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Die Wahrheit · 1927-10-21 · Heft 43 (21.10.1927) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 43 (21.10.1927)
Date
1927-10-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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ÖiE WAHRHEU ßiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiüiiiiuiiiiiiM Seite 7 Londoner City ins Parlament gewählt worden. Da er aber ein Anhänger dessen war, was Disaeli „den ersten Teil der jüdischen Religion" nannte, konnte er den christlichen Treueid nicht leisten, wurde also von den Sitzungen ausgeschlossen. Rüssel, der alte Vorkämpfer für religiöse Gleichberechtigung, brachte sofort ein Gesetz ein, wonach die Rechtsbeschränkung der Juden aufgehoben werden sollte. Disrali trat natürlich für die Bill ein, aber mit Gründen, die jedem Mitglied des Hauses antipathisch waren. Er verwarf das allgemeine Toleranzprihzip als gefährlich und atheistisch zugleich und begründete sein Eintreten für die Juden mit der Tatsache, daß das Christentum selbst eine Gabe der Juden sei. „Ist es nicht das erste, was die christliche Kirche tut, daß sie die Bevölkerung, deren Denken zu formen sie unternimmt, mit der Geschichte der Juden bekannt macht? ... An jedem kirchlichen Feiertag hört das Volk von den Taten jüdischer Helden, von Beweisen jüdischer Frömmigkeit, von dem glänzenden Bilde vergangener jüdischer Größe. Die christliche Kirche hat in allen Ländern Gotteshäuser errichtet, und über jedem Altar — linden wir die Tafeln des jüdischen Gesetzes. Wenn Sie Sonntags dem Allerhöchsten danken und ihn preisen wollen, oder wenn Sie in Kümmernis ein Trostwort suchen, finden Sie alles in den Worten der jüdischen Dichter" und so weiter. Die Rede wurde ständig von Oh! Ohl-Rufen unterbrochen und schloß, ohne einen Laut des Beifalls zu finden. Die Szene war nicht ohne Komik, und Disraeli mußte sich d?eser Komik bewußt gewesen sein. Aber glühende Liebe zum Judentum und Rassenstolz hatte ihm die Rede eingegeben. Er mußte wissen, daß sie seinen Aussichten in der Partei schaden würde, und um humoristische Situationen zu schaffen, setzt niemand seine Karriere aufs Spiel. In großen Zügen lag der Kurs, den Disraeli zu steuern hatte, deutlich vor ihm. Er bekommt die Führung der Torypartei in die Hand und erklettert bald die höchste Stufe des britischen Reiches, indem er zum Premier ernannt wird. Die Befriedigung über diesen Ausgang war keineswegs allgemein, und der Dichter Coventry Patmore gab diesen Empfindungen Ausdruck, wenn er das Jahr 1867 schilderte als: „das Jahr der Schande, da der Adel Englands, verräterisch geführt von seinem Juden, von Gott entgeistet, seine Schwüre brach, darin er doppelt sich für treu verbürgt". Die Geschichtsforschung hat weder einen noch zwei solcher Schwüre entdecken können. Als Disraeli Premierminister wurde, war er neunundsechzig Jahre alt, und bald mahnte ihn immer dringender die Natur, daß es ihm nicht bestimmt sei, bis ins biblische Alter hinein ein großes Reich zu regieren. Die Zeit seines großen Ministeriums war vom ersten Tage bis zum letzten ein einziger, heroischer Kampf gegen die Gebrechen des Alters. Im Sommer 1876 dachte er an den Rücktritt, doch drängten ihn sine Freunde, auf dem Posten zu verharren, rieten ihm aber, sich von der Last der parlamentarischen Geschäfte durch die Annahme der Peerschaft zu befreien, die ihm die Königin schon angeboten hatte. Er nahm die Würde eines Earl an und entlehnte den Titel von dem Namen der kleinen Ortschaft BeaconsfiekL in deren Nähe er seit Kinderzeiten gewohnt hat. Disraeli hatte den Zeitpunkt für den Rückzug ins Oberhaus gut gewählt, denn seine ganze Kraft wurde alsbald von dem schwierigsten Problem, das ihm je begegnet war, in Anspruch genommen. Die schreckliche Balkankrisis mit ihren Zuckungen, die vom Herzegovina-Aufstand im Juli 1875 bis zum Berliner Kongreß im Juli 1878 kein Ende nehmen wollte, war die Qual aller Staatsmänner und Diplomaten Europas. Im Berliner Kongreß erlebt Disraeli noch seine Apotheose, und er mag es wie eine Genugtuung für seine unglaublichen Mühen empfunden haben, als der große Bismarck die europäische! Situation in die Worte zusammenfaßte: „Der alte Jude, das ist