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Die Wahrheit · 1927-10-28 · Heft 44 (28.10.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 44 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT ßWSfflBBBBSBKBM Seite 5 sich mit den staatlich konzessionierten Geschäftszweigen — und macht gerne ein Kompaniegeschäft mit dem der Konzession verlustig erklärten alten jüdischen Kinobesitzer oder Gastwirt. Der Numerus clausus hat den Juden Ungarns bisher keinen materiellen Schaden zugefügt, denn in Ungarn gibt es heute kaum schlechtere Berufe als den Beruf eines Rechtsanwaltes, Arztes oder Ingenieurs. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die Angehörigen dieser Berufszweige in Ungarn heute buchstäblich darben. Unerträglich aber ist für jeden Juden die moralische Brandmarkung, die der Numerus clausus für ihn bedeutet. Aber da muß man sich wieder fragen, ob der Staat, der ein solches Gesetz aufrechterhält, sich damit nicht selbst am ärgsten brandmarkt. Am schwersten empfinden die ungarischen Juden die Verfolgung durch die Fremdenpolizei. Sie hat schon viele jüdische Existenzen vernichtet. In Ungarn gibt es heute, mit Ausnahme der Bauern, die schon seit Jahrhunderten auf derselben Scholle sitzen, nicht viel Menschen, deren Staatszugehörigkeit einwandfrei geregelt ist. Die städtische Bevölkerung — deren Entwicklung ja nur auf einige Jahrzehnte zurückgeht — setzt sich in ihrem jüdischen wie in ihrem christlichen Teil hauptsächlich aus Zugewanderten zusammen, die aus Gebieten stammen, die jetzt unter fremde Herrschaft gelangt sind. Es gibt wohl Gesetze und Verordnungen, die jedem aus „Großungarn" stammenden Einwohner des heutigen Gebietes die Erwerbung der Zugehörigkeit zum heutigen Ungarn erleichtern, doch versteht man es, durch die unmöglichsten bureaukratischen Kniffe, Gesuche, auf denen das ominöse „isr." steht, abschlägig zu erledigen. So wurden Juden, deren Familien seit vielen Jahrzehnten in Ungarn ansässig sind und die gar keine andere Sprache sprechen als die ungarische, nach der Tschechoslowakei, Rumänien oder Serbien ausgewiesen. Häufig sind jüdische Familien, die schon in der zweiten oder dritten Generation in Ungarn lebten, ausgewiesen worden, weil sie die Formalitäten der Erwerbung der ungarischen Staatszugehörigkeii außerachtgelassen haben, obzwar man nach den ungarischen Gesetzen nach einer gewissen Zeit der Ansässigkeit automatisch die ungarisch© Staatsbürgerschaft erwirbt. Nicht selten erfahren die ausgewiesenen Juden erst aus dem Bescheid der Behörde, woher sie eigentlich stammen. Die Fremdeupolizei veranstaltet in der letzten Zeit häufig wahre Razzien auf „fremde" Juden, besonders in den Grenzgebieten. Dabei respektiert sie nicht einmal die Gotteshäuser. Jüngst umstelltesieeineSynagogeundfaßtedie Judennach dem Gottesdienst einzeln ab, und vorlangte von ihnen an Ort und Stelle Nachweis ihrer Staatszugehörigkeit*). Stolz meldete die Polizei dieser Tage, den Fremdenrazzien der letzten Zeit seien 2800 Menschen zum Opfer gefallen. *) Wfr haben über diese „Heldentat" berichtet (D. Red.) 1B>3 KUNEROL Doch, wie gesagt: derheutige Zustand bedeutet immerhin einen großen Fortschritt gegenüber den Zeiten, in denen man, wollte man nicht Leben oder wenigstens Gesundheit riskieren, in Budapest nach acht Uhr abends am besten nicht auf die Straße ging ... Y. * * * Im obigen Artikel spricht der Budapester Berichterstatter von der „moralischen Brandmarkung, die der Numerus clausus für jeden ungarischen Juden bedeute*'*. Er gibt weiters dem richtigen Gedanken Ausdruck, daß sich am ärgsten aber durch dieses Gesetz der ungarische Staat selbst brandmarkt. Dieses Gefühl der Blamage vor der ganzen europäischen Kulturwelt scheint nunmehr spät, aber doch in den Kreisen der ungarischen Regierung durchgedrungen zu sein, die jetzt an eine Abänderung dieses skandalösen Gesetzes schreiten will. Es spielt hierbei wohl neben finanzpolitischen Gründen gewiß eine große Rolle, daß damit nur eine Einlösung jenes Versprechens erfolgt, das dfe ungarische Regierung vor schon sehr geraumer Zeit vor dem versammelten Völkerbund in Genf gegeben hat. Was immer aber die Beweggründe der Sinnes- und Gesetzesänderung sein mögen, für die schwer leidende ungarische Judenschaft ist es von größter Wichtigkeit, daß überhaupt hier einmal ernstlich Remedur geschaffen wird Wohl sind die bis jetzt vorliegenden Nachrichten noch mit allergrößter Vorsicht aufzunehmen, wohl kommt die Gesetzesänderung auch für das heurige Studienjahr viel zu spät, aber immerbin, es ist ein Anfang zur Besinnung auf diä Würde des Staates. Doch schon dieser zaghafte Beginn paßt den ungarischen Erwachenden nicht, sie Tühren steh wieder energisch und haben die Ankündigung des Gesetzentwurfes mit einer Verprügelung jüdischer Studenten beantwortet. Nach der Politik kommt das Theater an die Reihe. Wir haben keine Veranlassung, dem getauften Direktor des ungarischen Nationaltheaters, Hevesy, oder dem ebenfalls getauften Dichter des Maria-Theresila-Stückes „Die Großherrin", Desider Szomory, das Wort zu reden, aber die Art und Weise, wie dieses im übrigen hochpatriotiscbe Werk, das bereits in der Monarchie oft gespielt wurde, bei seiner Reprise von den rasseschützlerischen Radaubrüdern mit Verbürgt reines Fett ans Kokos* nassen. Die Kokosnüsse werden bei der Kunerolwerke A. G^Wien* Atzgersdorf, gepreßt and die Er« seagang steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrab* biners S. Ehrenfeld zaMattersburg. Kttnerol kann daher von jedem Streng» glaubigen ohne Bedenken zur Zuberei* tung der Speisen verwendet werden*

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