Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 43 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064340--15793-3088615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kk DIE WAHRHEIT inimoffoniBniKfflßfi Seite 11 eine gelangten zur Blüte, und zwar zunächst die Chewra Kadischa, der Frauenverein und die Talmud- Thor a. Die Chewra Kadischa in Floridsdorf verdiente einige eigene Ruhmesblätter. Hatte sie doch alles geschaffen, was sonst Aufgabe einer Gemeinde gewesen wäre. Der Boden für den Friedhof wurde von ihr, wie bereits erwähnt, erworben. Aber auch alle nötigen Vorrichtungen, Utensilien, Räumlichkeiten und Vergrößerungen wurden von ihr nach und nach aus Eigenem angeschafft. 1881 (4. August) fand ein Neuankauf eines benachbarten Grundes zur Erweiterung des Gottesackers statt, wobei die Vorstandsmitglieder das hierfür nötige Geld vorstreckten. 1882 wurde die Errichtung einer (kleinen) Zeremonier.haHe vorgenommen und im selben Jahre die Anpflanzung von Bäumen durchgeführt; 1883 besorgte die Chewra Kadischa die Beschotterung der Gehwege am Friedhofe: letztere zwei Anordnungen waren scheinbar geringfügige und doch notwendige und mit erheblichen Kosten verbundene Ausgestaltungen der Ruhestätte der Verstorbenen. 1884 (7. A d a r) wurde die erste Chewra-Sude abgehalten. Außer dem unvergeßlichen Obmann und Hauptbegründer der Chewra Kadischa, Max Neu mann, haben sich im Vorstande um die Werke edelster Pietät in der ersten Periode bemüht: Emanuel Schlesinger, jahrelang eifriger Kassier des Vereines, Ignaz B ö c k, Israel Blatt. Bernhard Glaser, Moritz Grünwald, Jakob E p 1 e r, Heinrich Markus, Karl Sinai, Heinrich Sinai und Moses Löwi, 1887 (3. März) trat Gabriel Dukes in den Vorstand der Chewra Kadischa ein. — Dieser, der jahrzehntelang als Kassier gewirkt und in Verhinderung des Obmannes auch dessen Stellvertretung übernommen hatte, um seit 1918 als Nachfolger des gottseligen Max N e u m a n n an der Spitze der hiesigen Bruderschaft zu stehen, ist gegenwärtig auch Obmann des Tempelvorstandes und der mit ihm vereinigten Bezirkskommission. Gabriel Dukes, es sei hier einstweilen bloß in Kürze wiederholt, was mehrmals bei ihn betreffenden freudigen Anlässen (70. und 75. Geburtstag, Enthüllung seines Bildes im Sitzungssaale des XXI. Bezirkes) ausführlich hervorgehoben wurde, ist die personifizierte Hingabe an die Agenden des jüdischen Gemeindelebens im XXI. Bezirk. Die Aufführung der Mauer um den Friedhof, die Errichtung der neuen Zeremonienhalle ist zum großen Teile dem Eifer Max Neumanns und Gabriel Dukes zuzuschreiben. — Nicht gering war auch die opferwillige Arbeit eines der ältesten Begründer des Minjanvereines und der Kultusgemeinde, des geistig überaus regen und in der Durchführung eines einmal gefaßten Entschlusses unermüdlich gewesenen Moritz Schwarz. Dieser, der, wie bereits angeführt, Obmannstellvertreter der neugegründeten Gemeinde (1880) war, um nach mehr als 4 Jahrzehnten am Abend seines Lebens als Vertreter des Bezirkes Mitglied des Wiener Kultusvorstandes zu sein (1923 bis 1926), war ebenso wie um die Ausgestaltung der Gemeinde, so auch um die der Chewra Kadischa unablässig bemüht. Als treibende Kraft betätigte er sich ebenso bei der ersten Erwerbung des Friedhofgrundes, wie dann bei der Aufbringung des Geldes für den verschuldeten Tempel, wie auch schließlich über seinen Antrag durch Einführung, des „Ablösungsbuches für Kranzspenden" eine ebenso religiös empfehlenswerte wie finanziell ergiebige Quelle dem Vereine erschlossen wurde. Weit über den Statutenkreis, der die Fürsorge für die Toten umschließt, widmete sich die heilige Bruderschaft auch den Lebenden, wenn diese der Hilfe bedurften. — Hatte der Tod im Laufe der Jahrzehnte die Reihen der Vorstände gelichtet, so traten bald andere in die so entstandenen Lücken. Hugo Deutsch, Emi! F a n i o als Schriftführer und Simon C z u c z k a als Obmannstellvertreter wirken bis zur Stunde mit den anderen erwählten pflichttreuen