der Mann!" Trotz seiner Krankheit hat er die Parteiführung bis zum letzten Moment behalten. Er starb am 19. April 1881 im Alter von 76 Jahren. Es gehört zur Zwiespalt der jüdischen Seele, daß Disraeli, einer der größten Staatsmänner Englands, der England den Weg nach Indien gesichert hat, in England fremd blieb. „Engländer war er in nichts als in seiner Hingabe an England", schreibt von ihm Frederick Greenwood. Wie er Zeit seiner Lebens Romancier, blieb er stets „der Jude", der sich der jüdischen Interessen stets warm und mit Eifer angenommen hat. Eine jüdische Biographie. Unserer Zeit blieb es vorbehalten, ein literarisches Ereignis zu verzeichnen, an dem wir nicht achtlos vorbeigehen dürfen. Ein Mann, der außerhalb der Gelehrtenzunft still und abseits vom großen lärmenden Getriebe des Alltags seine Wege zieht, hat sein Leben einer großen erhabenen Idee gewidmet, zu deren Durchführung er 25 lange arbeitsreiche Jahre geopfert hat. Während alle anderen großen Kulturvölker über umfangreiche National-Biographien verfügen, aus denen ihnen Leben und Werke der Auserwählten ihres Volkes herausleuchten und sie zu edlem Tun aneifern, hat das Judentum ein zusammenfassendes Werk über seine berühmten Männer und Frauen bisher leider entbehren müssen. Ansätze zur Abfassung eines derartigen Werkes sind oft genug zu verzeichnen. Keinem anderen ist es aber gelungen, dieses ungeheure, in Bibliotheken, Archiven sowie in Privatbesitz in aller Welt verstreute Material zusammenzubringen und zu einem einheitlichen umfangreichen Werke zu verarbeiten. Diese Riesenarbeit, die sonst nur von einem großen Stab von verschiedenen Fachgelehrten bewältigt werden kann, wurde in Czernowitz von einem Einzelnen durchgeführt. Dieser Eine ist aber ein Mann von gewaltiger Energie, von eisernem Willen und von vielseitigem Wissen. Vor 25 Jahren wurde er von der Idee überwältigt, ein solches Werk zu schaffen. Und kein Hindernis hat es vermocht, diesen eisernen Willen zu durchkreuzen. Während etwa vor zwei Jahren der erste Band der „Großen Jüdischen National-Biographie" der Oeffentlichkeit vorgelegt wurde und — wie uns bekannt ist — in der literarischen, wie in der wissenschaftlichen Welt berechtigtes Aufsehen und volle Würdigung gefunden hat, legt uns Herr W i n i n g e r, der Herausgeber des Werkes, nunmehr den zweiten Band abgeschlossen vor. Dieser umfaßt auf 640 Doppelseiten Lexikonformat 1670 Biographien berühmter jüdischer Männer und Frauen aller Zeiten und Länder und reicht bis zum Buchstaben H. Ein ausführliches Namensregister, sowie ein alphabetischer Schriftennachweis schließt den Band ab. Während wir uns jedes kritischen Urteiles über diese ganz hervorragende Arbeit enthalten und dies den dazu berufenen Fachgelehrten überlassen, wollen wir nur den Inhalt des zweiten Bandes kurz skizzieren und dessen Bedeutung sowie Verwendungsmöglichkeit naheführen. Im allgemeinen ist aus dem zweiten ebenso wie aus dem ersten Band zu entnehmen, daß es kein wissenschaftliches oder kulturelles Gebiet gibt, auf dem nicht auch Juden Hervorragendes geleistet haben. Da wird jeder Literarhistoriker, Künstler und Wissenschaftler, jeder Politiker, Staatsmann und Denker wertvolle Anregung und Belehrung schöpfen können. Literaturproben, Gedichte usw. aus verschiedenen Zeitaltern und Zungen verleihen dem Inhalt fesselndes Gepräge. Die Quellenangaben am Schlüsse jeder Biographie geben dem geistig Schaffenden die Möglichkeit, über Wesen und Bedeutung der betreffenden Person eingehendere Studien zu betreiben. Aus dem reichen Inhalt des Bandes leuchten uns auf wissenschaftlichem Gebiete hervor: die überragenden Gelehrten, Mitglieder der französischen Akademie Professor Darmstetter, Ehrlich, Einstein, Adolphe Franck, auf medizinischem Gebiete: Hofrat Professor Ehrmann, Professor MHBBi Sieztaliiiaiailsig Bmin» JflS" für Erziehung, Unterricht und Berufsausbildung taubstummer, schwerhöriger, schwer lernender und schwer erziehbarer Kinder und Jugendlicher beider Oeschlechter Wien, in. Beaark, Jachgasse Nr. 22 (Straßenbahnlinie F, 0, 71) Sprachzeit: Täglich von 2 bis 4 Uhr (Telephonisch wird keine Auskunft erteilt) neui€runösralDir.Plill.Dr.S.Kr€nb€rftcr

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