Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 43 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 liillilH DIE WAHRHEIT Kulturland ist, wo es diese Art blöden und schändlichen Antisemitismus gibt. * Es stirbt ein Deutscher. Stirbt durch ein sinnloses Geschick, das das Vaterland eines Mannes beraubt, der auf wichtigstem diplomatischen Posten Bestes, ja Unschätzbares geleistet. Die spontanen Nachrufe, die aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und von allen Kreisen ihrer Bevölkerung dem toten deutschen Botschafter gewidmet wurden, sind dafür Zeugen. In Berlin zerbricht man sich den Kopf, wen man nach Washington schicken könnte. Zur rein menschlichen Trauer gesellt sich also neue staatliche Sorge. Der völkische Tölpel aber muß seinen geifernden Spruch sagen. Und hätte man nicht tausend Beispiele, dieses eine, letzte, würde schon genügen, die Dummheit nicht nur, nein, den Schaden aufzuzeigen, den blödes oder verbissenes Rassenvorurteil dem eigenen Vaterlande zufügt! * Neulich besprach ich mit einem bekannten englischer Schriftsteller des Franzosen Andre" Maurois neue Disraeli- Biographie, die man ins Deutsche übersetzt und die, französisch geistreich, ohne Emil Ludwigs größere Tiefe, den Mann und Staatsmann und sein Werk aus dem „Ghettokomplex" zu erklären sucht. Ich äußerte Bedenken über die Nützlichkeit einer solchen Uebersetzung, weil bei der törichten Einstellung eines Teiles unseres Volkes eine objektive Würdigung des Mannes aus diesem Buch nicht zu erwarten sei, der Antisemitismus im Gegenteil sogar vermeinen wird, neue Argumente gefunden zu haben. „flow stupid", sagte Arnold B e n n e 11. Der Engländer versteht uns darin nicht. Die Leistung, die seinem Lande nützt — und auf Disraelis geistig-politischer Leistung ruhte bis zur ersten „Imperial-Conference" nach dem Weltkrieg der Bau des britischen Imperiums —, die Leistung dankt er dem englischen Mann, gleich welcher Abstammung. Und nur die Leistung imponiert dem Angelsachsen. Nicht, wie dem Kontinentalen, dem Deutschen und Franzosen besonders, Geist und Geistreichigkeit schlechthin. In Paris und Berlin wäre der Romanschriftsteller Disraeli wahrscheinlich in der Literatur stecken geblieben. Doch das gehört nicht eigentlich hierher. Oder doch? Albrecht Montgelas. DerJude, derEnglanderobert hat. Am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts verirrte sich ein Jude aus fremden Himmelsstrich nach England, beherrscht Parteien und Kabinette* reißt an sich die Gewalt der Staatsmacht und schafft ein stolzes und mächtiges Imperium. Wer war dieser Jude, der dieses übermenschlich grandiose Werk geschaffen hat? Darüber gibt uns Sommerwell ein sehr hell gesehenes Bild in einer interessanten Doppelbiographie „Disraeli und Gladstone".*) Disraeli wurde im Jahre 1804 geboren, als Sohn eines Literaten von liebenswürdigem Wesen und vielseitiger Gelehrsamkeit. Disraeli selbst schreibt über seine Abstammung: „Die Herkunft der spanischen Juden verliert sich im Dunkel der Jahrhunderte. Daß sie aus sehr alter Zeit datiert, dafür haben wir Beweise. Der niemals angezweifelten Ueberlieferung, daß die iberischen Juden eine phönizische Kolonie waren, hat sich die moderne Forschung angeschlossen . . . Mein Großvater war italienischer Nachfahre einer von jenen Judenfamilien, die gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts unter dem Druck der Inquisition aus der spanischen Halbinsel auswanderten und in dem Gebiet der toleranten Republik Venedig 'eine Zuflucht fanden . . ." Seine jüdische Herkunft war sein größter Stolz und es wäre undenkbar, jemandem einen größeren Stolz zu imputieren. Disraeli war am achten Tage beschnitten worden, doch sein Vater geriet in Streitigkeiten mit seinen Glaubensbrüdern und löste im Jahre 1817 endgültig die Verbindung mit ihnen; Isaak Disraeli schien dies zu genügen, aber ein Freund wies darauf bin, daß es jedenfalls den Kindern nicht schaden würde, wenn er sie in die Kirche aufnehmen lassen würde, und er ließ daher den jungen Disraeli mit zwölf Jahren taufen. Das *) Somerwell: Disraeli und. Gladstone. Verlag für Kultur und Politik, Frankfurt a. M. Ereignis hat seine Bedeutunig, denn wäre Disraeli nicht getauft worden, so hätte er nicht vor 1858 gewählt werden können — erst zu dieser Zeit wurden Juden ins Parlament zugelassen. Noch vor seinem siebzehnten Geburtstag sagte