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Die Wahrheit · 1927-10-28 · Heft 44 (28.10.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 44 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 UMiSnBIiiiill iimimniimniMnnnTiirTnimnufnin.nnfTTiiniiioiiiminLimii die wahrheii Als Vizepräsidentin fungierte früher jahrelang Frau Marie Schrötter und seit dem 24. Jänner 1900 meine Fraj, Babette Rosenmann. Was das Wesen dieses vornehm geleiteten Vereines besonders auszeichnet, ist das Erfassen fast sämtlicher Zweige der Wohltätigkeit Es werden ebenso monatliche Unterstützungen wie Medikamentenbeistellungen den Armen geboten; ebenso Kinderbekleidungen (zu Chanukka) durchgeführt, wie Beiträge zur Ausheiratung armer Bräute geleistet. Die Fürsorge für die jüdischen Kostkinder (nach einem von mir gemachten Vorschlage) hat der Vorstand des Vereines seit 1898 in seinen Wirkungskreis gezogen, wie er auch für die Unterbringung der erholungsbedürftigen Schulkinder in den Ferienheimen sich bemüht. Es ist wohl selbstverständlich, daß dieses umfangreiche Arbeitsgebiet und das noch größere der Aufbringung der hierfür nötigen Geldmittel nur durch einen Stab tüchtiger Vorstandsdamen bewältigt werden kann, deren Namen den besten Familien des Bezirkes angehören. Hat somit der Frauenwohltätigkeitsverein in Floridsdorf eine normale Entwicklung genommen, so war der Talmud- Thora-Verein fast stets das Sorgen- und Schmerzenskind. Wohltat in Form von Erziehung, und zumal wenn diese religiöser Natur ist, wird selten gewürdigt und anerkannt und nicht allzu häufig gefördert. Und doch gilt das Wort der Weisen, „daß Talmud-Thora alles aufwiege". Die Schwierigkeiten lagen, wie bereits hervorgehoben, in den wirtschaftlichen Verhältnissen, die manche Eltern davon abhielten, sieb den Kindern zu widmen, aber auch in der räumlichen Ausdehnung der zu Floridsdorf vereinigten Ortschaften. (Betragt doch jetzt die Fahrt mit der Elektrischen im 21. Bezirk fast eine volle Stunde.) Auch die Lokalfrage war vor Fertigstellung des Anbaues zum Tempel ein nicht leicht zu überwindendes Hindernis. Als mir daher nach dem Antritte des Rabbinates (1897) das Ehrenpräsidium und die Leitung der Schule übertragen wurde, schien diese Ehrung illusorischen Charakters zu sein. Mit dem Obmann Dr. M. Schrötter zusammen konnte aber bald alles ins richtige Geleise gebracht werden. Bei der Direktion der Knabenbürgerschule vermochte ich die unentgeltliche Ueberlassung eines Schulzimmers für den Talmud-Thora-Unterricht zu erwirken; die fehlenden Geldmittel wurden in der ersten Zeit teilweise aus eigenem von mir und einem Großteil der Vorstandsmitglieder beigesteuert und eine stark einsetzende Propaganda brachte eine stattliche Anzahl von Kindern, so daß noch eine obere Unterrichtsgruppe (der Bürgerschüler) gebildet werden konnte, die ich bereitwillig übernahm. Nach dem Heimgange des Obmannes Dr. M. Schrötter (25. März 1899) wurde Dr. M. Löwy, der erste Gründer des Vereines, wieder zum Obmanne gewählt. Nach der Resignation desselben trat Dr. Leopold Grünwald an die Spitze des Vereines. Der Vorstand bestand außerdem aus Max Neu mann als Obmannstellvertreter, Simon Czuczka, Beny Deutsch, Gabriel Dukes, Emanuel Grünwald und Ignatz Low. Nach dem Hinscheiden Dr. Leopold Grünwalds folgte Max Neumann und sodann Dr. S. Ruß. Dieser stand der Talmud-Thora wohl in der schwersten Periode vor. Die Kriegs- und die unmittelbare Nachkriegszeit wirkte selbstverständlich zerstörend auf den Betrieb der Schulen und um so mehr auf den der Talmud-Thora. Dr. S. Ruß wurde von Dr. Max Ticho abgelöst, der auch gegenwärtig dieses Ehrenamt bekleidet. Als Lehrer wirkten an der Schule in der ersten Zeit B r a c k 1, Adolf Ehrenfest und Ignatz Low; hierauf auf einige Zeit der jugendliche Karl Ehrenfest, später Mittelschulprofessor und als solcher früh verblichen; gegenwärtig sind an der Schule tätig Kantor und Religionslehrer J. Eibenschütz und Kantor und Religionslehrer Wilhelm Steiner. Der Unterricht an der seit zwei Jahren geschaffenen Abteilung für die Mittelschüler sowie die Leitung der Schule wird von mir besorgt. — Die Floridsdorfer Kultusgemeinde konnte somit, um den Rückblick