Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 42 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064339--15770-3088591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Iii Seite 5 die Wahrheit iriiiHüiiiiitiuiitminnuniiiniinmiiiiflraBiiBiBBBHii All das Gesagte dürfte wohl genügen, daß man einsehe, mit welch ängstlicher Gewissenhaftigkeit hier Gelübde, Zusage und Verpflichtung behandelt werden, nicht nur solche, die das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, sondern auch solche, die das Verhältnis zwischen Mensch und Gott (ben adam lekönö) betrafen. Tausend Hecken und Zäune und Warnungen und Vorsichtsmaßregeln verdanken ihren Ursprung dem festen Bestreben, daß das Volk ja nicht dazu komme, Wort und Zusage und Verpflichtung gering zu achten und die biblische Lehre, daß das Wort absolut heilig und unverletzlich ist. zu übertreten. Und nun wird man es vollauf zu würdigen wissen, wenn Herr Prof. Groß im Tone tiefster sittlicher Entrüstung das tugendsame und gottesfürchtige Sprüchlein wiederholt: „Wer ein Gelöbnis, also ein dem höchsten Wesen gemachtes Versprechen auflösen kann, der braucht doch ein einem Menschen gegebenes Versprechen nicht zu halten!" Tableau! Außer den oben angeführten Quellen zur Geschichte des Kol Nidre muß man heranziehen: SMG., Verbote, 242, Kol-Bo, Nr. 68. Schibbole ha Leket, 102 (die beiden Werke stammen ungefähr aus dem 14. Jahrhundert), Aschen zu Nedarim 23 b, und Ende Jona, RaN, RITbA und Nimmuke Joseph (zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts) zu Nedarim ibidem. Wir wollen an der Hand dieser Quellen die Entwicklungs- und Verbreitungsgeschichte des vielgeschmähten Textes darlegen. Doch lohnt es sich, die Uebersetzung des Kol Nidre zu betrachten, die der Antisemiten-Katechismus bietet und die von Herrn Schütze approbiert und von Herrn Prof. Groß kanonisiert worden ist, und sie mit der authentischen Uebersetzung zu vergleichen: Antisemiten-Katechismus: „Alle Gelübde (Kolnidre) und Verbindlichkeiten und Verschwörungen der Eide, die wir von diesem Verschwörungstag bis auf den nächsten geloben, schwören und zusagen werden, die reuen uns alle und sollen aufgelöst werden, erlassen, aufgehoben, vernichtet, unkräftig und ungültig, unsere Gelübde sollen keine Gelübde und unsere Schwüre sollen keine Schwüre sein." (Schulchan Aruch 1, Par. 619.) In jeder Zeile mindestens eine Fälschung. „Essare" heißt nicht Verbindlichkeiten, sondern Verbote, und man versteht darunter ein Selbstverbot (in der Bibel, Numeri 30, 13 heißt ein solches Selbstverbot „issar-naphschah"), kraft dessen sich einer aus freien Stücken etwas Erlaubtes verbietet, um sich Zwang oder Kasteiung aufzuerlegen. Von „Verschwörungen der Eide", an sich ein unverständlicher Begriff, steht nichts im Texte, sondern es steht „uschebüe", das bedeutet eine „schebüath bittuj", das heißt ein Gelöbnisschwur, nämlich ein Gelübde, welches sich durch seinen Inhalt in nichts von jedem anderen Gelübde unterscheidet, nur in der Form anders geartet ist: „Ich schwöre", anstatt: „Ich gelobe, dies oder das zu tun oder zu lassen." („Ani nischba" anstatt: „Ani noder".) Solch ein Gelöbnisschwur wird, wie oben auseinandergesetzt, in betreff der Lösung strenger behandelt als ein gewöhnlicher Neder, hat aber natürlich, wie wir gesehen, mit dem eigentlichen Eid, der von der Behörde abgenommen wird und das Interesse einer dritten Person betrifft, nichts gemein. Jom Kippurim ist mit Versöhnungstag zu übersetzen, nicht mit Verschwörungstag, welches Wort überhaupt keinen Sinn hat. Das Wort Versöhnungstag ist jedem Deutschen schon aus den Bibelstunden so wohl vertraut, daß man sich da mit der Unwissenheit allein nicht entschuldigen kann. Hier war offenbar eine Herabsetzung, Verunglimpfung und Verdächtigung des heiligsten jüdischen Feiertages beabsichtigt. Von „Zusagen" ist in dem ganzen Stück mit keinem