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Die Wahrheit · 1927-11-04 · Heft 45 (4.11.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 45 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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£tstgkcint Jeden 3ceitag (Preis dieser JVunimer: 5© §rosdken D/E WA Hit HE IT Cesterreidiisdie Wocnensifkvift für jüdisdke Interessen ^j Vevöffenttidkumgen der „Union deutscnösterr. Juden" Redaktion und Administration : Wien it., JVeuiestfra/le Hilf. 13 Fernruf 42*2-16 v— XLIII. Jahrgang Wien, 4. November 1927 Kummer 45 Afe/tf Schreiben an den Bundesminister für Heerwesen Karl Vaugoin. Von D. Herzog. Ich habe am 20. Oktober 1. J. folgendes Schreiben an den Bundesminister für Heerwesen gerichtet: Euere Exzellenz! Hochgeehrter Herr Minister! Gestatten Sie, wenn ich mich mit folgenden Zeilen heute — wir hatten gestern und vorgestern Feiertage — an Sie wende. Veranlassung hierzu gibt mir Ihre am Montag hier in Graz gehaltene Rede, zu der ich selber gehen wollte, auch schon darum, um den mir lieben Stadtrat Schmidt zu hören. Am Schlüsse dieser Rede, mit der ich übrigens in vielen Punkten übereinstimme, haben Sie nach Zeitungsberichten die so häufig auf der Straße zu hörende Phrase vom „a 111 e s t a m e n 11 i c h e n Haß" gebraucht. Eine solche Phrase kann ich doch nur als einen Ausfluß des Hasses gegenüber dem Alten Testamente verstellen, was mir aber bei einem gläubigen Christen geradezu unverständlich ist, weil er ja dadurch den Ast absägt, auf dem er selber sitzt. Denn das Neue Testament ist und bleibt ohne Altes Testament ein Torso. Man vergleiche auch nur äußerlich zum Beispiel die „Bergpredigt" und Sie werden sehen, daß der größte Teil dieser Predigt Zitate aus dem Alten Testamente sind. Aber ich möchte Eurer Exzellenz noch weiter nachhelfen in bezug auf Ihre Kenntnisse des Alten Testaments und Sie hinweisen auf Stellen, wie Lev. 19, 18 b: [„Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst"]; Lev. 19, 33, 34: [„Und wenn sich ein Fremder bei dir aufhält in euerem Lande, so sollt ihr ihn nicht bedrücken. Wie ein Landeseingeborener aus eurer Mitte soll euch der Fremde gelten, der sich bei euch aufhält, und du sollst ihn lieben, wie dich selbst; denn ihr seid (auch) Fremdlinge gewesen in Egypten, ich bin der Ewige, euer Gott"]; Jesaia 1, 16, 17: [„Waschet, reiniget euch! Schafft mir eure bösen Taten aus den Augen! Hört auf Böses zu tun! Lernet Gutes tun! Trachtet nach Recht! Bringt die Gewalttätigen zurecht! Verschafft den Waisen ihr Recht! Führt die Sache'der Witwen"]; Jesaia 58, 6, 7: [„Ist nicht (vielmehr) das ein Fasten, wie ich es haben will: ungerechte Fesseln abnehmen, die Rande des Joches lösen, Zerschlagene frei ausgehen lassen und jegliches Joch sprengen, daß du dem Hungrigen dein Brot brichst und umherirrende Elende ins Haus hineinführst, daß, wenn du einen Nackenden siehst, du ihn bekleidest und deinem Fleische dich nicht entziehst?"]; Jesaia 66, 2: [„Auf solche aber blicke ich hin: auf die, welche elend und zerschlagenen Geistes sind und um meines Wortes willen erzittern"]; Micha 6, 8: [„Gekündet ward dir o Mensch, was frommt! Und was fordert Gott von dir außer Recht - zu tun, sich der Liebe zu befleißigen und demütig zu wandeln vor deinem Gott?"]; Maleachi 2, 10: [„Haben wir denn nicht alle denselben Vater? Hat nicht ein und derselbe Gott uns erschaffen? Warum handeln wir denn treulos gegeneinander, so daß wir den Bund unserer Väter entweihen?"], Stellen, die ich aus dem Alten Testamente noch verhundertfachen könnte. Wie kann man angesichts solcher Stellen von einem „alttestamentlichen Haß" sprechen? Exzellenz, ich stehe mit demutsvoller Gläubigkeit, ja mit Fanatismus zum Alten Testament und bin stolz darauf sagen zu können, daß ich keinen Haß gegen irgend einen Menschen in mir trage. Daß dies keine Phrase meinerseits ist, dafür bitte ich Sie, sich über mich, um nur einige Namen zu nennen, bei dem Bundeskanzler Dr. Seipel, bei Sr. bischöflichen Gnaden Dr. Ferdinand Pawlikowsky, bei Minister a. D. Prof. Dr. Anton Rintelen und noch vielen anderen zu erkundigen. Ja, ich will Ihnen noch mehr sagen: An demselben Tage, also am Dienstag, den 18. d. M., wo Ihre Rede in den Zeitungen abgedruckt war, habe ich in unserem Gotteshause vor sehr großer Zuhörerschaft unter allgemeiner Zustimmung eine bereits mehrere Tage vorher konzipierte Rede gehalten, in der ich unter anderem sagte: Wir stehen in einer Serie von Krisen: Wirtschaftskrisen, Justizkrisen und in einem Parteihader, der sich leider bereits so weit austobt, daß man sogar gegeneinander rüstet und selbst vor kampfmäßigen Folgerungen sich nicht scheut. Wohin aber soll das führen? Und weiter : Wir sollen keiner Partei angehören, wir sollen dorthin gehören, wo alle Menschen — ohne Unterschied — mit gleicher Liebe und dem gleichen Wohlwollen umspannt werden. Exzellenz! Ist das „alttestamentlicher Haß"? Nun, ich muß sagen, Sie haben mir wehgetan! Sie haben mir nicht allein als Juden wehgetan, sondern Sie haben mir

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