Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 43 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT 11111110 Seite 5 so hilft diese annullierende Vorausbedingung nichts, denn es aeht nur nach dem Sinne des anderen und es ist ganz, wie wenn er die \orausbedingung ausdrücklich aufgehoben hätte." BaCH (Anfang des 17. Jahrhunderts) (zu Tur, ibid.): „Es ist selbstverständlich, daß die Annullierung nur gilt iür Oelübdc die die eigene Person des Gelobenden betreffen. . . . Denn zu lösen sind wir nur berechtigt solche Gelübde, die ein^r sich alleiu gegenüber ablegt, aber eine Sache, die zwischen einem Menschen und einen: anderen liegt, haben wir n*Jit die Macht zu lösen/* Und in allen populären Kommentaren zu den Gebetbüchern (s. z. B. im „Derech ha Chajjim") wird die oben beschriebene öffentliche Zeremonie der Hatharath Nedarim mit folgender Anmerkung begleitet: „Der Thenaj, mit dem sie die Gelübde im voraus auflösen, hilft nur bei einem Gelübde, das einer in bezug auf seine eigene Person geleistet hat, aber bei einem Gelübde zwischen Mensch und Miensch hilft er nichts." In den bekannten populären Gebetssammlungen „Likkute Zebi" und „Schaarej Zijjon"*), die die Hatharath Nedarim enthalten, findet sich folgende Erklärung der Zeremonie und ihrer Bedeutung in hebräischer Sprache: „Im Namen Gottes und nach dem Gesetze dier Thora lösen wir Gelübde und Gelöbnisschwüre, kraft deren einer auf seine Person freiwillig ein Verbot nimmt; im alllgemeinen dürfen wir Gelübde und Schwüre lösen, die einer aus freien Stücken tut, nur in bezug auf Dinge, die 'Ihn allein angehen; aber Gott behüte uns, zu wähnen, daß wir die Eide und Schwüre lösen können, welche den Behörden gegenüber oder an Gerichtsstätten geleistet werden, oder Eide und Gdübde, die man gelobt und schwört in Sachen, die zwischen Mensch und Mensch läegen und das Wohl und Interesse (thoeleth) eines anderen angehen, von welchem Glauben odieir Stamm er immer sei; diese Gelübde und Eide und Schwüre, von denen es in der Thora heißt, Gott vergibt denen, die sie übertreten, niemals, müssen in voller bindender Kraft und Geltung bleiben und können nicht alteriert werden; wer sie verletzt, den wird Gottes Zorn treffen und ihn zur ewigen Schmach und zum ewigen Entsetzen machen." * * * Nicht ohne* Rührung können wir auf die Geschichte dieses viel genetzten Kol Nidre zurückschauen. Ein unbekannter Verfasser hat es in die Welt gesetzt, um einer edlen Mahnung des naiven Volksgewissens zu genügen und in voller li eber - einstimmung mit den Vorschriften des Gesetzes. Aber die offiziellen Häupter des Volkes haben es scheel angesehen und bekämpft, und wohl darum ist es nicht allenthalben aufgenommen worden (Zumz: „Ritus" 106). Es hat sich wie zum Trotz durchgesetzt und ist sogar in eine unvergletichMch Schöne Melodie gekleidet worden, die das Entzücken großer, auch nichtjüdischer Musiker erregt hat. Aber dieser Gegensatz zwischen dem prosaischen Inhalt und dem hochpoetischen Gewand hat so manchen von uns Beifall spenden lassen, als in neuester Zeit die Reformbestrebungen es aus dem Gebetbuch entfernen und durch Psalmen oder Lieder ersetzten. Doch die Reform wollte damit nur dnen Stein des Anstoßes, eine Zielscheibe für die Antisemiten beseitigen. Welch ein Mißgriff! Welch ein naiVer Irrtum, zu meinen, dieses Gelichter wolle nichts anderes, als unsere Gesinnungen reinigen und unsere Herzen läutern und unsere Moral heben! Welch eine Torheit, zu erwähnen, nach Beseitigung des