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Die Wahrheit · 1927-10-28 · Heft 44 (28.10.1927) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 44 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 Veröffentttihun&en de/ »Union deutsdköstetteicfiisdkev Juden Wien IX. ££erf*gosse % &ost8&metk4aaaem- JVontfo JTr. £TeI. 10-2-77 J> Werktätige" Juden. Seit den Wahlen hat man wenig mehr von der „Vereinigung werktätiger Juden" gehört. Sie wurde damals ad hoc gegründet, um hauptsächlich in der Leopoldstadt den Sozialdemokraten „Freundschaftsdienste bei der Gewinnung jüdischer Stimmen zu leisten. Wenn diese Partei bei den Nationalratswahlen tatsächlich im II. Bezirk gewisse Erfolge auch bei den Juden zu verzeichnen hatte, so ist dies wahrlich nicht so sehr auf das Konto der „Werktätigen Juden" zu schreiben, deren parteipolitisch einseitige Tätigkeit absolut nicht das Gefallen der haranguierten jüdischen Wähler fand, sondern sicher viel mehr dem Umstand, daß die Zumutung Dr. Seipels, Riehl zu wählen, mit der Wahl der Gegenpartei beantwortet wurde. Das Triumphgeheul war also ganz unberechtigt. Seit damals nun war es still bei den „Werktätigen" geworden. Nun aber rühren sie sich wieder, abermals sind es Wahlen, die ihre Tätigkeit veranlassen, die überhaupt nur die einer „werktätigen Wahlvereinigung" zu sein scheint. Die nächstjährigen Kultuswahlen haben die größtenteils anonym bleibenden Herren aus dem Sommerschlaf gerissen und ihnen gilt ein Aufruf, der dieser Tage in Wien verteilt wurde und mit dem wir uns in dieser Rubrik notgedrungen beschäftigen müssen, weil auch die „Union deutschösterreichischer Juden" einer herausfordernden Kritik unterzogen wird. Es widerfährt ihr sogar die besondere Ehre, daß diese Kritik unserer Vereinigung an die Spitze des Aufrufes gestellt wird, wo der „Union" mit folgenden Worten gedacht wird: „Die Union deutschösterreichischer Juden ist von der Gegenwart bereits überholt, sie wurzelt in der Vergangenheit, steht der Demokratie, der Arbeiterschaft, dem Sozialismus, der jüdischen Renaissance feindlich, im besten Falle kalt und fremd gegenüber." So viel Worte, so viel Verdrehungen. Die „Union" soll „von der Gegenwart bereits überholt" sein. Diejenige Vereinigung, die heute die Majorität der Wiener Juden repräsentiert, der diese große Mehrheit bisher bei allen innerjüdischen Wahlen immer wieder das Vertrauen geschenkt hat, die, gestützt auf dieses oft bekundete Vertrauen, bei allen innerjüdischen Aktionen führend voranschreitet, ist „überholt". Bei einer solchen Behauptung ist wohl nur der Wunsch der Vater des Gedankens. Eine Begründung fehlt ihr vollkommen. Oder soll die „Begründung" in dem Satze liegen: >,Die Union wurzelt in der Vergangenheit"? Wenn diese Behauptung einen Vorwurf beinhalten soll, so kann die „Union" ihn ruhig auf sich nehmen. Ja, sie blickt mit Stolz auf ihre ruhmreiche vierzigjährige Vergangenheit zurück, in der sie wiederholt in kritischen Tagen für die arg bedrohten Rechte der österreichischen Juden eingetreten ist. Damals, als sie allein den schweren Kampf ausfocht, begründete sie ihre dominierende Stellung, die sie heute noch innehat. Und aus diesen furchtbaren Abwehrkämpfen hat sie auch die Lehren für die Gegenwart gezogen, in der sie ebensosehr auf dem Platze ist wie ehedem. Deshalb trifft der Vorwurf der „Verwurzelung in der Vergangenheit" ganz daneben, schon deshalb, weil dies einer jüdischen Körperschaft nur zur Ehre gereicht, denn wir Juden können wahrlich stolz sein auf unsere Vergangenheit und müssen Schlagworten nicht blind Gefolgschaft leisten, wenn sie auch angeblich „modern" sind. Nichts als solche moderne Schlagworte sind auch die weiteren Vorwürfe des in Rede stehenden Aufrufes. Die „Union" soll der „Demokratie feindlich gegenüberstehen". Das grenzt schon an Verleumdung. Die „Union", die in ihrem jahrzehnte^ langen Ringen um die Gleichberechtigung immer wieder betont hat, daß nur durch die Handhabung wahrer Demokratie im Gesetz, Recht und öffentlichen Leben ihr Ziel erreicht werden kann, ist „undemokratisch"! War sie es auch heuer, als sie gerade von diesem ihren Standpunkte aus sich bei den Wahlen nur einer demokratischen Partei anschloß? Der Erfolg blieb aus, aber das spricht nicht gegen die Ehrlichkeit unserer demokratischen Gesinnung, deren Anzweiflung wahrlich ein starkes Stück ist. Allein diese demokratische Gesinnung ist uns und vielen mit uns nicht identisch mit Sozialdemokratie, die den von uns perhorreszierten Klassenkampf predigt. Sie tut dies neuerdings eben durch die „Werktätigen Juden" auch unter den Juden und will so einen Trennungsstrich zwischen dem jüdischen bürgerlichen Mittelstand und der Arbeiterschaft ziehen, die bisher gut miteinander harmonierten. Steht die „Union" tatsächlich „der Arbeiterschaft feindlich, im besten Falle kalt und fremd gegenüber"? Läßt sich die Wiener Kultusgemeinde, in der unsere Parteigenossen seit Jahren die Majorität besitzen, wirklich nicht, wie es ihr an einer anderen Stelle des Aufrufes imputiert wird, von „sozialen Grundsätzen in ihrer Arbeit für die Kranken, die Armen und Wandernden leiten"? Statt jeder Antwort von uns, die auf das großzügige Wohlfahrtswerk der Gemeinde hinweisen müßte,

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