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Die Wahrheit · 1927-10-28 · Heft 44 (28.10.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 44 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 mm.....llilliiiilMM DIE WAHRHE11 sollen im Rate (council) wie in der Exekutive sitzen. In der schon erwähnten Vereinbarung mit den Amerikanern unter Führung Louis Marshalls vom 17. Jänner 1927 werden dann 40 Prozent der nichtzionistischen Sitze für die Amerikaner verlangt. Die Richtlinien des Wiener Zionistenkongresses werden darin anerkannt. Auch diese Abmachungen sind eine recht bedenkliche Vorwegnahme für die nichtzionistischen Organisationen außerhalb der Vereinigten Staaten von Nordamerika, sofern solche die Neigung haben, das nationaljüdische Heim errichten zu helfen. Der Stand der Verhandlungen über die Erweiterung der Jewish Agency ist in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Das deutsche und österreichische Judentum ist damit noch nicht befaßt worden. Ersichtlich sollen erst die Verhandlungen mit dem weit wichtigeren Amerika zum Abschluß kommen. Dabei werden die Grundlagen ausgemacht. Aber ehe das letzte Wort in Amerika gesprochen ist, wird noch viel Wasser den Jordan hinunterfließen. Mit Louis Marshall ist in dem eben erwähnten Abkommen ein Einverständnis dahin erzielt worden, daß „unverzüglich eine autoritative Kommission ernannt werden soll mit der Aufgabe, das ganze Feld des Aufbauwerkes in Palästina, soweit es in die Kompetenz der Agency fällt, einer Uebersicht zu unterziehen, mit der Maßgabe, daß, sobald als die Kommission ihren Bericht erstattet hat, die formelle Konstituierung der erweiterten Agency unverzüglich erfolgen soll". Diese „autoritative Kommission" besteht aus: Sir Alfred Mond (England), Direktor Oscar Wassermann (Deutschland), Dr. Lee K. Frankel (Amerika), Felix Warburg (Amerika). Sie hat bereits eine stattliche Anzahl Sachverständiger nach Palästina entsandt. Als Ziel ihrer Arbeit bezeichnet sie „die Aufstellung eines umfassenden und systematischen Programms für die zukünftige konstruktive Arbeit in Palästina und eines Wegweisers für eine reorganisierte Jewish Agency zu erleichtern." Dr. Weizmann rechnet damit, daß die O u t a c h t e n im März/April 1928 fertig vorliegen werden. Ob dieser Termin innegehalten wird, läßt sich nicht voraussagen. Jedenfalls werden aber nach dem Erscheinen der Gutachten die entscheidenden Schritte erfolgen. Die Bereitwilligkeit seiner Teilnahme an der Jewish Agency erklärte das italienische Judentum. Nähere Bedingungen dafür sind bisher nicht mitgeteilt worden. In H o 11 a n d, der Tschechoslowakei, Polen, Frankreich fanden Vorbesprechungen oder eine Fühlungnahme statt. Bindende und letzte Beschlüsse liegen noch nicht vor. Die maßgebenden englischen nichtzionistischen Körperschaften (Board of DeDuties und Anglo- Jewish Association) sind unter Zubilligung von 40 Prozent der Sitze an die nichtzionistischen Amerikaner entschlossen, in die Agency zu gehen, aber „on equal basis with the Zionists", auf gleicher Grundlage wie die Zionisten. Das ist eine Bedingung, die unter Umständen viel bedeuten kann. Die Frage ist, ob die erweiterte Jewish Agency, sollte sie Zustandekommen, wirklich den Zionisten den sehnlich erwarteten Geldsegen bescheren wird. Doch das ist spätere Sorge. Darüber aber kann kein Zweifel bestehen, daß das Problem der Jewish Agency auch von den nichtzionistischen deutschen und österreichischen Juden mit dem Ernste wird alsbald geprüft werden müssen, den es durch seine nach verschiedenen Richtungen gehende Bedeutung verdient. Unser unerschütterliches Vaterlandsgefühl, unsere jüdische Liebe zu einer religiösen und philanthropischen Palästinaarbeit werden auch über diesen Entscheidungen als Leitstern leuchten. Staatsbürger zweiter Klasse. Budapest, im Oktober 1927. Der Antisemitismus hat sich in Ungarn sozusagen konsolidiert. Seine Träger sind nicht mehr „unverantwortliche Elemente", wie man seinerzeit die Detachements der Weißgardisten, die „Erwachenden Magyaren" und andere gegenrevolutionäre Formationen nannte. Heute gehört der Antisemitismus schon offiziell zu den selbstverständlichen Grundsätzen der Regierungskunst und der staatlichen Verwaltung. Der Jude ist Staatsbürger zweiter Klasse, man läßt ihn nicht aufdie Hochschule — läßt ihn womöglich schon bei der Aufnahmeprüfung zur Mittelschule durchfallen, er bekommt keine Kinokonzession, keine Tabaktrafik, keine Gasthauskonzession, und wenn er nicht ungarischer Staatsbürger ist, auch keine Aufenthaltsbewilligung. Was immer man vom Staat verlangt, man kann von vornherein auf eine ungünstige Erledigung gefaßt sein, wenn in einer gewissen Rubrik, bescheiden abgekürzt, „isr." steht. Und diese Rubrik fehlt auf keinem staatlichen Formular, sie muß auf jedem Gesuch ausgefüllt werden. Meist hat man auch auf die Frage zu antworten: „Welchem Glauben gehörte Bittsteller vorher an?" Jahrzehnte hindurch war es das Bestreben der ungarischen Staatsgewalt gewesen, die Juden national zu assimilieren; deshalb erleichterte man die Magyarisierung der Namen in der Weise, daß jedermann gegen Erlegung einer Gebühr von einer Goldkrone ohne weiteres einen ungarischen Namen annehmen konnte. Da die Staatsgewalt — und auch die Gesellschaft — sich nicht darum kümmerte, ob der Jude gleichzeitig auch seine Religion ablegte, verschmolzen die ungarischen Juden rasch national und gefühlsmäßig mit dem übrigen Ungartum. Es ist bekannt, daß sie meist an Chauvinismus den „Originalmagyaren" noch überboten. Heute gibt es für Juden keine Namensänderung mehr. Man müßte schon ganz hohe Protektion haben, um die Bewilligung dazu zu bekommen. Die Juden haben sich an diese Lage schon gewöhnt und dulden sie still. Vor nicht zu langer Zeit ist es ihnen ja noch viel schlimmer ergangen. Heuteistwenigstensihrekörperliche Sicherheit gewährleistet. Wirtschaftlich haben sie sich auch zurechtgefunden. Die „christliche Mittelklasse", das heißt der Beamtenadel, der durch den Verlust von zwei Dritteln des Landes um seine alten Existenzgrundlagen gekommen war und die Juden aus den ihren verdrängen wollte, begnügt

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