Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 42 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 UiiRiH^ DIE WAHRHEIT Nr. 137): „Warum das Buch „Impressionen4 mir fremd geworden ist? Weil es mehr Negation enthält, als meinem heutigen Denken entspricht. Der Judenaufsatz war als Mahnung gedacht; in der unglücklichsten Stimmung meiner trübsten Zeit wurde er zur Anklage. Anklagen aber ist im Ursinn des Wortes diabolisch; aus Bitterkeit wird niemals das Gute kommen, sondern aus Kraft. Heute verstehe. ich die Anklage nicht mehr. Du findest in der .Kritik der Zeit', wie das Spezialproblem sich menschlich in höheren Synthesen auflöst." Die Lesende über Rathenaus „Dreihundert". Im Jahre 1909 veröffentlichte Rathenau einen Aufsatz „Unser Nachwuchs", der für ihn — wie es in der Biographie heißt — verhängnisvoll wurde. Es heißt da: „Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung." Frank Wedekind, der mit Rathenau befreundet war, machte ihm den Vorschlag, mit ihm gemeinsam einen „Almanach der Dreihundert", eine neue Art „Gotha der Wirtschaft" herauszugeben, für den er den Verlag Georg- Müller in München in Aussicht nahm. Rathenau lehnte dieses Ansinnen ab mit der Erklärung, daß diese erwähnten Dreihundert nicht zu fassen seien. Damit war damals die Frage der „Dreihundert" für Rathenau erledigt. Aber später tauchte sie wieder auf. Es wurde behauptet, daß Rathenau von „dreihundert Juden" gesprochen habe, die die geheime Herrschaft über Europa in Händen hielten, daß er selbst sich zu diesen „Dreihundert" gezählt habe. Gegen diesen Satz führte man die heftigsten Angriffe, — natürlich erst, nachdem er in dieser Weise völlig mißdeutet und entstellt war, — und es nützte, wie bei Verleumdungen und Entstellungen immer, nicht das geringste, daß Rathenau viele Menschen über den wahren Sinn seiner Worte aufklärte. Es ist ein seltsames Verhältnis, daß man behaupten wollte, gerade Rathenau, der in seinen Schriften den Absolotismus der Plutokratie immer bekämpfte und der von manchen Juden, solange er lebte, als Gegner angesehen wurde, sollte hier auf einmal die Herrschaft von dreihundert Juden akzeptiert und sogar postuliert haben. Der Patriotismus der ungarischen Judenheit. Anläßlich der Hohen Feiertage hat die Budapester jüdische Wochenschrift „Egenlös6g" die Leiter der ungarischen Munizipalstädte über die Erfahrungen befragt, die sie bezüglich der vaterländischen Haltung der jüdischen Bevölkerung gewonnen haben. Nachstehend veröffentlichen v/ir einige aus den auf diese Rundfrage erteilten interessanten Anworten: Der Budapester Oberbürgermeister Dr. Franz Ripka schrieb u. a.: „Die Energien, die das Judentum unter unerhört schweren Schicksalen durch Jahrtausende aufrechterhalten haben, stellen Werte dar, die von jedem, der die Wirklichkeit mit nüchternem Blick beobachtet, hoch eingeschätzt werden müssen. Auch die ungarische Nation durchlebt gegenwärtig schwere Krisen. Ich bin überzeugt, daß die ungarische Judenheit dem Vaterlande große Dienste leisten kann, wenn sie ihre Werte der nationalen Sache zur Verfügung stellt. Unter den Komponenten des ungarischen Lebens ist die Rolle der ungarischen Judenheit nicht unwesentlich. Sie hat in manchen Belangen bezeichnende Spuren zurückgelassen, namentlich hat sie an der wirtschaftlichen Entwicklung in achtunggebietender Weise mitgewirkt. Die Geschichte aber bleibt niemand etwas schuldig. Wenn eine Menschengruppe zu geben weiß, so wird das, was sie gab, auch zurückgezahlt, und sie bekommt ihren Platz an der Sonne. Wer jedoch bloß nimmt, dem wird das, was er geerbt hat, abgenommen. Der ungarischen Judenheit wünsche ich ein glückliches Neujahr. Möge es uns allen mehr Heiterkeit, mehr Verständnis und mehr Vertrauen in den guten Willen der Menschen bringen." Der Bürgermeister von Nyiregyhäza. Dr. Koloman Ben es, äußere sich wie folgt: „Nach den Aufzeichnungen der städtischen Geschichte hat sich der erste jüdische Kaufmann nach der im Jahre 1753 erfolgten Wiederbesiedlung der Stadt im Jahre 1840 hier niedergelassen. Seit dieser Zeit bis auf den heutigen Tag lebt die jüdische Einwohnerschaft in "'ollster Eintracht und im besten Einvernehmen mit der übrigen Bevölkerung. Sie haben im Freiheitskampfe vom Jahre 1848 zusammen gekämpft, in der traurigen Epoche des Absolutismus zusammen gelitten, im Aufstieg der Sechzigerjahre zusammen gehofft und an der Entwicklung und Verschönerung der Stadt zusammen gearbeitet. Diese