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Die Wahrheit · 1927-10-14 · Heft 42 (14.10.1927) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 42 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 IWliilM die WAHRHEIT materielle Lage des Judentums in Europa erfordert dringend die Mitarbeit der Amerikaner, da jährlich fünf Millionen Dollar (!) für die Finanzierung der Kolonisation aufzubringen sind." Sehr interessant ist auch folgende Aeußerung Dr. Schalits: .Professor Weizmann hat das Verhältnis zur Mandatsmacht England als gut bezeichnet, seine Politik des langsamen und tastenden Fortschrittes müsse — trotz der Forderungen einer stürmischen Opposition — als richtig anerkannt werden, da sich der Zionismus bei seinen Forderungen nicht auf Machtmittel stützen kann, sondern nur auf seine moralischen Rechte." Wenn auch der Ansicht Prof. Weizmanns über das gute Verhältnis zu England die der Mandatsmacht feindliche Resolution des Kongresses widerspricht — Doktor Chajes nannte diese Resolution „mannhaft gehalten" und sagte von ihr. daß sie angeblich ..eine gute Wirkung bei der Regierung hervorgerufen habe" —. so wird man doch Doktor Schalit Recht geben, wenn er meint, daß der Zionismus sich nicht auf „Machtmittel" stützen soll. Auch der jüdische Nationalismus sollte dies nicht tun, denn er hat nicht einmal „moralische Rechte". Wieder eine Friedhofsschänduog. Jüngst wurde von unbekannten Tätern der alte Judenfriedhof in Bochenheim (Deutschland) in brutalster Weise geschändet Es wurden Grabsteine umgeworfen. Blumen aus den Gräbern gerissen und auf die Grabsteine Aufschriften gemalt wie „Judas Ischariot". Auch wurden an verschiedenen Stellen Hakenkreuze angebracht und alle Wege zwischen den Gräberreihen verunreinigt. — Und an diesem deutschen Wesen sollt einmal die Welt genesen! Eine Rosch haschonoh-Botschaft. Der Gouverneur von New York. Smith, hat an die Judenheit von New York aus Anlaß des Neujahrsfestes eine Botschaft gerichtet, in der er ausführt: „Die heiligen Tage, Rosch haschonoh und Jom kippur, geben mir Gelegenheit, den jüdischen Bürgern von New York — wie dies hier schon Tradition ist — ein glückliches Jahr zu wünschen. Ich habe es als Kind des östlichen New York mit tiefer Bewegung erlebt, wie meine jüdischen Nachbarn ihre hohen Feiertage begangen haben, wie sie sich in ihren Synagogen zu versammeln pflegten, um ein glückliches Jahr zu erbitten. Dies hat auf mich stets einen tiefen Eindruck gemacht und hat in mich das Gefühl eingepflanzt, daß die Neujahrstage für den Juden dazu da sind, sich seelische Rechenschaft zu geben. Umkehr zu halten und zu geloben, ein besseres und schöneres Leben anzufangen. Ich wünsche meinen jüdischen Mitbürgern, daß ihre Gebete in Erfüllung gehen und daß sie auf ihre erhabene Weise die Prinzipien, auf welchen unsere Nation gegründet ist, auch weiter hochhalten mögen." Ein JudenprozeB in Konstantinopel. Beim Begräbnis der von einem liebestollen Türken, dem Generalstabsoffizier Osman Bey, ermordeten Jüdin Elsa N i e g o, war es infolge der Erregung, die sich der jüdischen Bevölkerung wegen der schonungsvollen Behandlung des Mörders, bemächtigt hatte, zu Demonstrationen gekommen und es gab auch einen geringfügigen Konflikt mit der Polizei. Die Sache wäre ohne besonderes Aufsehen verlaufen; es sind aber doch die Beziehungen zwischen der Konstantinopler jüdischen und mohammedanischen Bevölkerung äußerst gespannt geworden, besonders weil die türkische Presse den Fall mit einer unerhörten Leidenschaftlichkeit behandelte und gegen die Juden die Beschuldigung erhob, sie hätten gegen den türkischen Staat demonstriert. Die Jude nhetze wurde in Konstantinopel, Adrianopel. Srayma und Angora hemmungslos geführt und hatte traurige Folgen. In Konstantinopel, Smyrna und in anderen Städten nahm die Bevölkerung eine feindliche Haltung gegen die Juden ein; es kam zu Ueberfällen auf jüdische Läden und Klubs, auch eine antijüdische Boykottbewegung machte sich geltend. Von Regierungsseite wurden gesetzliche Maßnahmen gegen die Juden ergriffen. Unter anderem wurde den Juden die Freizügigkeit in Anatolien genommen, was schwerwiegende Folgen für den Handel hatte. Die türkische Judenheit hatte durch die Anzweiflung ihrer Vaterlandsliebe und Loyalität ein schweres geistiges und sogar physisches Martyrium durchzumachen. Am meisten jedoch wurde die Judenschaft dadurch erbittert, daß die Behörden, statt den