Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 42 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 IHllllMnilM^ DIE WAHRHEIT Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Die Babe Beile-Rasche. Von J. Kotik. (Aus dem Jiddischen.) Die Babe (Großmutter) Beile-Rasche war. wie man einmal gesagt hat, „klug, gut und edel". Als ganz junges Weiberl beobachtete sie genau, wie ihr Mann sich führte. Vor Zeugen tat sie so, als wisse sie nichts davon, wenn er einen Fehler beging. Und wenn er, wie ein unreifer Bub, die größte Narrheit beging, nie hat sie ihn zurechtgewiesen. Nur zu Hause zählte sie ihm alle Fehler auf, die er tagsüber begangen hatte. Sie tat es aber stets mit einer einleitenden Entschuldigung, er möge es ihr nicht übelnehmen, daß sie. ein schlichtes Weib (a Jidene) sich unterfange, ihm, einem Mannsbild, Rat zu erteilen. „Aber", sprach sie eindringlich und herzlich, „auch Du bist doch nur ein Mensch und dazu noch jung. Jeder Mensch kann eine Narrheit begehen. Deshalb ist es gut, daß ich auf dich achte mit Augen voll Liebe und ich will nicht mehr davon reden, was Du getan hast, gleichviel ob gut oder schlecht." So hat sie ruhig und friedlich alles mit ihm durchgesprochen. * Ihre kluge Rede ging dem jungen Ehemann oft so?.\\ Herzen, daß er weinen mußte. Dann pflegte die Babe zu sagen: „Nu, schal (sei still), wein4 nicht, mein teurer Mann! Ich hoffe, Du wirst von selbst viel Gutes tun können. Nur reden, wie ein gutes, getreues Weib darf ich doch mit Dir?" Nach alledem kommt heraus, daß der Seide (Großvater) keinen Entschluß mehr faßte, ohne sich früher mit seinem Weibe beraten zu haben. Jedesmal vor einer Entschließung erklärte er, er müsse sich die Sache bis morgen überlegen. In der Nacht beriet er sich mit Beile-Rasche. Und was die beiden beschlossen hatten, das pflegte er zu tun. In der Stadt wußte man, daß Beile-Rasche es war, deren klugen Rat er einholte. Man rechnete es ihm aber hoch an: ein Mann soll in Harmonie mit seinem Weibe leben. In unserer Familie herrschte ein ungewöhnlicher Zusammenhalt. Die Seele dieser Einigkeit war unsere liebe, unvergeßliche Babe Beile-Rasche. Bei allen Kranken in der Familie wachte sie, ohne sich ablösen zu lassen. Kam eine Schwiegertochter ins Kindbett, war schon sie. die Schwiegermutter, zur Stelle; bei der Tochter war sie. die Mutter, auf dem Posten, bei einem kranken Enkel, sie, die Großmutter. Den Arzt, den Feldscher mußte sie allein aufnehmen. Was man für den Kranken zu besorgen hatte, sie mußte bei allem dabei sein. In ihrem Hause stand ständig für alle ihre Kinder und Kindeskinder Essen bereit. Wer hereinkam, bekam sofort zu essen. Sie selbst aß nichts, sie wartete nur. vielleicht kommt dieses Kind, vielleicht kommt jenes Enkelchen, die Schwiegertochter usw., jedem müsse man etwas aufzuwarten haben. Sie sah man selten essen. Nur, wenn sie etwas Gutes kochte, versuchte sie davon, alles andere verteilte sie. Obwohl sie zwei Dienstboten hielt, wurde alles in ihrem Hause von ihr selbst gebacken, gekocht und gebraten. Und sie war eine seltene Köchin! Auch hatte sie die Gewohnheit, täglich in das Gemeindekranken- und Armenhaus Töpfchen mit Essen -zu schicken. Auch ins Haus den Armen zu schicken, vergaß sie nicht. Alles unauffällig. Sie selbst war eine magere und winzige Jidene, so zart, daß sich die Seele kaum in ihr halten konnte. Aber Energie hatte sie wie kaum ein Mannsbild. Ihr Mann hielt sie teuer, wie Frauen sagen: „Wie den Tag von Schabbes". Er war sehr verwöhnt und aß gerne einen guten Bissen, für ihn kochte sie alle Tage besondere Speisen. Und kein größeres Unglück konnte ihr geschehen, als wenn er — Gott behüte! — eine Fliege auf dem Teller