalten sind: Brich aus in laute Klagen Du düsteres Märtyrlied, Das ich so lang getragen, im flammenstillen Gemüt. Es dringt in alle Ohren Und durch die Ohren ins Herz, Ich habe gewaltig beschworen, Den tausendjährigen Schmerz. Es weinen die Großen und Kleinen, Sogar die kalten Herrn, Die Frauen und Blumen weinen, Es weinen am Himmel die Stern'. * Aber womöglich noch erschütternder als die unendliche Greuel aufrollende Klage der Jüdin, mag die nur wenige, schlichte Worte umfaßte Aussage der Witwe des Proskurower Popen auf fühlende Herzen geweckt haben. „Mein Gatte — sagte die Witwe — eilte, als er von dem furchtbaren Elend hörte, in seinem priesterlichen Gewände auf die Straße, warf sich vor die johlenden Soldaten und flehte um Erbarmen für die unglücklichen Juden. Petljuras Offiziere gaben ihm lachend die Antwort: sie durchbohrten mit ihren Degen meinen armen Mann." Viele Flüche mögen Petljura ins Grab nachgesendet worden sein, aber noch mehr Segensworte für den edlen Priester werden zum Himmel emporsteigen. * * * Der Verhandlung wohnten bis zum Tage der Urteilsfällung die Witwe und die Tochter Petljuras, in Trauergewänder gehüllt, bei. Kein fühlender Mensch — sicherlich auch Schwarzbard nicht — hat der Witwe und der Waise den Zoll tiefen aufrichtigen Mitleids versagt. Da hatten Petljuras Henkersknechte doch ganz anders gearbeitet. Sie rissen nicht den Gatten von Seite der Gattin, das zarte Kind nicht aus den Armen der Eltern. Sie machten ganze Arbeit, sie mordeten — lachend — die ganze Familie. * In Paris haben die Geschworenen den Pogrom zum todeswürdigen Verbrechen gestempelt; in Budapest erinnern sich die rassenschützlerischen Studenten offenbar noch immer frohen Mutes an die Zeiten, in denen nur Pogrom-Hetzer wie Ivan Hejjas als nationaler Held gefeiert wurde. Diese Jugend ist empört darüber, daß Graf Bethlen mit Rücksicht auf das Ausland, dem man in Genf immer wieder einreden wollte, der Numerus clausus habe nichts mit konfessionellem Vorurteile zu schaffen, endlich Miene zeigt, wenigstens eine zarte Revision dieser kulturschändenden Maßregel vorzunehmen. Vergebens bemühte sich der Unterrichtsminister Graf Klebelsberg, den rassenschützlerischen Jünglingen mit vertraulichem Augenzwinkern anzudeuten, man denke absolut nicht an eine Aufhebung des Numerus clausus, sondern höchstens an eine scheinbare Milderung desselben. Die Erwachenden an der Budapester Universität lassen sich von schönen Worten in Schlaf lullen und erklärten, sie würden, wenn die Revision des Numerus clausus einmal versprochen worden sei, diese Revision selbst in die Hand nehmen. Und sie taten es auch, indem sie mit dem Knüttel in der Hand die wenigen, durch das Gesetz bisher tolerierten jüdischen Hörer und Hörerinnen aus den Lehrsälen hinausprügelten. Wird man schließlich in Genf nicht doch anfangen, Klebelsbergschen offiziellen Deutungen einiges Mißtrauen entgegenzubringen? * * * Der ungarische Unterrichtsminister wollte sich offenbar doch im Parlament als ein Mann erweisen, der sich nicht einschüchtern läßt. Und er ist richtig dem Redner der Opposition, der die schmachvolle Schwäche der Regierung gegenüber den rassenschützlerischen Studenten geißelte, mit der größten Energie entgegengetreten. Der Minister erklärte feierlich, er werde schon Maßnahmen zur Herstellung der Ordnung an der Universität treffen, aber er werde sich von niemandem davon abbringen lassen, Nachsicht für eine Jugend zu haben, die er liebe. Das heißt wie ein Mann gesprochen! Das muß die Opposition, wenn auch knirschend begreifen. Und das werden auch die hakenkreuzlerischen Jünglinge würdigen. Sie werden vielleicht nicht aufhören, an der Universität dreinzuschlagen, aber auch sie werden sich nicht davon abbringen lassen, den Grafen Klebelsberg zu lieben. * * * Stephan Haller, der sich mit Stolz als Vater des Numerus clausus fühlt, dem er als Unterrichtsminister seinerzeit zur Gesetzeskraft verholten, hat bereits der Regierung für dieses Lieblingskind der Erwachenden, den Kampf, zum Unterschied von den rassenschützlerischen Studenten, nicht bis zum Knüttel, sondern bis zum Messer angekündigt. Aber vorher schon hatten die jungen Herren im Nationaltheater, der vornehmsten Bühne des Landes, geschützt von ihren unsichtbaren aber hochangesehenen Hintermännern mit dem Auftakt zur Tra- |^| g g LF A B R I K FERNSPRECH-NUMMER 45-1-91 ■^^"^1^ Oppenheim WIEN, 2. BEZ., PRATERSTRASSE NR. 30 ^^^^^^^^^^^^^^^^^M Reiche Auswahl solid gearbeiteter Möbel zu billigsten Preisen

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