Vorwandes würden die Angriffe und Verleumdungen vier stummen. Und welch ein Kleinmut, dem wüsten Gekläff unwissender, böswilliger und beschränkter Feinde einen Einfluß zu gestatten auf unser inneres religiöses Leben und die Gestaltung unseres Gottesdienstes! Heißt es nicht, den wahren Sinn des Kol Nidre vedeugnen und die Ehre unserer Vorfahren antasten, wenn wir dien alten Ritus preisgeben, um einer albernen Bezichtigung zu entgehen? Müßten wir nicht auch das Pessachfest abschaffen, um die Blutbeschuldigung unmöglich zu macen? Nein! Gleichwie ein gewöhnliches Stück Seidengewebe durch die feindlichen Geschosse, die es durchbohrten, die WeJhe eines Paniers erhält, so ist das unpoetische, saftlose Kol Nidre dank den Angriffen, denen es ausgesetzt ist, und den Verleumdungen, die wir seinetwegen zu tragen haben, zum Symbol geworden. Wir wollen es auch fernerhin in unseren Synagogen erschallen laissen, getragen von der einzigartigen Melodie, in welche dreißig Generationen ihre Sehnsucht und ihr Herzweh hineingesungen haben. Und mahnen soMen uns die ergreifenden Klänge, uns fern zu halten von unlauterer Gesinnung, von übler Nachrede, von grundlosem Haß, von jeglicher Lieblosig- *) Ich habe vor mir erstere in der Ausgabe von Piotrkow 1881, letztere in der von Podgorze bei Krakau 1900. T^r KUNEROL Verbärgt reines Fett ans Kokos* nassen. Die Kokosnüsse werden bei der Ktmerolwerke A. G^Wien» Atzgersdorf, gepreßt und die Er» zeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zuMattersburg. Kunerol kann daher von jedem Streng* gläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen verwendet werden. keit im Fühlen und im Handeln und von bösen Worten, denn niemand weiß ja besser, wie bitter weh das tut. als wir. Ich fühle mich wahrlich nicht berufen, aindteren Frömmigkeit zu predigen, da ich selber In diesem Punkte sehr mangelhaft ausgestattet bin. Aber ich sage euch: Schafft meinetwegen alle langatmigen Pijjutim ab und allle Seiichoth von schwerfälligem Hebräisch und dumpfen Reimen und unrhythmischen Versen, ich werde ihnen keine Träne nachweinen. Aber das Kol Nidre sollt ihr mir „lassen stahn". Ago Maltzan. Ein notwendiger Nachruf* Wie viele von seinen zahlreichen Bekannten und von den Tausenden, die ihn nur „aus der Zeitung" kannten, mögen wohl gewußt haben, daß Ago Maltzan mit seinem vollen Namen Adolf Georg Otto v. Maltzan, Freiherr zu Wartenberg und Penzlin hieß? Und wie gleichgültig wäre es denen, die es nicht wußten, gewesen, hätte man es ihnen gesagt. Ago Maltzan oder Maltzan schlechthin genügte ihnen. Denn diesem Namen hat er durch seine Persönlichkeit und durch seine Leistung Bedeutung und Prägung gegeben. Noch etwas anderes werden die meisten nicht gewußt haben. Der „Völkische Beobachter" fügt zur Meldung über das Flugzeugunglück bei Schleiz den Satz hinzu: „Wir trauern nicht um den H a 1 b j u d e n Maltzan." Also dieser gescheite und tüchtige Deutsche, dessen plötzlicher Tod eine fast nicht auszufüllende Lücke hinterläßt, war „Halbjude". Seine Mutter nämlich, die im Frühjahr 1924 verstorbene Baronin Adelheid v. Maltzan, war ein Fräulein Bierbaum aus Berlin. Wie gleichgültig! werden die sagen, die nur auf den Mann, sein Können und seine Leistung sehen. Wie interessant! andere, die sich vielleicht bisher wunderten, woher dieser mecklenburgische Junker die geistige Lebendigkeit her hatte. Ob gleichgültig, ob interessant, es ist nicht gleichgültig und nicht einmal interessant, daß Deutschland das einzige