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Die Wahrheit · 1927-11-04 · Heft 45 (4.11.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 45 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 HiniämnnmnninniiimmirminnmiinniiiimHiöiinfflmiiiimfTn DIE WAHRHEIT auch als treubewährten Oesterreicher wehgetan. Denn ich darf wohl sagen, ich kenne so ziemlich alle Kulturstaaten, aber mit Ausnahme vielleicht des Balkans ist es mir nicht bekannt, daß ein Mann in so verantwortungsvoller Stellung wie es eben ein Minister ist, dessen Worte ja weithin eine Resonanz finden, so das Alte Testament herabgewürdigt hätte. Man lese nur die Reden Stresemanns, Briands, Paul Boncourts auf der letzten VölkerbundtaguiT" (mit den entsprechenden Randbemerkungen, sagen wir zum Beispiel des „Figaro"). Dort atmet aus jedem Worte volles Verantwortlichkeitsgefühl für alles Edle und Hohe. Exzellenz, ich wollte und mußte Ihnen dies sagen! In Erwartung, daß' Exzellenz volles Verständnis diesen meinen Darlegungen entgegenbringen werden, zeichne ich mich als Eurer Exzellenz in vorzüglichster Hochachtung ergebenster Prof. Dr. Herzog e. h. Landesrabbiner für Steiermark in Graz. So weit mein Schreiben! Diesem seien hier kurze Auszüge aus zwei Reden angefügt, die vor kurzem erst gehalten worden sind. So hat der französische Gesandte zu Wien, Graf de Chambrun, am Sonntag, den 23. Oktober (vgl. „Grazer Tagespost", Abendblatt vom 26. Oktober 1. J., S. 4, zu Nr. 293) aus Anlaß der Einweihung des Göstinger Franzosenkreuzes in der von ihm gehaltenen schönen Gedenkrede unter anderem folgendes gesagt: Vor diesem der Vergangenheit geweihten Steine, den Sie mit pietätvoller Hand wiederhergestellt haben, müssen wir an jene frischen Gräber denken, die unsere zu früh dahingemähten Zeitgenossen decken, an die kaum versiegten Tränen der Mütter. Erheben wir in gemeinsamem Gedenken und in brüderlicher Sympathie unsere Herzen. Hören wir auf die Stimmen der Toten, die uns sagen: „Mögen die Zeiten des Kampfes auf immer vorbei sein. Möget Ihr alle dazu beitragen, daß gemeinsame Liebe zum Frieden die Menschheit versöhne. Diesen Wunsch senden wir Euch aus dem Jenseits, dies sei unser Vermächtnis, die Mission, die wir Euch übergaben, als uns der Tod die Augen schloß." Und Lloyd Georges sagte in einer am selben Tage in London gehaltenen Rede: Es werde keinen dauernden Frieden geben, wenn nicht jedes Unrecht, das den Frieden bedrohe, der ruhigen und gerechten Untersuchung eines Gerichtshofes unterbreitet wird, der die Achtung der Welt genießt. So sprechen Männer, die sich ihrer Verantwortlichkeit voll bewußt sind. Mein Wunsch geht dahin, daß dieses Bewußtsein bald alle Menschen erfüllen möge. „Künstliche Juden". Von R. Faber. Abrichtung und Abstempelung des Deutschen zum künstlichen Juden in den freimaurerischen, d. h. nicht nur verjudeten, sondern genuin jüdisch-talmudisch-kabbalistischen Logen, ist das Thema der neuesten Ludendorffschrift. Ihr Titel sagt schon alles: Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse, von deren Enthüllung sich der Warner und getreue Ekkehard des deutschen Volkes Vernichtung der geheimen Oligarchie verspricht, die das unglückliche deutsche, nein, alle reinrassigen Völker knechtet. Freimaurer, Juden und Jesuiten sind die Erzschädlinge der germanischen Volkheit und wachsen bekanntlich auf wurmstichigem Holz. Zwei andere patentierte Barden. Dinter und Ludendorff, ergänzen einander in idealster Weise. Allerdings wird der aufrechte