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Die Wahrheit · 1927-10-28 · Heft 44 (28.10.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 44 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT illllllilllllllllllM in der Jewish Agency vorzubeugen, fordert Wladimir J ab otinsky, der populäre und gewitzte Führer der Revisionist en-Zionisten, seit langem das Zweikammersystem für die Agency: eine Kammer, die zionistische, soll die politischen Geschäfte besorgen, der zweiten, nichtzionistischen, ökonomische genannt, soll es gnädig gestattet sein, die Mittel für den Aufbau zusammenzubringen und zu bewilligen. Von den politischen Geschäften hat sie aber die Hände zu lassen. Ein allzu durchsichtiger Vorschlag. Abgesehen davon, daß die Art der Geldbewilligung ja auch schon politischen Anstrich hat, ist zu erwarten, daß ein halbwegs klarsehender und auf seine Würde bedachter nichtzionistischer Palästinafreund in dieses Garn nicht laufen wird. Nun würde der Leitung der Zionistischen Organisation, insbesondere dem Präsidenten Dr. Weizmann, eine schlechte Zensur gebühren, hätte sie nicht selbst bisher schon eine Reihe von Vorbeugungsmaßnahmen getroffen, die in den vom XIV. wie XV. Zionistenkongreß angenommenen Beschlüssen enthalten sind. Diese Beschlüsse verlangen, daß als „unabänderliche Grundlagen in der Konstitution der erweiterten Jewish Agency verankert werden : 1. Dauernde Verstärkung der Einwanderung (Alijah), 2. Auslösung des Bodens als Volksbesitz, 3. landwirtschaftliche Kolonisation auf Grund der jüdischen Arbeit, 4. hebräische Sprache und Kultur." Ebenso muß in der Konstitution der erweiterten Jewish Agency festgelegt werden, daß der Präsident der Zioni- und der Eid eines zum Tode Verurteilten keine Beglaubigung findet. Der Jude Isak Solan muß sterben. Trittst du aber zum Christentum über, so ist das Urteil null und nichtig. Also entschließe dich." „So will ich sterben," sprach ich tonlos. Der Henker und die Schergen traten an mich heran, entblößten meinen Hals, den ich auf den Block legte. In diesem furchtbaren Augenblicke, wo mir das Herz fast aufgehört hatte zu schlagen, erfaßte mich nochmals mächtig der Gedanke an meine Familie. Zugleich überkamen mich schreckliche, bisher niegekannte Zweifel an der Gerechtigkeit der Vorsehung. Ich sollte sterben. Was hatte ich verbrochen? Noch einmal wandte sich der Vorsitzende an mich und sprach: „Bedenke es noch einmal, das letztemal, dein Leben ist in deiner Hand!" Ich kämpfte furchtbar und gehörte mehr dem Tode als dem Leben an. Nicht fähig, der mächtigen magischen Erinnerung an meine Lieben Widerstand zu leisten, erlag ich . . . Ich ward getauft, ich ward Christ. Während des Taufaktes wurde ich ohnmächtig. Man brachte mich besinnungslos in ein Zimmer. Des anderen Morgens wurde mir bedeutet, daß ich, um den Nachstellungen des mächtigen, beleidigten Edelmannes zu entgehen, mein Vaterland sogleich verlassen müsse, und daß ich unter Bedeckung nach Böhmen reisen werde. Ich entgegnete, ich wolle zu meiner Familie, ich habe meinen Glauben nur ihretwillen geopfert; aber man antwortete mir, die Taufe hätte jedes frühere Band zerrissen — und eine Begegnung mit meiner Familie ist unzulässig. Halb ohnmächtig wurde ich in den bereitgehaltenen Reisewagen getragen und wurde unter Eskorte nach Böhmen abgeschoben. Hier wurde ich einem Truppenkörper einverleibt, und man versicherte mir, daß hochgestellte Personen sich für mein Vorwärtskommen einsetzen