Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 45 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 OliOlOMillliilU DIE WAHRHEIT von seinen gleichnamigen Enkeln Annus und Matteus, ja es besaßen im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert sogar die Provinzjuden, wie Isaac de Sthubbica und Andreas de Modrussya gemeinsam mit den anderen Bürgern, mit denen sie offenbar gleiche Rechte genossen, ausgedehnten Häuser- und Grundbesitz. Es gab auch vom 17. Juli 1444 an einen eigenen „Domus Judäorum", offenbar ein Lehr- und Versammlungshaus. Nach mehr als vier Jahrhunderten, als längst von dieser ersten Zagreber Judengemeinde keine Spur mehr war, im Oktober 1852, knapp bevor das Wiener Ministerium den Juden das Recht des Grundbesitzes entzog, kauften die damaligen Zagreber Juden — vierzig Familien — für 14.000 Gulden Konventionsmünze ein eigenes Haus. Dort entstand die erste Synagoge — früher gab es nur Betstuben, — die Schule, dann das Gebäude der Chewra und das Gemeindehaus. Und nun kommt das neue Palais! Es bleibt aber noch ein Grundstück frei und da ja der jetzige Bau keine finanziellen Opfer erfordert, ist zu erhoffen, daß gar bald ein neuer „Domus Judäorum" für kulturelle und soziale Bestrebungen, Bibliothek, Lesehalle, Tyonbeehalle, B'nai B'rith usw. entsteht. Oberrabbiner Dr. Gavro Schwarz veröffentlicht eine Reihe von Aufsätzen, zunächst einen statistischen über Hochzeiten, Geburten, Todesfälle, Aus- und Rücktritte. Ein weiterer Artikel behandelt das jüdische Kalendarium, während in einem besonderen Artikel die ältesten Zagreber Judenfamilien der sogenannten „Zweiten Gemeinde" zur Besprechung gelangen. Rabbiner Dr. Moses M a r g e 1 schreibt über den Trauungsring im Judentum, Religionsprofessor Dr. Salom Freiberger über den Schriftsteller Schalom Asch, Dr. Vladimir Altmann über das neue jüdische Spital. Es folgen noch zahlreiche Berichte über die einzelnen jüdischen Institutionen und Vereine. Das mit vielen Illustrationen versehene Buch, das an alle Gemeindemitglieder gratis versendet wird, ist nicht im Buchhandel erschienen, doch können es Interessenten bei der Zagreber Kultusgemeinde erhalten. Petljuras letzter Streich. Frei nach einer wahren Begebenheit. Von Josef Kaplan (Fulda).*) Mir gegenüber sitzt der Sohn eines ukrainischen Kleinstadtrabbiners. Sein Gesicht ist aschfahl, seine Augen liegen tief in ihren Höhlen und blicken feucht glänzend und unsicher um sich. Die Hände glätten nervös die Tischdecke und seine Knie zittern merklich. Er ist 25 Jahre alt und doch schon gebrechlich wie ein Greis. Er spricht. Der Klang seiner hohlen Stimme dringt dem Zuhörer ins Herz, tut weh und zwingt zum Mitfühlen. Draußen rattert ein Kraftwagen vorüber. Der junge Mann zuckt zusammen, er verzieht den Mund: „Ach, der unbarmherzige Fortschritt!" Und dann beginnt er zu erzählen, wie einer, der mit sich selbst spricht: „Es war eine bitterkalte Winternacht. Der Schnee lag einen halben Meter hoch, der Frost zog an. Wir saßen zusammengekauert in unsere Mäntel gehüllt und schüttelten uns vor Kälte. Kein Stückchen Brennstoff war aufzutreiben. Wer noch Holz oder Torf hatte, wollte es nicht weggeben, hütete es wie Edelsteine. Mein Vater las beim Lichte einer Petroleumlampe in einem Folianten. Ab und zu hielt er seine steifen Finger um den warmen Zylinder. Unsere Nahrung bestand schon seit Tagen aus hartem Brot. Die Körper waren geschwächt, die