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Die Wahrheit · 1927-10-21 · Heft 43 (21.10.1927) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 43 (21.10.1927)
Date
1927-10-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT MiHllM Seite 9 des erworbenen Wissens bei dem ihnen durch Heiratsvermittlung in Antrag gebrachten jungen Manne gesehen, der deswegen zunächst einer gründlichen Prüfung durch einen anerkannten Gelehrten unterzogen wurde. Auf dem Heimwege von der Expedition zur Prüfung eines Bachurs für ihre Tochter war auch die Frau auf dem Wagen, der mir begegnete. Das Resultat der Reise war nicht befriedigend. Ermattet, wie ich war, wandte ich mich an den Mann mit der Bitte, mich aufsitzen zu lassen; der aber verwies mich an das dicke Weib, das hinter ihm saß, und dieses sagte sofort: „Nur wenn er lernen kann, soll er aufsteigen". Es kam dann also zu einem „Verhör". Der Prüfer schien befriedigt und schüttelte mit dem Kopfe. Er winkte der Frau zu. und bald saß ich auf dem Wagen und erhielt zwei Aepfel. Die Frau brachte mich nach Brzezany, und ich muß ihrer dankbar gedenken; sie nahm mich in ihr Haus, trotzdem ich furchtbar verwahrlost war; ich wurde von ihr gewaschen, gekämmt, gesäubert und während dieser Prozedur unterhielt sie sich mit mir und mischte in ihr Gespräch hebräische und talmudische Brocken; sie war in der Tat nicht ganz ununterrichtet. Ihr Familienname ist leider meinem Gedächtnis entschwunden, nur den Vornamen weiß ich noch, sie hieß „Eidel". Nach einigen Tagen brachte sie mich zu dem dortigen Rabbiner Isaak Schmelkes (nachmals Rabbiner in Lemberg) und führte mich mit folgenden Worten ein: „Rabbi, wie hieß der „Meharscho?" worauf er antwortete: „Schmuel Eideis". „Nun," fuhr sie fort, „da bringe ich Euch einen zweiten Schmuel Eideis. Der Bocher da heißt Schmuel und ich heiße Eidel". ,i So blieb ich denn in Brzezany und wohnte eine Zeitlang im Hause dieser guten Frau, die mich wahrlich nicht hungern ließ und erfreut war, wenn sie vom Rabbiner, bei dem ich täglich lernte, ein Wort der Anerkennung über mich vernahm." (Fortsetzung folgt.) Glossen. Die Gerichtsverhandlung wegen der Ermordung Petljuras hat begonnen. An den Namen dieses Menschen, nein: dieser Bestie in Menschengestalt knüpft sich die grausame Erinnerung an das Todesröcheln zehntausender hingeschlachteter Juden. Petljura war verantwortlich für diesen Massenmord ohnegleichen, denn er hat dazu geschwiegen, obwohl er die Pflicht und die Macht gehabt hätte, den Schlächtereien Einhalt zu machen und die Mörder zu strafen. Petljura ist tot. Auf der Anklagebank kann daher nur sein Schatten erscheinen. Wenn es nicht im gewöhnlichen kriminalistischen Sinne eine irdische Gerechtigkeit gäbe, müßten aber auch jene Machthaber der Welt Platz neben diesem Schatten nehmen, die seinerzeit genaue Kenntnis von den menschheitsschändenden Greueln hatten, die Jahre hindurch in der Ukraine an schuldlosen Menschen verübt wurden, und nicht einen Finger zu dem Versuche rührten, dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten. In Wirklichkeit sitzt auf der Anklagebank Samuel Schwarzbard, ein Mensch, dessen Herz, ergriffen von Schmerz und Erbarmen über die Opfer und von rasendem Zorn über die Mörder, mit Preisgabe seines eigenen, jungen Lebens, den törichten Entschluß faßte, diese Bestie, genannt Petljura, aus der Welt zu schaffen, deren Luft er mit seinem Atem verpestete. Welches Urteil die Richter über diesen Angeklagten fällen werden? . . . Wer kann das heute sagen? Heute könnte man bloß die Namen nennen, deren Träger in Wahrheit bereits gerichtet sind. * * * * Die zünftigen Shakespeare-Forscher ausgenommen, weiß es wohl schon jeder, daß der Fall Shylock in Wahrheit sich derart zugetragen, daß ein grausamer Nichtjude auf Grund seines Scheines einem — Juden ein Pfund Fleisch aus dem Leibe schneiden wollte. Vielleicht wird dereinst auch der Prozeß, den Arthur Schnitzler gegen die „Ravag" führt, von berufener antisemitischer Seite folgendermaßen dargestellt werden: Die „Ravag", benützend eine Lücke des Gesetzes, besteht auf ihrem Schein und will sich von dem Autor, dessen nichtdramatisiertes Werk sie ausnützte, keinen Heller Honorar erpressen lassen. Arthur Schnitzler aber will ohne den Schein einer gesetzlichen Berechtigung drei Millionen der armen „Ravag" herausreißen und einer Stiftung für arme Schriftsteller zuwenden, lediglich um der jüdischen kapitalistischen Weltanschauung, daß auch das geistige Eigentum ein Eigentum sei, zum Siege zu verhelfen. * * * * Man wird es Herrn Theodor Fritsch, der sich durch manche unbesonnene Behauptung Gefängnis- und Geldstrafen zugezogen hat, nicht verübeln dürfen, wenn er es mit der Richtigkeit seiner Zitate nicht so genau nimmt. So schreibt er z. B., ein im Interesse der Juden geprägtes Schlagwort bezeichne den Antisemitismus als „den Sozialismus der dummen Kerle". Herr Fritsch zitiert falsch. Er ist im Irrtum, wenn er meint, diese Charakteristik stamme von einem Juden. Dr. Ferdinand Kronawetter, ein unverfälschter Christ und Arier, dessen Wirksamkeit als Abgeordneter ihm einst den Ruhmestitel, er sei „das Gewissen des österreichischen Parlaments", erworben, ist es, von dem das Wort stammt: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls von W i e n". Die Verehrer und Gesinnungsgenossen des Herrn Fritsch hätten eigentlich guten Grund, ihm diese Verallgemeinerung eines auf gewisse Wiener Gesinnungsgenossen gemünzten Wortes zu verübeln. Aber das geht die Juden nichts an. Was diese betrifft, so werden sie es ganz entschieden bestreiten, dal.» es, wie Herr Fritsch weiterhin meint, in ihrem Interesse gelegen sei, die Antisemiten durch die erwähnte Charakteristik „verächtlich" zu machen. Die Dummheit darf sicherlich als Milderungsgrund geltend gemacht werden; für die Bösartigkeit, die doch das eigentliche Wesen des Antisemitismus bildet, hat der große Mommsen bekanntlich eine weit- MÖBELFABRIK FERNSPRECH-NUM MER 45-1-91 PPENHEI SIGH. WIEN, 2. 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