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Die Wahrheit · 1927-10-21 · Heft 43 (21.10.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 43 (21.10.1927)
Date
1927-10-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT SetU 3 immer und immer wieder ermahnen, damit endlich in der nichtjüdischen Welt jene Stimmung erwachse, die eine Wiederholung derartiger furchtbarer Vorkommnisse unmöglich macht. Leider muß festgestellt werden, daß die nichtjüdische Welt zu einem erheblichen Teile den Dingen b i sher vollkommen kühl gegenübergestanden hat. Gewiß hat es überall Männer und Frauen gegeben, die Abscheu vor derartigen Bestialitäten bekundeten. Aber diese Abscheu war zum Teil sehr platonisch. Man sollte i n sbesondere von d en V e r tr e t e rn alle r Religionen und Konfessionen ein machtvolles Wort und vielleicht noch mehr erwarten, damit sie allen Bekennern göttlicher Gerechtigkeit und göttlicher Gnade den Abscheu einhämmern vor solchen Taten. Es wird heute noch in der Welt viel Kraft und sehr viel Geld für die sogenannte Judenmission verwandt. Wäre es nicht richtiger, wenn diese Kraft und diese Mittel zunächst einmal aufgewandt würden, um die Vertiertheit im Menschen zu bekämpfen und um jeden Mord für die Zukunft unmöglich zu machen? Man sollte jeden Menschenfreund bitten: Widme einen Abend dem Studium des Werkes „Les Pogromes en Ukraine", damit du siehst, was heute noch möglich ist, und darüber nachdenkst, wie die Menschen von solchen Taten der Schmach befreit werden können. Ii. Mini in 0* u Je WMT Kol Nidre. (Seine Bedeutung, seine Entstehung, seine Entwicklung.) Von Binjamin Segel. (Schluß.) Die früheste Erwähnung des Kol Nidre finden wir bei den Geonim. Ihrem rigorosen Standpunkt gemäß, Gelübde und erst recht Gelöbnisschwüre überhaupt zu lösen, protestieren sie gegen die populäre und weitverbreitete Formel. Natronai Gaon, „Mitte des 9. Jahrhunderts"', schreibt: „Es ist nicht üblich, in den beiden Hochschulen (zu Sura und zu Pumbeditha in Babylonien), noch sonst wo Gelübde zu lösen, weder am Neujahrstage noch am Versöhnungstage. Wir haben freilich gehört, daß es in anderen Ländern üblich sei, Kol Nidre zu sagen, wir aber haben das nicht gesehen und von unserem Lehrer nichts davon gehört." (Folgt Berufung auf die oben angeführte Diskussion Nedarim 23 b und das Verbot, die Lehre von der gelübdeaufbauenden Vorausbedingung öffentlich vorzutragen.) „Sogar den. der im Voraus die Annullierung ausbedingt, gedachte Raba, die nicht zu lehren; insbesondere Nedarim und Schebuoth, die nicht eingehalten wurden, darf man nicht nachträglich lösen und man darf nicht lehren, daß sie zu lösen seien. Was kann übrigens eine Hatharah für eine Wirkung haben für den, der nach getanem Gelübde die Vorausbedingung ausspricht? So schrieb auch Rab Haj Gaon, daß die Entscheidung im Sinne Rabas zu sein hat, der strenger urteilt und ein Späterer (Abschließender) ist, darum handeln wir nicht nach dieser Mischnah, und wir lösen keine Gelübde, weder am Neujahrstage, noch am Versöhnungstage. Und auch Ihr sollt es halten wie wir und von dem Brauch der Hochschulen nicht abweichen." (Ascheri, Ende Joma.) „Manche Lehrer sagen, daß dieser Brauch, Kol Nidre zu sagen, keine Begründung hat und auf einem Irrtume beruht, viele Lehrer haben ihn in ihrer Heimat abgeschafft und verboten, Kol Nidre zu sagen. Noch mehr, manche Unwissende irren sich und meinen, daß alle Banne und Gelübde, die ihnen obliegen, annulliert wären und dann achten sie solche gering." R. Amram Gaon sagt: Ein Teil der Geonim rezitieren Kol Nidre, wir aber in aller Bescheidenheit verlassen uns nicht auf sie in dieser Sache. (Kol- Bo.) „In den Responsen der Geonim fand ich. daß die meisten verwehrt haben, Kol Nidre zu sagen, da es keine Verbesserung sich ein Greis, dieser sprach: „Wir