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Die Wahrheit · 1927-10-28 · Heft 44 (28.10.1927) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 44 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 itiiiniuiniiiiiiiiiMiM DIE WAHRHEIT Stinkbomben aufgenommen und mit allerhand Mätzchen den Erwachenden zu Liebe abgesetzt wurde, kennzeichnet den Geist dieser Herrschaften wohl eindeutig genug. Es ist der Ungeist, der jahrelang Ungarn beherrscht hat. und wenn seine Regierung nun einmal mit ihm brechen will, so muß sie dies vielen reaktionären Widerständen zum Trotz tun. Die Lehrernot in Palästina, Von Prof. S. K r a u s s. Nicht daß das Land Not hätte an Lehrern, nein, so ist es nicht gemeint, sondern die Lehrer haben Not — an Brot. Das ist ein tieftrauriger, ein tiefbeschämender Zustand. Dem jüngst verflossenen XV. Zionistischen Kongreß in Basel lag (hebräisch und deutsch) je eine Broschüre vor, in der sich bekannte Männer der Judenheit: Joseph Aharonowitsch, einer der Führer der Partei „Hapoel Hazair" und Vizedirektor der Arbeiterbank, Ch. N. Bialik, der berühmte hebräische Dichter, Rabbiner Meir Berlin, Vorsitzender der Misrachi-Weltzentrale, M. Dizeng o f f, ehemaliges Mitglied der Zionistischen Exekutive und ehemaliges Stadthaupt von Tel-Aviv, Doktor B. Mossinson, Vorsitzender des Waad Hacliinuch (= Unterrichtskommission), und A. Arnon, Vorsitzender der Zentrale der Lehrerorganisation in Palästina, über die brennende Frage des Erziehungswesens im Heiligen Lande äußern. Sich äußern? Nein, sie klagen, sie klagen an! Da erfahren wir, daß es Erschütterungen im Schulwesen, Reibungen und Zwistigkeiten zwischen den Lehrern und der Zionistischen Organisation gab, „nicht wegen der Verspätung der Gehaltszahlungen . . . , die natürlich den Lehrern sehr zur Last waren, sondern ehen infolge dieser Geringschätzung, aus dem Gefühl heraus, das die Lehrer haben, daß man sie als unproduktive Menschen hingestellt hat . . . Nur deswegen gab es Streiks und Streikdrohungen." Höret und staunet! Der Lehrer ein unproduktiver Mensch, den man ganz gut zur Seite schieben kann. Und diese armeH Lehrer streiken nicht etwa darum, daß man sie auf Hungerlöhne setzt, daß man ihnen diese Hungerlöhne spät oder überhaupt nicht ausbezahlt, sondern — weil man sie sozusagen beleidigt, indem man ihr Tun und Schaffen als umproduktiv hinstellt, also als etwas, das für den Jischuw (Kolonisation des Heiligen Landes) unnötig erscheint. Es wurde sogar die Parole ausgegeben: Entweder Aufbau oder Kultur — für beides zugleich langt das Geld nicht. Unter den Möglichkeiten, die Einnahmen zu vergrößern, rechnet der Bericht auch mit der Beteiligung der Lehrer. Auch das ist ein wunderlicher Begriff. Die armen Lehrer sollen auch noch zur Erhaltung der Schule beitragen. Und das auf die Weise: Sie vermehren die festen Arbeitsstunden, natürlich ohne Entgelt, sie verzichten auf einen Teil des Gehaltes, sie leisten Geldspenden (in diesem Jahre in der Höhe von 1000 Pfund Sterling), um neue Klassen eröffnen zu können. Was tut dagegen die Zionistische Organisation? Sie widmet aus dem Einkommen des Keren Hajesod dem Erziehungswesen kaum 10 Prozent, indem sie in den letzten fünf Jahren ihren Beitrag um 28 Prozent hat sinken lassen. Man berechnet, daß ungefähr soviel auch von dem zaristischen Rußland für Volksbildung ausgegeben wurde. Es ist wahr, daß ungefähr in demselben Maße die palästinensische Regierung ihren Beitrag zum hebräischen Schulwesen e r h ö ht hat; vom früheren Budget von 2500 Pfund Sterling ging sie auf 10.000 Pfund Sterling und auf dringendes Ersuchen des Jischuw heuer auf 20.000 Pfund Sterling hinauf; das ist aber das Maximum, das sie zu geben erklärt. Das Vorgehen der Regierung soll hier nicht kritisiert werden; es wurde ja im Laufe des Kongresses genug davon gesprochen, wie schwere Enttäuschungen die Mandatsmacht in politischer Beziehung der zionistischen Idee bereitet. Im Verhältnis zu früher ist ja ihr neuerliches Erziehungsbudget ungeheuer günstig. Sie geht bei der Bemessung von der scheinbar richtigen Ansicht aus, daß Araber und Juden nach ihrer Kopfzahl zu bedenken seien. Wird man nun mit dem erhöhten Regierungsbeitrag sein Auslangen finden? Mit nichten! In der vorhin erwähnten Broschüre wird ziffernmäßig berechnet, daß der Ausfall an Einnahmen größer sein wird als das Plus der Bewilligung. Ein beträchtlicher Teil der Schulkosten in Palästina, über 40 Prozent, wird nämlich von dem „Jischuw" selbst, das ist von den Eltern der Schulkinder, den einzelnen Gemeinden und Kolonien getragen, was gewiß löblich ist und eine große Leistung darstellt. Aber welche Anstrengung kostet das! Wie werden Private und Gemeinden belastet! Die wirtschaftliche Not, die gegenwärtig im Heiligen Lande herrscht, läßt eine starke Abnahme dieser Zahlungen befürchten. Die Stadtgemeinde Tel-Aviv, die relativ reichste im Lande, hat jetzt schon beschlossen, ihre Beisteuer von 12.500 Pfund auf 7000 Pfund herabzusetzen; einen ähnlichen Beschluß faßte die PICA, die an vierter Stelle zu nennende Erhalterin der palästinensischen Schulen, und diese beiden Posten allein machen schon das wett, was die Regierung, an Plus bewilligt hat. Das alles wußten die Herren am Kongreß sehr genau, sie wußten noch mehr, denn die Erbitterung und Hoffnungslosigkeit äußerte sich ihnen gegenüber weit stärker, als in der Broschüre niedergelegt ist. Was ist nun auf dem Kongreß zur Sanierung dieses wahrhaft betrübenden Uebels geschehen? Man lese den Bericht vom Abend des 10. Septembers, wo unter dem Vorsitz von Doktor Mossinsohn folgendes beschlossen wurde: „Der Kongreß beauftragt die Zionistische Exekutive in Palästina, im Einvernehmen mit dem Waad Leumi (= Nationalrat) eine aus den Vertretern der Zionistischen Organisation und des organisierten Jischuw in Palästina zusammengesetzte Kommission zu schaffen zwecks Klärung der Erziehungsprobleme in Palästina auf Grund der durch die Annahme des Gemeindegesetzes geschaffenen Lage." Die neuen Gemeindegesetze bilden offenbar nur den Vorwand, um beraten zu können. Also ist man glücklich dahin gelangt, eine eminent brennende Frage an — eine Kommission zu verweisen. Bis dahin sollen Schulen eingehen, Hunderte von Kindern, die keine Aufnahme finden können, ohne Unterricht bleiben oder zumindest

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