Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 45 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 4 gössen wurde. Man merkt, daß wir Ludendorff selbst ausgiebig wörtlich zitieren. Nur noch eine kleine Probe: Die amerikanische Prohibition, nach unserem Gewährsmann an sich unverständlich, ist selbstverständlich eine jüdische Mache. Der psychologische Augenblick ist gekommen, die Vernichtung der Freimaurerei pathologisch, bzw. humoristisch zu nehmen. Trunksucht nämlich gehört als Unmäßigkeit zu freimaurerischen Lastern und außerdem könnte eine Aufwallung eines Maurers im Rausche zum Verrat des Bundes führen. Den logischen Schluß zu ziehen, hat Ludendorff allerdings vergessen: daß demnach die Mehrzahl der Bürger von U. S. A. Freimaurer sind. Zu sagen wäre, daß die Geheimnisse, die Ludendorff auf diesen 80 Seiten enthüllt, allerdings längst enthüllt erscheinen. Im ganzen bringt er nichts Neues, es seien denn die bombastischen Eidesformeln und schwülstig ausgemalten Gradrituale. Dazu schöpft Ludendorff zugegebener Weise durchaus aus mittelbarer Quelle. Ursache, Ziel, Zweck und Wesen der Maurerei ist der Jude, der das ganze Weltall zu Noachiden machen will. Glücklicherweise aber hat Ludendorff noch in zwölfter Stunde enthüllt und vernichtet. Mit unbeirrbarer Geradheit, konsequent seine vorgefaßte These reitend, eingeschworen auf Judas vorgebliche Allmacht, rennt er wie der bekannte Stier gegen das rote Tuch an. Die alttestamentarischen Bestandteile gelten Ludendorff für hinreichendste Beweise für das Judentum seiner lieben Maurer. Sich immerhin etwa mit der Erbschaft der Mysterienbünde, die in der Freimaurerei aufgespeichert erscheinen könnte, zu befassen, fällt ihm nicht ein. würde ihm auch schwer fallen. Der Sprechwart deutschen Volkstums hat sich die Sache leicht gemacht, weil er eben nur die Entwicklungsgeschichte dieses Bundes, dessen pazifistische Tendenzen ihm ein Greuel sind, beachtet, die ihm paßt. Die freimaurerischen so bedeutenden Geister der Vergangenheit etwa sich näher anzusehen, steht nicht dafür. Entweder waren es unbewußte oder bewußte Juden! Die inquisitorisch behauptete ruchlose Internationalität der Freimaurer, von Ludendorff zu seinen bombastischen Insinuationen ausgemünzt, läßt im Gegenteil in der Wirklichkeit manches, besonders in deutschen Landen, zu wünschen übrig. Es wäre fast grotesk, wollte man sich etwa Abschnitt für Abschnitt mit dieser „Vernichtung" befassen. Ein für das deutsche Unglück so eminent mitverantwortlicher General sucht seine Schuld von sich auf andere Stellen abzuwälzen. _ Die amerikanisch-jüdische Bibelübersetzung. Von Binjamin Segel. Die amerikanische Judenheit hat ein Werk vollbracht, auf das sie stolz sein kann und um das die viel älteren jüdischen Gemeinschaften in Europa allen Anlaß haben, sie zu beneiden. Sie hat eine Uebersetzung der Bibel herausgegeben, die in wissenschaftlicher, stilistischer und nicht zuletzt typographischer Beziehung eine vollendete Leistung darstellt. Die englisch sprechende Judenheit hat somit ein Ereignis zu verzeichnen, das berufen ist, in der Geschichte ihres geistigen und religiösen Lebens geradezu Epoche zu machen. Nicht als ob es etwa an englischen Bibelübersetzungen gemangelt hätte, aber es mangelte an einer jüdischen Bibelübersetzung ins Englische, die auf der Höhe der neuesten wissenschaftlichen Forschung stünde und zugleich populär wäre, im besten Sinne des Wortes, den breiten Massen der Gebildeten durch Ausstattung, Umfang und Stil zugänglich. Es gab in englischer Sprache drei Bibelübersetzungen, die älteste wurde in England von Dr. A. Benisch verfaßt, die zweite in Amerika voji Isaak Leeser, die dritte abermals in England von Dr. Michael Friedländer. Die verbreitetste war die amerikanische von Leeser, die von allen jüdischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten rezipiert ward. Exegetisch beruhte sie auf der deutschen Uebersetzung von Mendelssohn und seiner Schule und dem sie begleitenden Kommentar, der unter dem Sammelnamen „Biur" bekannt war, sowie auf der Zunzschen Uebersetzung, an der einige der hervorragendsten Zeitgenossen Zunzens mitgearbeitet hatten. Diese beiden Uebersetzungen genossen innerhalb der deutsch sprechenden Judenheit lange Zeit eines großen Ansehens. Beide sind jedoch durch die großen Fortschritte, die die Bibelforschung seither in sprachlicher, archäologischer und historischer Beziehung gemacht hat, längst überholt. Es machte sich also das Bedürfnis nach einer neuen HB DIE WAHMEtt Uebersetzung immer lebhafter geltend. Die Jewish Publication Society