Eintracht bestellt auch heute, und ich bin sicher, daß sie auch künftig die Bewohner der Stadt einigen wird und die verschiedenen Konfessionen in gegenseitiger Wertschätzung in der Förderung der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt wetteifern werden." Der Bürgermeister von Miskolc, Der. Alexander Hodobay, läßt sich wie folgt vernehmen: „Die jüdischen Bürger der Stadt Miskolc — die geschichtlichen Daten beweisen es — haben schon im Freiheitskampfe vom Jahre 1848 mitgewirkt, wie sie auch im Laufe des Weltkrieges mit ihrem Leben und mit ihrem Blut Zeugenschaft für ihr patriotisches Gefühl abgelegt haben. Seit Wiederherstellung des verfassungsmäßigen Lebens hat Miskolc zweimal Abgeordnete jüdischen Glaubens ins Parlament gewählt. In diesen Abgeordneten hat die Bevölkerung der Stadt bloß die von reiner Vaterlandsliebe durchdrungenen ungarischen Bürger gesehen und geschätzt. Wie in der Vergangenheit, so werden wir uns auch in Zukunft über alle konfessionellen Gesichtspunkte und Tendenzen erheben. Den Konfessionen hat das Gesetz Freiheiten und Rechte zugesichert, von denen sie freien Gebrauch machen können. Wer seine Menschenbrüder nach ihrem Glaubensbekenntnis beurteilt oder sie unter diesem Titel in irgendwelcher Form zur Verantwortung ziehen will, ist außerstande, sich zur Höhe der Menschenwürde emporzuschwingen. Die Weltanschauung des echten Christenglaubens kennt bloß die Liebe und verzeiht auch denen, die an uns gesündigt haben. Wer den Haß verkündet, geht durch seine 'eigene Waffe zugrunde. Die Liebe ist es, die den Menschen erhöht und ihm wirkliche Würde verleiht. Künstliche Unterschiede zwischen Mensch und Mensch zu züchten, Scheidewände zu errichten, Schranken zu schaffen, den Haß zu predigen, das ist nicht die Art der echt ungarischen Menschen. Mit solchen Mitteln erniedrigen wir nicht nur uns selbst, wir verhindern auch die völlige Einheit unseres ungarischen Vaterlandes, das in diesen Tagen der Betrübnis und des Leides ebenso zusammenhalten muß, wie in den Stunden der Hoffnung und der Tatbereitschaft. Ich hege keinen Zweifel darüber, daß mit mir auch meine jüdischen Mitbürger von den gleichen Gefühlen durchdrungen sind." Der Bürgermeister von Kaposvär, Dr. Georg V e t e!c, schreibt: „Stets habe ich bei den Kaposvärer Juden größte Anhänglichkeit und Treue für ihre Religion wahrgenommen, doch haben sie auch den übrigen Religionen gegenüber ebensoviel Verständnis und konfessionelle Duldsamkeit gezeigt. Nie konnte ich bei ihnen irgendwelche Voreingenommenheit beobachten, vielmehr fand ich bei ihnen stets die größte Opferbereitschaft, wenn es sich um die Entwicklung der Kultur handelte, und zwar auch bei Gelegenheiten, bei denen nicht bloß allgemeine nationale Interessen im Vordergrunde standen, sondern Interessen, die irgendeiner anderen Glaubensgemeinschaft oder sozialen Schicht zugute kommen sollten. Vom Patriotismus der Kaposvärer Juden darf ich sagen, daß wie in jeder anderen Stadt, so auch in der unseren, die Juden ihre auf dem Felde der Ehre gefallenen Helden hatten. Ich selbst war zugegen bei der ergreifenden Feier, als in die Mauer des hiesigen Tempels die Gedenktafel eingefügt wurde, die die Namen der für das Vaterland gefallenen jüdischen Frontkämpfer verewigt. Kaposvär befindet sich in der glücklichen Lage, daß hier die größte konfessionelle Eintracht und das harmonische Zusammenwirken der den verschiedenen Glaubensgemeinschaften angehörenden Bürger herrscht. Die Mitglieder der verschiedenen Konfessionen besuchen einander mit dem schönsten Einvernehmen an ihren religiösen Festen. Anläßlich der Prozessionen am Auferstehungsfeste und am Fronleichnamstage schmücken auch die Kaposvärer Juden die Fenster ihrer Häuser. Ebenso nehmen auch die übrigen Konfessionen an allen festlichen Gelegenheiten der Kaposvärer Juden teil. Dieses wechselseitige Verständnis und diese seelische Eintracht ermöglichen es, daß im Leben der Stadt die verschiedenen Konfessionen den edelsten Wetteifer entfalten und in gemeinsamer Arbeit dazu beitragen, daß die Bedeutung von Kaposvär andauernd zunimmt und die Stadt täglich schöner und blühender wird." Der Bürgermeister von Sz6kesfeh6rvär. Ludwig Lipcsey, sagt: „Im Gros der hiesigen Judenheit war und ist die Liebe zum ungarischen Vaterland stets wach, und ich bin überzeugt, daß dieses Gefühl dank der Arbeit der patriotischen Führer sich noch mehr kräftigen und aufblühen wird."^ my. .i