Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 42 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 10 DIE WAHRtlüll lungen gemacht. Die Deutschen — meinte er — hätten den Krieg verloren, weil sie zu wenig auf Gott und — zuviel auf die 14 Punkte Wilsons vertrauten. Für sich selbst aber nimmt der Kaiser ein solches Gottvertrauen in Anspruch, daß er ruhig behauptet, alle seine Taten während seiner ganzen Regierungszeit wären von Gott inspiriert worden. Der Interviewer konnte natürlich die Deutschen nicht über ihre Haltung gegen Gott interpellieren, wohl aber nahm er sich die Freiheit, auf der Stelle den Exkaiser zu fragen, weshalb Gott, wenn er ihn wirklich immer inspirierte, ihn schließlich doch mit dem Verlust des Thrones bestraft habe. Wilhelm IL, der sonst so Redselige, fand darauf keine Antwort. Die Reden Wilhelms waren offenbar nie von Gott inspiriert. _ Ego. Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXI. (Floridsdorf).*) Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Zwischen der erfolgten Wahl und dem wirklichen Antritte des Rabbinerpostens in Floridsdorf lag mehr als ein halbes Jahr (7.Februar bis 1. September 1897), während welcher Zeit ich schriftliche und mündliche Mitteilungen auch von verwandtschaftlicher Seite erhielt, die mich vor den angeblich unüberwindlichen Schwierigkeiten warnten. Selbst bei der Installierung — bei derselben waren über persönlichen Einfluß Dr. Königs zugegen: der demokratisch gesinnte Statthaltereirat Baron Paul Hock, später bekanntlich Reichsratsabgeordneter und Senatspräsident, der christlichsoziale Bürgermeister Anton Schweiger und der Führer der liberalen Opposition im Floridsdorfer Qemeinderat, Fabrikant Friedrich Stephan — hob Doktor König in seiner begrüßenden Ansprache an mich offenherzig die Schwere der Situation hervor. Ich selber war frohen Mutes. Mich hatte die Nähe Wiens, dessen Bibliotheken wissenschaftliches Arbeiten ermöglichen sollten, stark angezogen und j5des Bedenken überwinden lassen; nicht zuletzt lockte mich gerade die aus den verschiedenartigsten Elementen sich zusammensetzende Gemeinde Floridsdorf als ein Neuland, das alle Kräfte anspornen und in Anspruch nehmen mußte. Der Friede in der Gemdinde ließ nicht lange auf sich warten. Bereits etwas mehr als ein halbes Jahr später saßen in der Vertretung einträchtig zusammen neben dem Präses Dr. Jakob König und Präse§stellvertreter Emanuel Grünwald, Josef B u c h w a 1 d, Max N e u m a n n, Dr. Ferdinand Brüll, Gabriel Dukes und Ignatz W o d i c k a. Viel schwerer war es, auf die Mentalität der Gemeindemitglieder einzuwirken. Durch die rapid eingreifende Industrialisierung des Gebietes am linken Donauufer und durch den im Zusammenhang damit schnell erfolgenden Zuzug von tausenden und abertausenden Arbeitern waren in Floridsdorf und Umgebung fast südafrikanische Zustände entstanden. Auf oft ferne gelegenen, unzugänglichen, nicht kanalisierten und auch des Nachts nicht beleuchteten und darum überaus billigen Plätzen entstanden Fabriken und schössen ganze Straßenzeiien als Wohngelegenheiten für die Arbeitermassen in die Höhe. — Damals begann Josef Heller, eine Zeit lang auch Mitglied des Kultusausschusses, seine umfangreiche Bautätigkeit, die sich ebenso auf die Herstellung von Häuserblocks wie Fabriken und Etablissements („Giselasäle") erstreckte. Die Verdienstmöglichkeit war somit für die jüdische Bevölkerung vollauf gegeben — als ich das Rabbinat 1897 übernahm, gab es kaum einen Armen in der Gemeinde. Nur eine Bedingung allerdings war an die Erlangung des Lebensunterhaltes geknüpft: unermüdliche Beschäftigung vom Morgengrauen bis in die Finsternis der Nacht. Um sechs *) In der vorigen Nummer. S. 12, soll es heißen: „in der Sitzung des verstärkten Ausschusses vom 7. Februar 18 9 7,.." Uhr früh waren die Geschäfte offen; ich selber kannte einen jüdischen Geschäftsmann, der seinen Laden mit Lebensmitteln bereits um vier Uhr früh offen hielt, „damit die Arbeiter auf dem lang andauernden Wege nach den Fabriken" — außer der von Wien nach Groß-Enzersdorf führenden Dampftramway gab es keine andere lokale Straßenbahnverbindung — „dort