Männern an der Aufrechterhaltung der Ideale dieses Vereines mit; letzterer außerdem für die Beachtung der streng konservativen Formen. Simon Czuczka, der, seit 1890 in Floridsdorf wohnhaft, unter den. schwierigsten lokalen Verhältnissen, allen Versuchungen zum Trotze, als Schomer Schabbos sein Geschäft an Sabbaten und Feiertagen geschlossen hält, hilft mit, der Chewra Kadischa jene Basis zu erhalten, die ihr die Bezeichnung: heilig verschafft. Segensreich nicht minder wie diese Bruderschaft wirken auf ihren besonderen Gebieten seit Jahrzehnten der israelitische Frauen - Wohltätigkeitsverein und die Talmud-Thora. (Fortsetzung folgt.) Itfafiorfteitoni Die Krise im österreichischen Zionismus. Auf dem Umweg über Prag müssen wir eine entscheidende Nachricht erfahren, die die Wiener „Neue W e 11" sich bisher wiederzugeben nicht erkühnte. Dagegen findet sie sich in der Prager zionistischen „S e 1 b s t w e h r". die doch als gemäßigtes Organ der radikalen österreichischen zionistischen Organisation nicht so nahe steht wie das „diskrete" Blatt Strickers. Die Meldung selbst besagt folgendes: „Der Präsident der Zionistischen Organisation Oesterreichs. Dr. Leo Goldhammer, hat infolge unaufhörlicher Differenzen mit der Weizmann-Gruppe, die sich als arbeitserschwerend auswirkten, seine Würde niedergelegt. Durch seinen Rücktritt hat die Krise im österreichischen Zionismus eine Verschärfung erfahren. Die nach dem Baseler Kongreß unternommenen Versuche, einen Parteitag vorzubereiten und den österreichischen Zionismus auf der Basis einer friedlichen Zusammenarbeit aller Richtungen zu organisieren, haben bis jetzt zu keinem Erfolge geführt." Ob wirklich nur die Differenzen mit der Weizmann-Gruppe „arbeitserschwerend" wirkten, bleibe dahingestellt. Wir glauben eher, daß die bisher radikale Einstellung unserer offiziellen Zionisten jede gedeihliche Arbeit verhinderte. Jedenfalls ist das Ausscheiden Dr. Goldhammers ein Verlust für sie. Ein polnisches „Kuhurbild". In der Sommerfrische Polemic in der nächsten Nähe von Warschau kam es im Zusammenhang mit einem Ritualmordgerücht zu einem Tumult, der gefährliche Formen hätte annehmen können. Das zweijährige Söhnchen des Villenbesitzers Marelewski war plötzlich verschwunden. Die Eltern des Kindes behaupteten, das Kind wäre von ihrem jüdischen Nachbarn Leiser Ranczko, dem Sohn des Rabbiners von Polemic, gestohlen und vielleicht schon zu Ritualzwecken getötet worden. Die christliche Einwohnerschaft des Ortes, die den sogenannten gebildeten Kreisen angehört, versammelte sich und beschloß nach der Rede eines wütenden Agitators, gegen die Judenschaft des Ortes vorzugehen und sie zur Herausgabe des lebenden oder toten Kindes zu zwingen. Man veranstaltete Hausdurchsuchungen und Grabungen in den Villen und Gärten der jüdischen Einwohner, und fast wäre es schon zu tätlichen Angriffen gekommen, als im letzten Augenblick ein entfernt wohnender Villenbesitzer das Kind zurückbrachte, das sich bis zu ihm verirrt hatte. Ein gelehriger Schüler. Dieser Tage ist in Boston von einem gewissen Maurice J. Swift ein Buch erschienen, welches „Die böse Religion" betitelt ist. Der Verfasser, der sich als Schüler der deutschen Rassenantisemiten bekennt und Ludendorff zitiert, führt aus, die Juden hätten dadurch, daß sie der Welt die christliche Religion gaben, das größte Verbrechen an der Menschheit vollbracht. Man müsse sich gegen sie in der Weise wehren, daß man ihre unnatürliche Fruchtbarkeit, die die Welt mit „Verjuduiig" bedroht, durch künstliche Mittel behindert, indem man die Juden wie unheilbar Irrsinnige sterilisiert. Es solle nur eine beschränkte Quote für natürliche Vermehrung bestehen bleiben. Sorgfältigste Lieferung in plombierten Säcken von 1 Sack 50 kg angefangen franko Haus, ebenso in Fuhren und Waggons * JULIUS HABER Kohlen- und KoBcsgroBhandluitg Für Tempel- und Woblf zhrtsvereine Ausnahmspxeiae Nordbahnrutschen 3. Kohlenhof Nr. 372-376 Wien II.. Taborstraße 9 Fernsprecher Nr. 41-0-22 v