Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 44 (28.10.1927)
- Date
- 1927-10-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 «lilin^ DIE WAHRHEIT zweite beruht für den Außenstehenden nur auf Mutmaßungen. Es sieht so aus, als ob die P a 1 ä s t i n aregierung selbst Wert darauflegt, die Jewish Agency entsprechend dem Artikel 4 des Mandats in absehbarer Zeit erweitert zu sehen. Wenigstens kann das sicher von der Mandatskommission des Völkerbundes behauptet werden, die in ihren Fragen an die Mandatarmacht stets wissen will, welche Schritte unternommen wurden, um die Mitarbeit aller Juden zu veranlassen. So liegt die Möglichkeit sehr nahe, daß die Zionistische Organisation unter diesem sanften, aber spürbaren Druck die Erweiterung der Jewish Agency betreiben muß. Schließlich ist die erweiterte Jewish Agency für die Zionistische Organisation auch eine Art Sicherheitsventil. England kann nach dem Wortlaut des Artikels 4 die Zionistische Organisation der Vertreterschaft als Jewish Agency verlustig erklären. Solches Vorgehen würde beträchtlich schwieriger sein, wenn nichtzionistische Teile der Judenheit, insbesondere auch einflußreiche britische selbst, an der Jewish Agency mitwirken. Die Zionisten sehen nunin der Erweiterung der Jewish Agency erhebliche Gefahren für die Zionistische Organisation und für den Zionismus. Sie halten das Hineinreden von Nichtzionisten in rein zionistische Angelegenheiten für höchst bedenklich. Treten Nichtzionisten in die Jewish Agency zur tätigen, wahrhaften Mitarbeit ein — und nur nebenberuflich kann das nicht geschehen — so wirken sie in dem entscheidenden Instru- £^ Feuilleton Kaddisch vorKoLNidre in der Prager Altneuschul Erzählt von S. Kohn. (Fortsetzung.) „Edle Herren und gestrenge Richter!" begann ich mit bebender Stimme, „möge es mir gestattet sein, noch einige Worte zu sprechen. Verleiht mir ein gnädiges Gehör, und der Allgerechte wird auch euch einst hören, wenn ihr vor den Stufen seines gütigen Thrones zur Rechenschaft gezogen werdet Ich schwöre nochmals im Angesicht des Todes, ich schwöre bei dem geheiligten Namen Gottes, und in der Stunde des Sterbens begeht man keinen Meineid, daß ich unschuldig bin! Lüge ich, so möge ich und mein Vater, mein Weib und mein Kind, drei Wesen, für deren Wohlergehen ich täglich die Oualen der Hölle erdulden wollte, nie des jenseitigen Lebens teilhaftig werden! — Amen." Ich hatte meine Richter gerührt und fuhr daher fort: „Bedenkt es nochmals, ihr Herren, bevor ihr unschuldiges Blut vergießt! Ich flehe nicht um meinetwillen, aber ich habe einen greisen Vater, ein edles Weib, ein holdes Kind, auch ihr. edle Herren, habt daheim Väter, Weiber, Kinder; auch ihr. edle Herren, könnt es fühlen, was ich in diesem Augenblicke empfinde. — Schenkt mir das Leben, ich wills als eine Gnade, als eine Huld betrachten, obwohl es nur Recht ist! Oh, sprecht es aus, das schöne Wort: du bist frei! und die Engel im Himmel werden Wonnetränen weinen." Die Richter sprachen leise miteinander. Nach einer kurzen Pause, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, erhob sich der Vorsitzende und sprach: „Das Urteil des Juden Isak Solan" — so war mein Name — „ist gefällt und bestätigt, und keine irdische Macht ment der Aufbauarbeit überhaupt mit. Wer garantiert dann, daß die Jewish Agency und der dazugehörige Rat (council) unbedingt die Wege wandeln, die der Zionistischen Organisation genehm sind, oder