Geister verwirrt; eine matte Gleichgültigkeit hatte uns alle ergriffen. Unsere Familie bestand aus meinem Vater, meiner achtzehnjährigen Schwester und mir. Meine Schwester sagte, während Tränen ihre Wangen näßten: „Gott hat uns verlassen . . ." Da sah mein Vater von seinem Buche auf: „Nein Kind, du irrst, — Gott hat uns nicht verlassen! Gott ist auch in der Not mit dem Menschen. Er prüft uns, wie es ein liebevoller Vater tut. Er läutert unsere Seelen und macht sie reif für das Jenseits. Wenn wir im Leide an Gott festhalten, dann beweisen wir unsere Stärke — die göttliche Stärke, die. in uns wohnt. Was schadet es, wenn der Körper leidet, wenn nur die Seele gesund bleibt! Die Reinheit unserer Seele wird den Körper wieder gesunden lassen---" Nach diesen Worten wandte sich mein Vater wieder dem tiefsinnigen Studium zu. Da — plötzlich! Trompetengeheul — Rufe — Schreie — Pferdegeklapper! Wir saßen wie gebannt da. Keiner war eines Wortes fähig. Ich ging an das mit Frostblumen bedeckte Fenster und kratzte eine kleine Stelle frei, um hinausspähen zu können. Hunderte von Reitergestalten tummelten sich draußen. Ich hörte fluchen und schimpfen. Mit einemmal *) Verspätet eingelangt teilte sich der Haufe und sprengte nach allen Seiten auseinander. Nach wenigen Sekunden klopfte es an unsere Türe. Wir waren starr und konnten uns nicht rühren. Immer heftiger wurde geklopft. Jeder Schlag dröhnte furchterregend durchs Haus. Da sagte mein Vater: „Geh, öffne ihnen." Ich schob den Riegel zurück. In diesem Moment flüchtete meine Schwester durch die Küche in den Keller. Ich öffnete die Türe. Mit einem heftigen Stoß wurde ich zurückgeschleudert. Zwölf Soldaten drangen in die Stube. An ihren Uniformen erkannte ich ihre Art: es waren Huligans der Weißen Armee. Das Herz klopfte mir zum Zerspringen. Mein Vater saß blaß da und sah die Männer an. Da trat der Anführer auf ihn zu: „Du bist der Rabbi dieser elenden Stadt?" „Ja." „Ja? Steh' auf, wenn du mit mir sprichst, du Hundesohn!" Mein Vater stand langsam auf. Der Huligan fuhr fort: „Du bist also der Rabbi, der Bolschewik; von dem uns der Bauer erzählte, er habe mit den Roten gemeinsame Sache gemacht? Bist du es?" — „Nein! Der kann ich nicht sein---!" „Wie, du willst es nicht sein? Rufet mir den Bauer!" Ein Soldat ging hinaus und brachte einen Bauer mit sich. Ich erkannte in ihm den Mann, der jeden Schabbos bei uns Feuer anmachte. Der Anführer frug den Lügner: „Nun Iwan — ist dieser Jude ein Bolschewik---?" „Ja, euer Gnaden, er ist einer---" Einige Sekunden herrschte Stille. Dann fuhr der Anführer fort: „Jude, ich nehme es dir nicht übel, wenn du leugnest. Dies ist die Art der Roten. Aber Leugnen wird dir nichts helfen: du gehörst uns! Und dieser Junge da ebenfalls. Marsch mit euch zum Ataman<---!" Die Bande ergriff uns und führte uns in die gegenüberliegende Dorfschenke, wo der Ataman mit seinem Stab hauste. An einem langen Tisch, auf dem Schnapsflaschen und Gläser standen, saß breitknochig der von allen Juden Rußlands so gefürchtete und nicht minder gehaßte Ataman Fetljura. Rechts und links von ihm saßen Offiziere seiner Bande. Die Soldaten bildeten um uns einen Halbkreis. Der Ataman schien uns nicht zu sehen. Er sah nur den Anführer an und frug kurz: „Bolschewiken?" „Ja, euer Gnaden — sogar Rädelsführer--!" „Na — und? Warum bringt Ihr sie mir? Ist die Gerichtsbarkeit etwa meine Sache? Wozu seid Ihr da, Leut-