er der Schulzeit Valet und kam zu einer Londoner Rechtsanwaltsfhma in die Lehre. Der Ernst des Lebens hatte begonnen, aber das Parlament lag seinen Gedanken und Träumen noch fein. Drei Jahre tat er mit leidlichem Fleiß, was man von ihm verlangte und setzte seine Studien in den alten Sprachen fort. Auch plünderte er die wundervolle Bibliothek seines Vaters und entdeckte, daß es außer den griechischen und römischen noch andere Klassiker gab. Aber der Wirkungskreis eines Rechtsanwaltes konnte doch einen jungen Menschen, der zugleich ehrgeizig und romantisch, veranlagt war, kaum befriedigen. Er hängt 1824, also im Alter von 21 Jahren, die Juristerei auf den Nagel und wird Romancier. In unheimlicher Fruchtbarkeit schreibt er nun eine Reihe packender Romane, die in die Sprachen des ganzen gebildeten Europa übersetzt wurden. Im Jahre 1827 schreibt er seinen schönsten Roman „David Alroy". Die im mittelalterlichen Stil gehaltene Erzählung von einem jüdischen Abenteurer, der in Palästina ein jüdisches Reich gründet, ist ein Kind des Enthusiasmus, den die Reise nach dem Lande, wo die Wiege seiner Rasse stand, in ihm erregt hatte. Der Roman verrät die heiße Zionsliebe, die in seiner Seele kochte. 1830 bis 1831 hatte Disraeli eine ausgedehnte Mittelmeerreise unternommen, dabei scheint sein Enthusiasmus für die Politik plötzlich lebendig geworden zu sein. Als er wieder in England ankam, war er entschlossen, so schnell als möglich ins Parlament zu gehen. Nach fünfjährigem ständigen Werben um die Wählerschaft gelang es ihm endlich im November 1837, einem Monat vor seinem dreiunddreißigsten Geburtstag, als Abgeordneter für Maidstone ins Parlament zu kommen. Drei Jahre vorher hatte er bei gelegentlicher Unterhaltung Lord Melbourne gegenüber erklärt, er beabsichtige. Premierminister zu werden. Melbourne hatte ihm mit vielen guten Gründen gesagt, daß das nicht ginge. Doch ehe er starb (1848), änderte er noch seine Meinung. „Weiß Gott", sagte er, „der Bursche wird's noch scharfen!" Tatsächlich zeigte Disraeli bald der Welt, wie ein einzelner Mann, Romancier. Dandy und Jude es fertig bringen konnte, den seit Pitt mächtigsten aller Premierminister, Peel, zu stürzen, Disraeli kann wohl für sich in Anspruch nehmen, die all erberühmteste Jungfernrede gehalten, oder vielmehr nicht gehalten zu haben. Das Thema der Debatte war Irland, und O'Connel hatte ein oder zwei Jahre früher mit Disraeli,. weil dieser die radikale Sache im Stiche gelassen, eine ziemlich heftige Preßfehde gehabt. Er hatte geäußert, Disraeli stamme wohl von dem unbußfertigen Schächer des Evangeliums ab, und Disraeli hatte es fertig gebracht, so schwierig es war, in einem ebenso pittoresken und womöglich noch agressiveren Stil zu antworten. Nun erhob er sich, um nach O'Connel zu sprechen. Ein paar witzige Ausfälle wurden mit Lachen begrüßt, doch bald gings in stärkerer Tonart los — „Pfeifen, Grunzen, Heulen, Brüllen, Scharren, laute Unterhaltung, allerhand Tierstimmen" — bei den Abgeordneten von der anderen Seite des St. Georgs-Kanals. Disraeli blieb ruhig und behielt den Kopf oben. Auch blieb er solange stehen, als er sich's für seine Rede vorgenommen. Was er zu sagen hatte, faßte er kurz zusammen, und benutzte einen etwas ruhigeren Augenblick, um mit einem Sprung zum Schluß zu kommen Mit einer Stimme, die ein Zuhörer als geradezu erschreckend beschrieben hat, schrie er in den tobenden Aufruhr hinein: „Ich habe manche Dinge von vorn anfangen müssen und habe mich dann schließlich doch durchgesetzt — obwohl viele mir Mißerfolg prophezeiten, so wie sie ihn selbst erlebt hatten. Jetzt setze ich mich, aber die Zeit kommt, wo Sie auf mich hören werden." Peels Scharfblick erkannte, daß dieser scheinbare Mißerfolg in Wirklichkeit ein Erfolg war, und begann ihn zu fürchten. Im Laufe der nächsten Jahre begann er gegen Peel heftig vorzugehen und erzielt im Jahre 1846 seinen ersten großen politischen Triumph, den Sturz des mächtigen Premiers. Diese Jahre waren aber zugleich seine fruchtbarste Zeit als Romanschriftsteller. Während dieser Zeit schreibt er seine drei größten Romane: „Conigsby", „Sibil" und „Tancred". Dia Wahlen von 1847, die Disraeli die Führung1 im Unterhaus brachten, brachten auch ein Problem aufs Tapet, das für Disraeli persönlich von Interesse war und für sein jüdisches Fühlen zeugte. Baron Lionel Rothschild war von der