einkaufen könnten". Ohne Mittagspause wurde bis in die späte Nacht hinein verkauft; die soziale Gesetzgebung war damals erst im Entstehen begriffen. Mann und Frau und auch die Kinder arbeiteten so im Frondienste des neuen „Pharao" — wie einmal das „Geldverdienen" von mir genannt wurde. Daß unter solchen Umständen die edelsten Gefühle und Empfindungen abgestumpft wurden, daß namentlich die Jugenderziehung, und zwar nicht bloß die religiöse einer starken Gefährdung ausgesetzt war, ergab sich von selbst Konnten doch selbst die Schulbauten dem scimeHen Wachsen der Bevölkerung nicht immer nachkommen, noch weniger die Reügionsunterrichtsstatfonen den sich ununterbrochen verschiebenden Wohnungsverhältnissen der jüdischen Bevölkerung näher gebracht werden. Diese ungesunde Auswirkung einer wirtschaftlichen Hypertrophie drängte sich mir bald auf. Ihr entgegenzuwirken, war eines der Hauptziele, die ich mir gesetzt hatte. Durch Predigten, die auf genaue Erforschung der eigenartigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse aufgebaut waren, versuchte ich die Aufmerksamkeit der Gemeindemitglieder auf die uralten Ideale des Judentums hinzulenken, wie Sabbat- und Fe&tesweihe mitten im Wirbel des Berufes, Genügsamkeit und Zufriedenheit Maßhalten im Erwerb und vor allem Einigkeit in der Gemeinde und Innigkeit im Familienleben .... Mit besonderer Liebe widmete ich mich der Jugend. Der Religionsunterricht an der Knabenbürgerschule bildete das zuerst erfaßte Gebiet meiner pädagogischen Tätigkeit. Gleichzeitig wurde die Schule der Talmud Thora, deren Obmann der ebenso fromme wie prächtige Arzt Dr. M. Schrott er war, reorganisiert und mit einer oberen Abteilung ausgestaltet, der ich mich zur Verfügung stellte. Ebenso wurde ein neuer Lehrplan für den Religionsunterricht an den Volksschulen ausgearbeitet, der sich im Laufe der Jahre bewährte. Bereits drei Jahre später (1900) übernahm ich auch die Erteilung des Religionsunterrichtes an dem neubegründeten Gymnasium in Floridsdorf. Hier wie an der Bürgerschule war ich bestrebt, den Schülern und sodann auch den Schülerinnen nicht bloß Lehrer und Erzieher zu sein, sondern auch, namentlich während der Hochflut des deutschnationalen Antisemitismus, der in die Schulen eindrang, ein stiller Berater und vor allem ein Wegweiser für ihr späteres Leben. Wie weit mir dies gelungen ist, mögen jene Männer und Frauen beurteilen, die jetzt fast durchgehends in gutsituierter, geachteter sozialer Stellung sich befinden, denen ich einst Mentor gewesen, und deren Kinder nunmehr von mir unterrichtet, inspiziert oder bei Konfirmationen und im Jugendgottesdienst belehrt werden. Aus dem harmonischen Zusammenarbeiten aller Faktoren ging ein neuer Zustand der Gemeinde hervor. Statt der Verdrießlichkeit begann ein gewisses Wohlgefühl sich auszubreiten und mannigfach zum Ausdrucke zu kommen. Freiwillige Zuwendungen von Gemeindemitgliedern häuften sich, so spendeten Max Neumann, Samuel Deutsch und Emanuel G r ü n w a 1 d Thorarollen, zumeist zusammen mit wertvollen Schmuckgegenständen, Vorhängen und Mänteln; ebenso wurden fromme Legate vermittelt (Emanuel G r ü n w a I d und Heinrich und Max Steinschneider) und die Opferwilligkeit in jeder Hinsicht gesteigert Aber auch die Gemeinde selber und die Korporationen bemühten sich Ehrungen zu erweisen, so Insbesondere an Max Neumann, Dr. Jakob König und Emanuel G r ü n w a 1 d. Auch mir selber wurden Anerkennungen zuteil (Silberpokale, Ehrendiplome), Aber auch die Schaffensfreude stellte sich bald in der Gemeinde ein. Hierin zeigte sich vor allem die Meisterschaft Emanuel Grünwalds. 1898 wurde das zwei Stock hohe, geräumige Amtsgebäude in nachbarlicher Nähe des Gotteshauses errichtet. Am Tempel selber wurden mehrmals Renovierungen vorgenommen und sodann (1905) ein Vorbau demselben zugefügt, der als Wintersynagoge, Bethamidr asch und Talmud-Thor alokal Verwendung findet. Schließlich wurde der Bau eines neuen umfangreicheren Tempels erwogen und ein Komitee zu dem Zwecke gewählt. Die Gemeinde war nämlich unterdessen nicht bloß innerlich erstarkt sondern auch äußerlich erheblich angewachsen. (Fortsetzung folgt.)