zusammenzufassen, über die Schwelle des 19. Jahrhunderts in aufblühendem Zustande schreiten; sie stellte zudem eine Körperschaft dar, die administrativ über drei Bezirkshauptmannschaften sich erstreckend, den Anlauf nahm, die größte Provinzgemeinde in Niederösterreich zu werden. Da trat ein Vorgang ein. der ihre Entwicklung in eine ganz andere Richtung lenk e n s o 111 e, (Schluß folgt.) Schwarzbard freigesprochen! Am vergangenen Dienstag begann in Paris unter größter Aufmerksamkeit der ganzen Welt der Prozeß gegen den jüdischen Uhrmacher aus der Ukraine, S c h a 1 o m Schwarzbard, der im Mai 1926 den ukrainischen Kosakenhetmann Petljura in Paris auf offener Straße erschossen hat. Der Ermordete war ein wahrer Bluthund, ein Mann, "cTer die entsetzlichen Judenpogrome in der Ukraine in den zwei ersten Nachkriegsjahren zumindest durch ihre Duldung in erster Linie auf dem Gewissen hat. Wer noch bisher daran zweifelte, der konnte sich durch die von der rührigen Verteidigung inzwischen bekannt gegebenen eingehenden Akte über Verlauf, Art und Vorgeschichte der furchtbaren Massenmorde davon überzeugen, daß damit wahrlich nicht zuviel gesagt ist (Siehe den Leitartikel unserer letzten Nummer). Es steht deshalb zu hoffen, daß das französische Geschworenengericht nicht nur die Tat, sondern auch ihre Motive in Betracht ziehen wird. Als Mensen, der unsäglich Schauerliches in seiner Heimat angesehen und aus einer gewissen Psychose heraus gehandelt hat, als schwacher Mensch, dem grausige Erlebnisse den Revolver in die Hand drückten, mag Schwarzbard in Paris ähnlich milde Richter finden, wie die bekanntlich gar nicht weichherzigen Berliner Geschworenen den Mörder Talaat Paschas, des geistigen Urhebers der armenischen Massenmorde, freigesprochen haben. Interessant ist die Art der Aufzäumung des Prozesses von den verschiedenen daran beteiligten Seiten. So wird sogar vom Generalprokurator versucht, aus der Tat Schwarzbards eine bolschewistische Aktion zu machen, ein von Kommunisten inspiriertes Attentat gegen das von rassischen Emigranten in Paris vertretene reaktionäre Regime. Die Verteidigung, an deren Spitze der bedeutende französische Anwalt Torres steht, war deshalb gezwungen, in anderthalb Jahren alles erreichbare Material an Ort und Stelle zusammenzutragen, das durch seine Vollständigkeit ebenso sehr ein klares Bild über die der Kulturwelt bis dahin noch lange nicht genügend bekannten entsetzlichen Vorgänge in der Ukraine bietet, wie die aufgeführten Tatzeugen jeden weiteren Zweifel beseitigen. Der Privatbeteiligtenvertreter Campinchi will gar durch Zitierung von ukrainischen politischen Mitarbeitern Petljuras diesen als einen unschuldigen „Freund der Juden" den Geschworenen glaubhaft machen. So konnte die Aufrollung der größten jüdischen Tragödie unseres Jahrzehntes vor einem neutralen Gericht nicht ohne erregte, temperamentvolle Zusammenstöße bleiben. Der Sensationsprozeß brachte auch vor seiner Beendigung einen für Gericht und Zuhörer . gleich überraschenden, völlig unerwarteten Knalleffekt. Während man noch mit einer ziemlich langen Verhandlungsdauer gerechnet hatte, erklärte Torres zur allgemeinen Verblüffung plötzlich, daß er auf alle weiteren von der Verteidigung geführten Zeugen verzichte, da eine Reihe der von der Anklagebehörde geführten Zeugen so außerordentlich günstig für Schwarzbard ausgesagt habe. Sein Verzicht sei davon abhängig, daß" auch Campinchi von der Einvernahme der restlichen Belastungszeugen Abstand nehme. Diese Erklärung Torres rief ungeheure Sensation hervor. Da Campinchi sich einverstanden erklärte, hat der Prozeß — es hätten noch etwa hundert Zeugen verhört werden sollen -- ein unerwartetes Ende gefunden. Der Prozeß endete, wie man allgemein vorausgesehen hatte, mit dem Freispruche des Angeklagten. Wir kommen auf das Urteil zurück. 'm Sorgfältigste Lieferung in plombierten Säcken von |§ 1 Sack 50 kg angefangen franko Haus, ebenso in Fuhren und Waggons * I JULIUS HABER § Kohlen- und Koksgroßhandlung s H Für Tempel- und Wohlfahrts vereine Ansnahmspreiee Ü Nordbahnrutschen 1 3. Kohlenhof Nr. 372-376 Wien IL, Taborstraße 9 Fernsprecher Nr. 41-0-22

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