Mörder, der wegen angeblicher „Geistesstörung" in ein Sanatorium unter gebracht wurde, zu verfolgen, acht jüdische Bürger Konstantinopels unter der Beschuldigung, sich an den Kundgebungen bei dem Leichenbegängnis der Niego führend beteiligt zu haben, verhafteten und nach mehrwöchiger Haft auf die Anklagebank brachten. Das stärkte gleichzeitig den türkischen Antisemiten den Rücken, da es ihre Ausschreitungen mit dem Schein des Rechtes umkleidete. Aber obwohl die Untersuchung mit großer Gehässigkeit geführt wurde, konnte nichts Belastendes gegen die Angeklagten, wie überhaupt gegen die Konstantinopeler Juden, erbracht werden. Es blieb nichts übrig, als die acht Angeklagten freizusprechen. Ein gleichzeitig angeklagter jüdischer Soldat wurde allerdings zu 35 Tagen Gefängnis verurteilt. Man hofft, daß das freisprechende Urteil gegen die acht Bürger unbeschadet des ungerechten Urteils gegen den Soldaten dazu beitragen wird, die Leidenschaften zu beschwichtigen und ein besseres Verhältnis zwischen der jüdischen und der türkischen Gesellschaft anzubahnen. Dazu wird auch der Umstand beitragen, daß die türkische Regierung nunmehr die vor kurzem angeordnete Beschränkung der Freizügigkeit für jüdische Reisende nach Anatolien zurückgezogen hat. Dies hat naturgemäß die Stimmung unter der türkischen Judenschaft gebessert. Der Staatsanwalt hat gegen den Freispruch der acht Konstantinopler jüdischen Bürger Berufung eingelegt; man nimmt jedoch an. daß diese abgewiesen werden wird. Dank vom Hause HohenzoUern . . . Zu einem Sportfest des Schülersportklubs in Oels. auf dem leichtathletische Wettkämpfe ausgetragen wurden, hatte der ehemalige Kronprinz ein Bild mit Unterschrift als Ehrenpreis gestiftet. Der Zufall hatte es gefügt, daß dieses Bild ausgerechnet von einem jüdischen Sportsmann gewonnen wurde. Nun hatte der ehemalige Kronprinz die Bedingung gestellt, seine Ehrengabe dürfe nur an Personen vergeben werden, die „ihren Wert richtig zu würdigen verstehen", und man nahm offenbar an, daß das bei einem Juden — jedenfalls im Sinne des großherzigen Spenders — nicht der Fall wäre. Es wurden daher nach diesem peinlichen Ereignis des „jüdischen" Sieges Verhandlungen angeknüpft und nach dem Austausch einiger diplomatischer Noten gelang es. das kostbare Symbol gegen einen anderen Preis auszutauschen. Es ist letzt für die arische Volksseele gerettet und in die richtigen Hände gegeben worden, nämlich dem Werksportverein „Stephan" der deutschen Reichspost, in dem die Gefahr jüdischer Sportler kaum vorhanden sein dürfte . . . Frag mich was! Bekanntlich weiß nur mehr ein Hottentotte nicht mehr, daß so das neue amerikanisch-europäische Gesellschaftsspiel gegen die Langweile heißt, das der amerikanische und europäische Hottentott sich ausgedacht hat, um nicht etwa gar Gedanken in Gesellschaft von sich geben zu müssen. Anmutige ernste und heitere Fragen wechseln miteinander ab und man kann bei dieser Gelegenheit darauf kommen, daß man auf die wenigsten Fragen eine Antwort weiß. Wie wäre es aber, wenn man solche Fragen aufnähme wie: Wissen Sie, was Antisemitismus iist!? — Ja? — Was gedenken Sie und Ihresgleichen zu tun, auf daß nicht Sie und Ihre Sprößlinge durch diese Volksseuche infiziert werden? — Wie, Sie wollen durchaus nichts dagegen tun und stehen auf dem so beliebten Wurstigkeitsstandpunkt? — Man muß natürlich zugeben, daß solche und ähnliche Fragen gar nicht salonfähig sind und in guter Gesellschaft stellt man keine taktlosen Fragen. Aber auf taktlose Fragen gehört es sich, eine taktlose Antwort zu erteilen, und diese muß lauten: Alle Ihr, die Ihr abseits steht, die Abwehr nur den Wenigen überlasset, Ihr seid schuld .an der Ausbreitung der Volksseuche. 600.000 jüdische Kriegsbeschädigte. Nach einer statistischen Aufstellung des Sejmdeputierten Dr. Heller, des Leiters des Verbandes jüdischer Kriegsbeschädigter in Polen, zählte man nach dem Weltkriege rund 600.000 jüdische Kriegsbeschädigte aller Länder, unter ihnen mehr als 100.000 in Polen. In vielen Ländern werden die jüdischen Kriegsbeschädigten mit Bezug auf die Invalidenrenten hinter ihren nichtijüdischen Leidensgenossen zurückgesetzt; in manchen Ländern erhalten sie keinerlei Renten. Mensa academica judaica. Der Küchenbetrieb der Mensa academica judaica, IX., Zimmermannplatz 8, wurde am Montag, den 10. Oktober d. J., 12 Uhr mittags, wieder eröffnet.

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