werden. MIBB^^ Seit* a stischen Organisation „in jedem Falle der Präsident der Jewish Agency ist". Einleitend wird von einer „wirksamen Zusammenarbeit aller Juden am Aufbau des jüdischen Nationalheims in Palästina, im Geiste der Balfour-Deklaration und des Mandats" gesprochen. Zu diesen Forderungen ließe sich, wäre der Raum hier nicht zu knapp, Verschiedenes sagen. Nur dieses sei angedeutet: Die Verstärkung der Einwanderung kann nur gewünscht werden, da ihr Umfang von der Erlaubnis der englischen Einwanderungsbehörde abhängt, die die Bewilligungsscheine nüchtern gemäß der wirtschaftlichen Lage des Landes ausgibt. Der undeutlich gefaßte Punkt 2 besagt wohl, daß alle Anstrengungen fortgesetzt werden sollen, Boden für den „Jüdischen Natiohalfonds" zu erwerben, Boden, der dadurch in ewigen Besitz des jüdischen Volkes übergeht. — Ob es überhaupt möglich ist, schon jetzt in den Vorverhandlungen zur Jewish Agency seitens der Zionistischen Organisation derart „unabänderliche Grundlagen" zu beschließen, ob darüber nicht die zu bildende erweiterte Jewish Agency selbst erst endgültig zu entscheiden hat, mögen die nichtzionistischen Organisationen — nur solche, nicht Einzelpersonen sind zugelassen — befinden, die gewillt sind, in die Agency. einzutreten. Die Agency soll weiter 50 Zionisten und 50 Nichtzionisten umfassen. Da der Präsident mit dem Präsidenten der Zionistischen Organisation — vorbehaltlich der Zustimmung der Agency — zusammenfällt, würde dieser bei Stimmengleichheit den Ausschlag geben. Zur Hälfte Zionisten und zur Hälfte Nichtzionisten Vier Wochen nach meiner Einkleidung ward ich schon Korporal. Es muß dies eine göttliche Fügung gewesen sein, denn dadurch konnte ich euch an jenem unglücklichen Tage helfen. Ich bin nun Christ und erfülle getreulich die Gebote meiner neuen Religion. Wäre ich als Christ geboren, ich fühlte gewiß bei einem Glaubenswechsel denselben wahnsinnigen Schmerz, der mich jetzt durchzuckt; denn der Mensch kann nur in seinem angestammten Glauben, in der Religion seiner Väter glücklich werden. Ich bin unglücklich, sehr unglücklich. Erlaubt mir nun, Rabbi, als Dank für den der hiesigen Gemeinde geleisteten großen Dienst, folgende Bitte auszusprechen. Da ich als Jude für den Bund Israel abgestorben bin, möget ihr verordnen, daß für ewige Zeiten am Vorabend des Jomkipur, der Unglücksnacht, in der ich das Licht der Welt erblickte, für mich in der Altneu-Synagoge ein Kaddischgebet gesagt werde." In vollster Erwartung blickte der Soldat in das Gesicht des Rabbi. „Die Bitte sei Euch gewährt," sprach dieser. „Vielleicht ist es im unerforschlichen Ratschlüsse der Vorsehung beschlossen, daß Ihr Euren ehemaligen Glaubensbrüdern noch oft Schutz und Schirm von ungerechter Bedrückung gewähren sollt. Die einzige Bedingung, die ich an die Gewährung Eurer Bitte knüpfe, ist die, daß Ihr, wenn Euch die göttliche Fügung Macht und Ansehen verleihen sollte, es nie unerlassen mögt, die hohe Pflicht der Menschenliebe, dieses erhabene Band, welches gemeinsam den Glauben meiner Väter und den Eurigen durchzieht, im vollsten Maße auszuüben." „Habt Dank, tausend Dank, edler Rabbi!", rief der Soldat; „möge Gott Euch diese Wohltat lohnen." Als er nun weggehen wollte, flehte er mit erstickter Stimme den Rabbi um seinen Segen. Dieser legte die Hand auf sein Haupt und sprach nur die Worte: Der Allgerechte ist auch allerbarmend. (Schluß folgt.)

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