gar die, die der Zionistenkongreß. das höchste und letzte nationaljüdische Organ, beschlossen hat? Wird und kann sich überhaupt eine solche Jewish Agency den Beschlüssen des Kongresses unterwerfen? In dieser vielleicht zu verneinenden Möglichkeit sehen viele Zionisten den Keim der Zersetzung, wenn nicht gar Zerstörung der Zionistischen Organisation. Dr. Max Soloweitschik, der den „radikalen Zionisten" angehört, hat diese Befürchtung auf dem Wiener Kongreß folgendermaßen zum Ausdruck gebracht: „Wenn Ihr die Leitung der Geschäfte der Jewish Agency übergeben werdet, und das sieht der Plan vor, und das hat auch unser Präsident Weizmann feierlich zu Jerusalem erklärt, indem er sagte, daß von dem Tage an, an welchem die Jewish Agency ihre Tätigkeit beginnen wird, die zionistische Leitung in Palästina nichts mehr zu tun hat, dann wird unser Kongreß mit Palästina auch nichts mehr zu tun haben. Die (zionistische! Organisation wird eine leerlaufende Maschine werden, die in ihre Teile zerfallen und keine allgemeine zionistische Organisation mehr sein wird, sondern eine Art technischer Zusammenschluß von fünf bis sechs Parteien, von denen jede separate Tagungen abhalten wird, weil das gemeinsame Band, das sie bis jetzt zusammenhielt, fehlen wird." Um einem entscheidenden und vermeintlich bedrohlichen Einfluß der Nichtzionisten kann es mehr ändern! Jedoch haben wir in Anbetracht deiner Jugend beschlossen, dir ein Rettungsmittel zu bieten. Trete reumütig in den Schoß der alleinseligmachenden katholischen Kirche, so bist du Christ, und der Jude Isak Solan hat aufgehört zu sein. In dem Augenblick, wo du die Taufe empfängst, wirst du wie neugeboren, deine Vergangenheit fällt der Vergessenheit anheim. und Ehre, Reichtum und Glück erwarten dich." Bei diesen Worten des Richters wurde der rotsamtene Vorhang der anderen Nische in die Höhe gezogen. Ich erblickte eine Kapelle, bei dem reichgeschmückten Altare erwartete mich ein Priester mit dem Taufbecken. Trotz meiner maßlosen Erregung konnte ich doch erkennen, daß man mein Flehen vorausgesehen und es voraus bestimmt war, mir die Taufe als Rettungsmittel anzubieten. „Edle Herren!", begann ich, „wenn ihr gut und gnädig seid, schenkt mir mein Leben, ohne mir meinen Glauben zu rauben. Macht nicht die Gnade wertlos durch die Bedingung. Sagt, kann ich, kann ein Mensch seinen Glauben, seine Ueberzeugung willkürlich ändern? Würdet ihr. edle Herren, des Lebens halber, würdet ihr des Beils, des Scheiterhaufens halber die Ueberzeugung von euch werfen, die euch und euren Vätern wahr und wert war? Oh, sprecht Ihr für mich, edler Priester! Euer Auge blickt mild und freundlich wie das meines Vaters." Der Priester antwortete mir in Worten, die. obwohl sie aus dem Herzen kam, doch nicht den Weg zu meiner Seele fanden. Nachdem er gesehen hatte, daß seine Bemühungen fruchtlos waren, sprach er mit meinen Richtern in lateinischer Sprache. Es schien mir, als vereinigte er seine Bitten mit den meinigen, und wäre das einmal ausgesprochene Urteil aus mir unbekannten Gesetzesgründen nicht unumstößlich gewesen, man hätte mir vielleicht als Jude mein Leben geschenkt. Nach einer kurzen, aber lebhaften Debatte, die gleichfalls in lateinischer Sprache geführt wurde, erhob sich der Vorsitzende und sprach zu mir:. „Das bereits gefällte Urteil kann nicht umgestoßen werden, um so weniger, als du für die Wahrheit deiner Aussage keine Zeugen anzuführen vermagst,