deutsche Mann ja in der uneingeweihten Masse nur zum unbewußten Juden gestempelt, erst in der eingeweihten Freimaurerei zum bewußten Mitarbeiter an der i<C. {Feuilleton Kaddisch vorKol-Nidre in der Prager Altneuschul. (Schluß.) Fünfzig Jahre sind verflossen. Rabbi Mordechai und sein Weib waren längst gestorben, auch der würdige Raf war heimgegangen zu seinen Vätern, auf dem Prager Rabbinerstuhle saß als sein Nachfolger sein Sohn. Als nun der greise Raf Moze Jomkipur *) die Synagoge verließ, wurde er von einem Krieger angesprochen. „Erlaubt," sprach der Fremde, „daß ich Euch in Eure Wohnung begleite!" Als die beiden in der Wohnung des Raf angelangt waren, hatte dieser Gelegenheit, den Fremden näher zu betrachten. Die Gestalt des greisen Kriegers war in einen Mantel gehüllt Die dunklen Feueraugen waren von der Macht des Alters nicht gebrochen, ein schneeweißer Schnurrbart überschattete die Lippen, welche stets ein schmerzhafter Zug umschwebte. Die Silberlocken verdeckten nur teilweise die Säbelhiebe an der hohen Stirn. Als er den Mantel ablegte, stand vor dem erstaunten Rabbi ein General der ungarischen Kavallerie, dessen Brust mit Ordensbändern und Sternen bedeckt war. Ehrfurchtsvoll erhob sich der Raf von seinem Sitze. „Bleibt, edler Rabbi!" sprach der Fremde. „Ihr kennt mich nicht mehr, es wundert mich nicht; es sind schon mehr als fünfzig Jahre, wir waren damals noch beide junge Männer, als ich bei Eurem seligen Vater war, und ich mag mich seit jener Zeit wohl bedeutend verändert haben. Ich bin der Korporal, der in den assers jeme hatschuwa **) des Jahres 1577 die Wache in der Judenstadt befehligte und dadurch in der Lage war, die hiesige Gemeinde vor unverdientem Unheil zu schützen." „Ich erinnere mich dieser Begebenheit um so lebhafter," sprach der Rabbi, „als mein Vater, sein Andenken sei gesegnet mir no^h auf dem Totenbette das Kaddischgebet am Kol-Nidre-Abend auf das strengste aufgetragen und mir dabei Eure Lebensgeschichte, die er bisher niemand mitgeteilt hatte, erzählte!" „Der edle Mensch!" sprach der General gerührt. „Wenn es Euch interessiert. Rabbi, so will ich Euch den weiteren Verlauf meines Lebens erzählen." „Euer würdiger Vater hatte mir gesagt: .Vielleicht ist es in dem unerforschlichen Ratschlüsse der Vorsehung beschlossen, daß Ihr einst Euren ehemaligen Glaubensbrüdern Schutz vor ungerechter Bedrückung gewähren sollt.' Seine Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen. Die hochgestellten Männer, die mich zur Taufe veranlaßt hatten, ließen mich keinen Augenblick außer acht, und zweifelsohne habe ich es nur ihren Bestrebungen zu danken, daß ich in in zwei Jahren zum Offizier befördert wurde. In dieser neuen Stellung war es mir möglich, mich nach den Meinen zu erkundigen, und ich erhielt eines Tages die erschütternde Kunde, mein Vater wäre gebrochenen Herzens gestorben, mein schutzloses Weib und mein Kind haben den Hungertod gefunden. Am Tage dieser Schreckensbotschaft bekamen wir die Nachricht, es sei Krieg ausgebrochen. Unser Regiment sollte den blutigen Reigen eröffnen; man führte uns gegen den Feind. Verzweiflung in der Seele, kämpfte ich wie ein Löwe, ich stürzte den feindlichen Kanonen entgegen, ganze Reihen sanken nieder, wir wateten bis an die Knie in warmem Blute, doch ich blieb verschont. Kugeln pfiffen um mich *) Dem Abend nach dem Versöhnungstage. **) Die zehn Bußtage zwischen dem Neujahrsfeste und dem Versöhnungstage.

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