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Die Wahrheit · 1927-11-04 · Heft 45 (4.11.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 45 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAfiRHEKf ||!]illl!l!ll!!!l||l!!lill!lllli!!ll!il!lllll!l!irill!lllllillil^ Seite 7 nant Krapatin? Was habt Ihr bis jetzt mit Bolschewiken getan---?" , t „Stets an die Wand gestellt — euer Wohlgeboren —! „Na — und was wollt Ihr von mir? Soll ich etwa das bestehende Gesetz ändern? Geht, schert euch mit euren Bolschewiken, Leutnant Krapatin--!" Man führte uns hinaus. Von drinnen scholl uns ein lautes Gelächter nach. „In den Hof mit Ihnen!" kommandierte der Leutnant. Wir befanden uns mitten in der wilden Horde, die sich über meinen alten Vater lustig machte. Einer sagte: „So sollt ihr den Alten nicht sterben lassen. Erst muß er .frisiert' werden." Dann zog er seinen Säbel und schnitt meinem Vater die Schläfenlocken ab. Mein Vater wurde darnach noch blasser. Er griff sich mit beiden Händen an die Schläfen und stöhnte. Sein Atem ging abgehackt in kurzen Stößen, seine Augen waren matt und halb geschlossen. Um seinen Mund zuckte es und seine Hände zitterten. Da trat der Bauer an uns heran: „Jude, wo ist dein Töchterchen versteckt? Sprich, wo ist das süße Täubchen?" Bei diesen Worten stöhnte mein Vater laut auf. Der Bauer flüsterte dem Anführer etwas ins Ohr. Sofort entfernte sich dieser mit einigen Banditen und ging auf unser Haus zu. Nach zehn Minuten kamen sie wieder heraus und führten meine weinende Schwester mit sich. Der Leutnant hielt sie umschlungen, während sie um sich schlug wie wild. Aber der Satan lachte und fletschte die Zähne. Mein Vater fiel bei diesem Anblick ohnmächtig in den Schnee. Ich warf mich neben ihn hin, um nicht meine Schwester in der Mitte der Bande sehen zu müssen. Nach fünf Minuten erwachte mein Vater aus der Ohnmacht. Er wurde von zwei Huligans aufgestellt. In diesem Moment trat der Leutnant aus der Schenke: „Aha, du lebst noch? Da ist es für uns noch nicht zu spät! Dein Töchterchen ist drinnen gut aufgehoben — verlaß dich drauf. In solch feiner Gesellschaft war sie sicher noch nicht!.--! Nun will ich mit dir abrechnen — du Sohn einer Hündin! Da verräterischer Bolschewik! Apropos: ich habe einen guten Einfall! Es muß hübsch aussehen, so ein Bild: ein alter, feiger Jude — mit einem Schwert in der Hand!" Nach diesen Worten zog der Leutnant sein Schwert aus der Scheide und drückte es, unter lautem Gelächter der Banditen, meinem Vater in die Hand. „So, Alter — jetzt das rechte Bein vor: stelle dich in Positur, wie ein Napoleon. So — jetzt erhebe deinen rechten Arm mit dem Schwert. So ist's recht. Seht, Jungens — ist das nicht köstlich? Hurra — es lebe der zweite Napoleon! Rühr dich nicht. Jude —, Ha — es ist ein Anblick für Götter---!" Die Banditen hielten sich die Seiten vor Lachen. Im hellen Mondlicht sahen die Fratzen teuflisch aus. Sie bemerkten nicht die Aenderung, die in meinem Vater vorging. Ich stand neben ihm und konnte jeden Atemzug von ihm hören. Plötzlich strafften sich seine Züge. Seine Gestalt reckte sich, seine Füße standen sicher und fest. Jetzt! Noch eine letzte Kraftanstrengung! Und noch ehe man es sehen konnte, sauste das schwere Schwert auf den Schädel des Leutnants nieder und spaltete sein Gesicht in zwei Teile. Wie ein Sack fiel der Koloß zu Boden, mit dem Gesicht in den Schnee. Im selben Augenblick sagte mein Vater laut sein letztes „Schmajisroel" und fiel entseelt nieder. Die Bande stürzte sich schreiend auf ihn und durchbohrte seinen zarten Körper mit ihren Waffen. Ich erhielt einen Stich in die rechte Brustseite und fiel bewußtlos zu Boden. Wie aus weiter Ferne hörte ich Schüsse knallen und Pferdehufe trampeln — dann verschwand auch das meinen Sinnen. Als ich erwachte, lag ich in einem warmen Bett. Im Zimmer bewegten sich ruhig einige Soldaten. Einer kam auf mich zu und setzte sich auf mein Bett. Er sagte freundlich in jiddischer Sprache: „Junger Freund — Ihr seid verwundet, aber der Arzt hat nur eine