fand. Dann aß er gar nichts. Sie lief sofort zur Schwägerin, vielleicht hatte die einen guten Leckerbissen übrig. War dort nichts, so bat sie ihn, nur einen Augenblick zu warten, gleich würde sie ihm irisches gutes Essen kochen. Doch zum Trotz wollte er nie warten, und sie kränkte sich darüber sehr. Er trank gerne einen guten Tee. Sie sorgte stets für ein Glas bester Sorte. Fuhr er geschäftlich zu einem der Herren, mit denen er in Verbindung stand, mußte er ihr, wenn irgendmöglich, ungefähr sagen, wann sie ihn zurückerwarten dürfe. Und wenn er auch nicht zur angegebenen Zeit da war, sie legte sich nachts nicht nieder, sondern blieb in den Kleidern, um das Feuer zu erhalten, daß der Samowar warm sei, wenn der Mann heimkomme. Tagsüber hatte die Magd darauf zu halten. Der Mann mußte sofort, wenn er ins Zimmer trat, sein Glas Tee haben. Sprach er mit anderen und sie hatte ihm etwas zu sagen, so näherte sie sich ihm mit großem Respekt und bat um Entschuldigung, wenn sie ihn störe. Gab er ihr mit der Hand ein Zeichen, er wolle nicht gestört sein, so ging sie weg, ohne im geringsten gekränkt zu sein. Oft kamen Leute zu ihm, um sich einen Rat zu holen. Man meinte aber hauptsächlich sie. Und er pflegte sie herbeizurufen: „Die Juden wollen Dich um Rat fragen". Sie kam, sagte aber vorher: „Ich bin doch wirklich nicht mehr, als eine alte narrische Jüdin, nur mir will es scheinen, daß man das so und so machen könnte". Und ihrem Rate folgte man meist. Nie hat sie sich zu ihrem Manne gesetzt. Sie stand immer neben ihm mit großen Respekt, obwohl sie ihm sehr, sehr viel zu seiner gesellschaftlichen Karriere verholten und auch in seinen Geschäften mit den hohen Herren gut beraten hat. Um ihn vor Torheiten zu bewahren, stellte sie sich töricht an, sie tat so, als wüßte sie nicht, daß er ihrem Rate folge. Als ihr Vater alt wurde und mit seiner Pflege auf sie allein angewiesen war, nahm ihr Mann ihn ins Haus. So zeigte er sich dankbar für ihre kluge, treue Liebe. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Vor einigen Tagen hielt in einer Wiener Kirche ein katholischer Priester vielleicht die schärfste Predigt gegen den Rassenhaß, die noch jemals in einem christlichen Gotteshause gehalten wurde. Wenn der Redner auch nicht mit zündenden Worten das Treiben der Leute gegeißelt hätte, die unter dem Deckmantel der Religion den Rassenhaß schüren, der doch die Grundlagen des Evangeliums zerstört, die Erscheinung dieses Priesters allein, hätte genügt, um jeden Zweifel an die Wahrheit seiner Worte zurückzuweisen. Dieser katholische Priester war nämlich nicht nur sozusagen ein Schwarzer, sondern ein wirklicher — Neger. Ueberraschend war nur, daß dieser Priester es beruhigt in einer Wiener Kirche ausrief: „Für uns gläubige Katholiken gibt es natürlich keinen Unterschied der Rassen mehr." Der beredte Negerpriester hat ein Zeugnis für die erfolgreiche Tätigkeit opferbereiter Missionäre gegeben: es scheint aber, daß die bekehrten Schwarzen auch ein Feld für ersprießliche Arbeit in Europa finden könnten. * v Klingt es nicht wie ein schönes Märchen, wenn aus dem Numerus-clausus-Ungarn die Kunde über die Predigten dringt, die am 18. September des Jahres 1927 in Sajokasa, einer kleinen ungarischen Ortschaft, anläßlich der Einweihung der Synagoge gehalten wurden? Erfreulich, wenn auch noch lange nicht märchenhaft berührt es schon, daß dieses jüdische Gotteshaus, zu dessen Errichtung die Mittel einer aus 20 Familien bestehenden Gemeinde nicht hinreichten, dank der Munifizenz des Baron Eugen JAC. MAVER Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSe 24 Tel. 48-4-79 Für Kultusbeamte und Vereinsfunktionäre gegen Legitimation 10% Nachlaß