wollen zuerst hören!" Zborowski bezwang seine Ungeduld und schwieg. Bevor ich aber in meiner Erzählung fortfahre, ist es notwendig, Euch, edler Rabbi, den wahren Zusammenhang zu erklären. Als ich Polen verließ, regierte nach dem Absterben des jagelionischen Hauses der französische Heinrich von Anjou. Als er nach dem Tode seines Bruders den französischen Thron bestieg, mußte er der polnischen Krone entsagen. In Amsterdam erfuhr ich von diesen wichtigen Veränderungen in meinem Vaterlande nichts, da ich ja von zu Hause keine Briefe erhielt. Nach langem Streit teilte sich die Nation in zwei Parteien, und wurde am 14. Dezember des Jahres 1576 Kaiser Maximilian II. vom Kanzler des Reiches zum König in Polen ausgerufen, während Graf Zamoiski, von dem hohen Adel und der Geistlichkeit unterstützt, den Fürsten von Siebenbürgen, Stephan Bathori. zum Herrscher wählte. Nun entstand ein heftiger Bürgerkrieg. Mein Geburtsort, an der Grenze des Landes gelegen, war zweimal Gegenstand eines heißen Kampfes gewesen. Die Häuser waren zerstört, die Bewohner gefangen weggeführt wordo. Eben jetzt war das Dorf im Besitz der kaiserlichen Partei, und da mein Haus zufällig der allgemeinen Verwüstung entgangen war, hatte Stanislaus von Zborowski, der Führer der Truppe, es zu seinem Wohnhause gewählt. Ihr könnt Euch denken, edler Rabbi, daß, da die Einwohner des Dorfes vertrieben waren, es mir schwer ward, meine Unschuld zu beweisen. Meiner Erzählung, die in der Tat unter solchen Umständen fast märchenhaft erschien, wurde kein Glauben beigemessen, und nach einigem Ueberlegen wurde auf den Rat des alten Kriegers, der einen großen Einfluß auf die anderen auszuüben schien, beschlossen, mich dem nächsten kaiserlichen Gerichte zu übergeben. Bei Anbruch des Tages wurde ich in einem geschlossenen Wagen in die nächste Stadt geführt, und ehe zwei Stunden vergingen, war mir das Urteil gesprochen, um Mitternacht zur selben Stunde, als ich die Freveltat versucht haben sollte, mit dem Beile durch Henkers Hand vom Leben zum Tod gebracht zu werden. Den ganzen Tag verbrachte ich in meinem Gefangnisse im stillen Gebete. Ich sollte also aus dem Leben scheiden, ohne den Meinen Lebewohl gesagt zu haben, ich sollte sie nie wiedersehen! Ich wäre ohne Klage aus dem Leben gegangen, wäre es mir nur ein einziges Mal noch vergönnt gewesen, mein Weib und mein Kind zu sehen und zu küssen, und meinen greisen Vater, dessen einziger Sohn, dessen einzige Stütze ich war. Um Mitternacht wurde ich in einen großen Saal gebracht. Dieser war mit schwarzen Tapeten behängt, und an der der Tür gegenüberstehenden Wand hing ein großes Kruzifix. An dem oberen Ende des Saales stand ein halbrunder Tisch, an welchem sieben schwarzgekleidete Männer saßen. Rechts und links befanden sich zwei Nischen, welche durch Vorhänge verdeckt waren. Bei meinem Eintritte erhob sich der Vorsitzende und sprach: „Ihr seid zum Tode verurteilt, weil Ihr bei versuchtem gewaltsamem Ehebruch mit einem Christenweibe betreten wurdet." Bei diesen Worten wurde auf seinen Wink der schwarze Vorhang der linken Nische in die Höhe gezogen, ich erblickte ein einfaches Gerüst und drei Männer, den Scharfrichter und seine Knechte. Bei dem Anblicke des blanken Beils, das der Henker geschwungen hatte, entfuhr meiner gepreßten Brust ein lauter Schrei. In diesem Augenblicke trat meine ganze Vergangenheit nochmals vor meine Seele. Wäre ich allein gestanden in der weiten Welt, ich hätte dem Tode ruhig ins Auge geblickt, aber der Trennungsschmerz, das Scheiden von meinen Lieben, deren Schicksal ich nicht kannte, und die vielleicht in einem fernen Erdwinkel des rettenden Helfers, des Sohnes, des Gatten, des Vaters harrten — das war es, was so qualvoll meine Seele zerriß. (Fortsetzung folgt.)

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