Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 43 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 IfllM^ DIE WAHRHEI1 aus schärfere, aber auch weitaus treffendere Charakteristik gegeben. . * * * jfc General Ludendorff hat sich bekanntlich bitter darüber beklagt, daß die ihm feindliche Presse sein Buch über die Freimaurerei mit homerischem Gelächter begrüßt, aber keiner ernstlichen Widerlegung gewürdigt habe. Wie schmerzlich muß es nun den abermals niedergeschlagenen Ludendorff berührt haben, in dem Leibblatte seines Gesinnungsgenossen Fritsch, mit dem ihn der Glaube an die „Weisen von Zion" noch ganz besonders verbindet, eine scheinbar lobende Besprechung zu finden, die aber zwischen den Zeilen auch nur mühsam den tödlichsten Hohn verbirgt. Fritsch schreibt: „Ludendorff kennt nur die verfälschte Freimaurerei", und sagt damit dem Verfasser, der „die Vernichtung der Freimaurerei durch die Enthüllung ihrer Geheimnisse" herbeiführen will, ins Gesicht, wie lächerlich mangelhaft seine Kenntnisse sind. Er erreicht wirklich die Vernichtung des Autors durch die Enthüllung dieses Geheimnisses. Noch tückischer verfährt Fritsch, indem er von den zahllosen Dummheiten, die das Buch Ludendorffs füllen, just die allerdümmste hervorhebt, in welcher der General die eigentliche Aufgabe der Loge in der Züchtung des „künstlichen Juden" erkennt. Die blaue Brille, unter deren Schutz Ludendorff nach dem verlorenen Feldzug sein kostbares Leben rettete, hat dem General nicht viel Ehre gebracht. Die Brille, durch die er die Freimaurerei sieht, wird seinen Ruhm als Schriftsteller auch nicht begründen. * * * Dem Exkaiser Wilhelm II. bleibt — abgesehen von den ungeheuren Kapitalien, die er in den verelendetsten Zeiten in Sicherheit gebracht — doch nichts erspart. Nun muß er auch das erfahren, daß seine Schwester, die verwitwete Fürstin von Schaumburg-Lippe, im würdigen Alter von zweiundsechzig Jahren einem russischen Jüngling zum Altar folgen will, der ganz bequem ihr Enkel sein könnte, der seit Jahren sich recht und schlecht kümmerlich als Eintänzer sein Brot erwarb und der — was das Fürchterlichste! — von jüdischer Abstammung sein soll. Ein jüdischer Jüngling, der sich in die Hohenzollern - Familie hineintanzt! Wilhelm II. mag sich jetzt vielleicht reuevoll an die bösen Anspielungen erinnern, mit denen er, aus Haß gegen Eduard VII., seinen gekrönten Onkel, dessen philosemitische Neigungen mit dem Einschlag jüdischen Blutes erklärte. * * * * Vor dem Militärgericht in Budapest wird in den nächsten Tagen die Schlußverhandlung über den Ehrenbeleidigungsprozeß stattfinden, den der Oberleutnant Georg Kmethy — einer der sogenannten besten Offiziere Horthys — gegen einen freisinnigen Journalisten angestrengt hat. Der Oberleutnant leugnet nicht, daß er schon wegen eines Mordes, wegen verschiedener Gewaltakte und ähnlicher Kleinigkeiten verurteilt und amnestiert worden sei. Aber er wehrt sich gegen die durch eine photographische Momentaufnahme unterstützte Beschuldigung, daß er einmal im „patriotischen Uebereifer" höchst eigenhändig, wenn auch mit Glacehandschuhen, Henkerdienste geleistet habe. Da der Herr Oberleutnant das Nähere hierüber in geheimer Verhandlung aussagen will, wird der Schleier über diesen und über ähnliche Fälle kaum vor der Oeffentlichkeit gelüftet werden. Das werden erst die zukünftigen Historiker besorgen können, die ohne Glacehandschuhe Personen in der Geschichte des letzten Jahrzehnts anfassen dürften. Ego. Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXI. (Floridsdorf). Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Im letzten Jahrzehnt des vorigen und im ersten dieses Jahrhunderts erfolgte ein neuer Zuzug von Gemeindemitgliedern, die diesmal zumeist aus Angehörigen ak a d e m i s ch er B e r u f e bestanden. Hiefür war folgendes Moment maßgebend. Der Ort Floridsdorf galt bis zu den Neunzigerjahren in administrativer Beziehung nicht viel und wurde von den leitenden Behörden wenig beachtet. Es besaß weder ein eigenes Gericht, noch eine eigene Bezirkshauptmannschaft. In Rechtssachen mußten sich die Bewohner Floridsdorfs zum Teil nach Korneuburg, zum Teil nach Groß-Enzersdorf wenden; in politischer Beziehung unterstand Floridsdorf gleichfalls den Bezirkshauptmannschaften in den genannten Ortschaften; polizeilich war es von der Polizeidirektion Wien abhängig und in Angelegenheiten der Krankenkassen war wieder Korneuburg maßgebend. Durch die stark einsetzende Arbeiterbewegung (anarchistische Attentate 1883 bis 1884) sahen sich die maßgebenden Kreise veranlaßt, Floridsdorf mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden und die Aemter dorthin zu verlegen. 1896 wurde in Floridsdorf das Bezirksgericht, 1897 die Bezirkshauptmannschaft, 1898 die Bezirkskrankenkasse eröffnet. Hiedurch ergab sich für die jüdischen Akademiker ein reiches Gebiet der Betätigung. Von den Anwälten war Dr. Ferdinand Brüll bereits früher (1889) in Floridsdorf ansässig und betätigte sich mehrfach im jüdischen Gemeindeleben; nun folgten eine ganze Anzahl derselben, die sich in ihrer Berufsausübung eine geachtete Position erwarben: Dr. Julius Tauber (1896), Dr. Viktor Baer (1900), Dr. Salomon Rappaport (1900) , Dr. Heinrich Lipschütz (1902), Dr. Max T i c h o (1905), letzterer gegenwärtig Mitglied des Tempelvorstandes und Obmann der Talmud-Thora, und Doktor Norbert Tischler (1909). Als Aerzte ließen sich neben Dr. Jakob König Dr. Moritz Löwy und Dr. Moritz Schrötter nieder; Dr. Samuel Weihrauch (1893), Dr. Samuel Russ (1893), gegenwärtig Obmannstellvertreter des Tempelvorstandes. Dr. Moritz Mandl (1894), Dr. LeoKnecht (1894), später Mitglied des Kultusausschusses, Dr. Moritz Schlesinger (1896), Dr. Isidor Herzel (1899), Dr. Franz Hoffmann (1901) , Dr. Ignaz Seidl, Dr. Hugo Winternitz (1902) und in Aspern Dr. E. Doregger sowie in Stadlau Dr. Eduard Fahn. Auch im Stande der Gerichts- und Steuerbeamten gab es treue Bekenner unseres Glaubens, so bei Gericht Dr. Emil Weißkopf und an der Steueradministration F. G o 1 d f a r b, gegenwärtig Regierungsrat und Mitglied des Tempelvorstandes. Das Niveau der Gemeinde hob sich selbstverständlich hiedurch bedeutend; das Zusammengehörigkeitsgefühl wuchs, kam zum Ausdrucke in der Gründung des politischen Abwehrvereines „Gleichh e i t", und als aus Furcht vor dem Anwachsen des Antisemitismus die Abfallsbewegung in Wien überhand nahm und nach Floridsdorf hinübergriff, konnte sie — nicht zuletzt durch den Einfluß der Kanzel — nur wenige Opfer fordern. Aber nicht bloß die Gemeinde selber war! wie dies Dr. König in seinem Schlußprotokolle hervorhob (S. 11) „in schönster Entwicklung begriffen", auch die Aeste derselben, die Ver-