unternahm es schon im Jahre 1892, also in den ersten Zeiten ihrer Existenz, dem Bedürfnis zu entsprechen. Es wurde der Plan entworfen, eine Reihe von jüdischen Gelehrten in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien mit der Aufgabe zu betrauen, derart, daß je ein Uebersetzer die Bearbeitung eines Buches übernehme; ein besonderes Herausgeberkomitee sollte die einzelnen Uebersetzungen untereinander in Einklang bringen und ihnen einen einheitlichen Guß verleihen, indem die einzelnen Punkte brieflich mit den Uebersetzern erörtert würden. Nach dieser Methode wurde bis ungefähr 1901 gearbeitet. Dies Herausgeberkomitee bestand aus dem berühmten Verfasser des neuhebräisch-talmudischen Wörterbuches, Dr. Marcus Jastrow (ehemaliger Rabbiner von Warschau), dem Dr. Kaufmann Kohler, Präsidenten des Hebrew Union College in Cincinnati und Dr. F r e d e ir i c de S o 1 a Mendes. Es wurde indessen immer klarer, daß dieser Weg ein sehr langwieriger und beschwerlicher war, und daß es Jahrzehnte dauern müßte, bis das Gesamtwerk das Licht der Welt erblicken würde. Man gab vorläufig (1903) die von Dr. Kohler übersetzten Psalmen heraus. Mittlerweile starb Dr. Marcus Jastrow, das Oberhaupt des Herausgeberausschusses. Einige Mitarbeiter traten zurück und es stellte sich die Notwendigkeit heraus, den ganzen Stab zu reorganisieren. Gleichzeitig wurde Dr. Saloraon Sc hechter, Professor der rabbinischen Literatur und Sprache an der Universität Cambridge in England, als Präsident des Jewish Theological Seminary of America nach New York berufen, und in diesem Mann gewann die jüdische Welt in den Vereinigten Staaten eine ganz ausnehmlich hervorragende Kraft. Das Komitee konstituierte sich neu und wählte den Professor Schechter zu seinem Vorsitzenden, und im Jahre 1908 faßte die Jewish Publication Society of America im Verein mit der Central Conference of Amercan Rabbis den Beschluß, die Bibelübersetzung nach einem veränderten Plan zu vollenden. Anstatt jedes Buch einem besonderen Uebersetzer zu übertragen und dann die einzelnen Arbeiten von einem Herausgeberkomitee revidieren und untereinander in Einklang bringen zu lassen, sollte das ganze Werk die gemeinsame Arbeit eines Uebersetzerkomitees sein. In dieses Komitee wurden gewählt: Dr. Saloraon Schechter, Dr. Cyrus Adler, Dr. Joseph Jacobs, als Vertreter der Jewish Publication Society öf America; Dr. Kaufmann Kohl er, Dr. David Philipson, Dr. Samuel Schulmann, als Repräsentanten der Central Conference of American Rabbis. Diesie sechs Männer wählten als siebenten den Professor Dr. Max L. Margolis, und er wurde zugleich als Hauptherausgeber bestellt. Zum Vorsitzenden dieses Uebersetzerkomitees wurde Dr. Cyrus Adler gewählt. Derart waren in dem Komitee die drei großen amerikanischen Lehrstärten für die Wissenschaft des Judentums repräsentiert: Das Jewish Theological Seminary of America durch Dr. Schechter, das Hebrew Union College durch Dr. Kaufmann Kollier, das Dropsie College for Jewish and Cognate Learniing durch Professor Max L. Margolis. Die Methode, nach der die Uebersetzung hergestellt wurde, war nun folgende: Professor Margolis widmete sich volle sieben Jahre ganz dem Werke, nahm die Hauptarbeit auf sich und lieferte den Text der Uebersetzung, wobei er die Aufgabe hatte, aus allen bereits vorhandenen englischen Uebersetzungen das Wertvollste und Dauernde herauszuziehen, namentlich aus der Authorized Version und der Revised Version (den beiden kirchlich-offiziellen Uebersetzungen der englisch redenden Christenheit), den drei erwähnten jüdischen sowie aus den in der vorhergehenden Epoche für die Jewish Publication Society vorbereiteten Uebersetzungen. Es wurden ferner alle wichtigen alten und neuen Kommentare befragt. Großes Gewicht wurde auf die alten Uebersetzungen als Quellen der Exegese gelegt: Septuaginta, Aquila, Symmachus, Theodotion, die Thargumin, die Vulgatä, die Peschitto und die arabische Uebersetzung des Saadia Gaon. Die (oft sehr scharfsinnigen) Deutungen im Talmud und Midrasch wurden berücksichtigt, sodann wurden die großen jüdischen Erklärer des Mittelalters konsultiert: Raschi, Kimchi, Ibn Esra, Gcrsonides; aber auch die neueren und neuesten: Luzatto, Malbim und Ehrlich. Von diesem Manuskript wurde je eine Abschrift an alle Mitglieder versandt, so diaß diese alle von Margolis vorgeschlagenen Aenderungen und Verbesserungen prüfen und neue Vorschläge vorbereiten konnten. Im Verlaufe von sieben Jahren der Arbeit wurden nun sechzehn gemeinsame Sitzungen abgehalten, von denen jede mindestens zehn volle Tage dauerte. Jeder Punkt wurde