leichte Verletzung festgestellt. In wenigen Tagen werdet Ihr das Bett verlassen können--." Als ich diese Worte hörte, wollte ich meinen Sinnen nicht trauen. Ich sagte erschrocken: „Wer seid Ihr, der Ihr so freundlich zu mir redet?" Der Soldat antwortete, während er meine Hand streichelte: „Ich bin dein Freund; deine Feinde haben wir verjagt und deinen Vater zu Grabe gebracht---." „Und meine Schwester? Wo ist meine Schwester?" „Deine Schwester wollte nicht weiterleben mit ihrer Schande — und ist zum Vater gegangen. — Sei beruhigt, Junge, Gott hat sie gewiß zu sich in den Himmel genommen — sie hat es verdient —." Wochen vergingen. Ich genas. Alle paar Tage kam jener jüdische Soldat zu mir. Wenn ich seine Stimme hörte, verlor mein Schmerz an Größe — wenn ich in seine Augen sah, fühlte ich mich geborgen. Als ich vollkommen hergestellt war, nahm mich mein Freund zu sich in seine Kompagnie und ich war stets an seiner Seite. Eines Tages sagte er zu mir: „Wir haben Petljura aus oem Lande gejagt. Der Würger der Juden ist geflohen, wie ein gemeiner Mörder. Aber das unschuldig vergossene Blut wird ihn töten ... Er hat jahrelang an seinem eigenen Untergang gearbeitet ... ." „Lebe wohl, junger Freund — gehe hinaus aus diesem Lande, an das uns nichts mehr hält . . . Unsere Mission ist beendet! Unser Weg ist ein anderer —. Vergiß mich nicht —." Dann nahm ich Abschied von meinem Freund Schwarzbard---. Jetzt— nach Jahren — welche Wendung! Ich fahre zu vJm' um lhm zuTheIl*en. Die Richter in Paris müssen auch Menschen sein! Und wenn ich — vielleicht als tausendster — von meinem Leid erzähle, dann werden ihre Herzen nicht verstockt bleiben! Die unzähligen Opfer des Pogrommisten werden am Richtertische vorbeiziehen und ihre stummen Lippen werden anklagen und ein Raunen wird durch den baal gehen, wie aus Geistermund: „Er tat es für uns' Er ist kein gemeiner Mörder! Habt Erbarmen mit ihm__"»" Wie das einstimmige Urleil bewies, haben die Pariser Geschworenen Einsicht und Erbarmen gehabt Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Ueber Bettinas von Arnims Sticklehrerin. (Clemens Brentanos Frühlinxskranz. S. 13 L) Bettina schreibt über sie an ihren Bruder: „Das junge Mädchen, was uns sticken lehrt, ist eine Jüdin, sie heißt Veilchen, es ist ein recht liebkosender Name und ich fand letzt das erste Sträußchen ihrer Namensvettern zusammen; da ging ich ganz früh zu ihr, um sie damit zu überraschen. Ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand, sie war beschämt, ich aber gleich nahm ihr den Besen aus der Hand, sagte, ,ach, lassen Sie mich auch ein bißchen kehren*. Da kam so früh schon, denn es war noch nicht sieben Uhr, der Hofmeister von Eduard Bethmann vorbei, der mußte es der Tante gesagt haben, daß er mich vor der Haustür eines Juden auf offener Straße kehrend fand — ich muß jetzt lachen, denn es ist auch recht lächerlich — ich will Dir die derbsten Ausdrücke von der Tante ihrer Mercuriale ersparen, sie meinte, ich sei verloren, für ein besseres Dasein verloren, ich habe mich gänzlich weggeworfen: Vous n'avez point de pudeur, point de respect humain, on vous trouve balayer la rue en main avec une juive! Ich mußte lachen! Nein, ich konnte nicht anders.....Ach, und wenn Du wüßtest, wie hübsch es bei dem lieben Veilchen war! — Da war alles schon so sauber im Stübchen, ein kleiner Kaminherd, auf dem brannte ein Feuerchen, dabei kochte das Frühstück für den Großvater, der saß dabei und strich seinen langen weißen Bart durch die Finger. Veilchen stickt ein Goldmuster sehr schön in einen rosinfarbenen Sammet, so nennt sie ein sanftes Braunrot in ihrer Judensprache. Die Arbeit ist bestellt und sie bekommt dann viel Geld, wenn es fertig sein wird Sie ernährt ihren Großvater und zwei seiner Urenkel, die Waisen von dem gestorbenen Bruder, denen ist die Veilchen ganz JAC. MAVER Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSe 24 Tel. 48-4-79 FOr Kultusbeamte und Verelnsfunktlonare gegen Legllimalloa 10% NacnlaB

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