Worte die Rede. Die gröbste Fälschung besteht jedoch in der Weglassung der zwei Wörtchen „al naphschathana" — für unsere eigene Person: davon ist weiter unten ausführlich die Rede. In Wirklichkeit lautet die Uebersetzung des Kol Nidre folgendermaßen: „Alle Gelübde, Verbote, Gelöbnisschwüre, Bannungen. Verzichtungen, Versagungen und deren Kinnujim. die wir geloben oder verschwören, oder bannen, oder verbieten, werden auf unsere eigene Person, von djesem bis zum nächsten Versöhnungstage, der über uns komme, zum Guten — sie alle bereuen wir, alle mögen aufgelöst sein, erlassen und erlaubt, annuliert und aufgehoben, nicht bindend, nicht bestehend, unsere Gelübde seien keine Gelübde, unsere Verbote keine Verbote und unsere Gelöbnisschwüre keine Gelöbnisschwüre." „Verziehen möge werden der ganzen Gemeinde der Kinder Israels und dem Fremdling, der unter ihnen wohnt, denn das ganze Volk sündigt ja nur aus Irrtum." (Fortsetzung folgt.) Statt Karten Herr und Frau Max Herlinger laden höflichst zur OKj rrao *ß j>0 ihres Sohnes Hans welche Samstag, den 22. Oktober 1927 um i,l.iW vorm. im Tempel, II., Pazmanitengasse 6, stattfinden wird Walther Rathenau. Zum 60. Geburtstage Walther Rathenaus am 29. September erschien die erste authentische Rathenau-Biographie von Etta Federn-Kohlhaas im Verlag Carl Reißner. Dresden, die nach persönlichen Aufzeichnungen, Briefen, Tagebuchnotizen und Bekenntnissen aus dem Nachlaß gestaltet ist, den die Familie Rathenau der Verfasserin übergab. Ratbenaus Jugend. Rathenau sollte seinen Militärdienst in einem Infanterieregiment absolvieren, seines ungewöhnlich schönen hohen Wuchses wegen kam er aber zu den Gardekürassieren. Das war seinem Vater nicht recht, denn erstens war es ein sehr teures Kavallerieregiment, und zweitens war es in diesem feudalen Kreis ganz unmöglich, daß Rathenau als Jude je Offizier werden konnte, und das war damals sein Herzenswunsch. Es war Rathenau auch hier nicht leicht, zu entsagen. In dem Aufsatz „Staat und Judentum" (1911) sagt er: „In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: Wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und daß keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann." Und in demselben Aufsatz spricht er von der Unmoral, die darin liege, daß der Staat eine Prämie auf Religionswechsel, also auf Charakterlosigkeit, aussetze. Denn wäre der Religionswechsel nicht mit äußerlichen, materiellen Vorteilen verknüpft, würden nur sehr wenige Juden aus innerer Ueberzeugung ihre dogmenfreie Religion verlassen und ein dogmatisches Bekenntnis aussprechen. Das aber war die Unmoral deutscher und preußischer Judenpolitik, daß sie diese innere Unwahrhaftigkeit prämiierte. Als es galt, den Offiziersberuf durch diesen Schritt zu erreichen, mußte Rathenau auf diese Laufbahn verzichten. Rathenaus Aufsatz „Höre Israel!" 1893 übernahm Rathenau die Leitung der Bitterfelder Werke der A. E. G. In den folgenden Jahren entstanden Aufsätze auch jüdischen Inhalts, unter ihnen Nacherzählungen aus dem Talmud und der Aufsatz „Höre Israel!", der im Jahre 1897 veröffentlicht wurde und der Rathenaus ganze Entwicklung beeinflußte. Dieser Aufsatz, der aus dem eigenen Leiden unter dem Judentum und um das Judentum entstanden war und die Selbstzucht, die Rathenau persönlich übte, mit scharfen Worten allgemein empfahl, der als Mahnung und Warnung gedacht war, stellte einen Erziehungsversuch dar, der wie alle derartigen unerbetenen Bemühungen auf schärfsten Widerspruch stieß. Trotzdem nahm er ihn noch später in die 1902 herausgegebenen „Impressionen" auf. Ob das damals noch ganz aus innerer Ueberzeugung geschah, ob er es aus einem gewissen Trotz tat, oder ob er sich ehrlich zu den Ansichten bekennen wollte, die er erst Pseudonym ausgesprochen hatte, das läßt sich nicht entscheiden. Jedenfalls war die Wirkung des Aufsatzes eine ganz andere, als Rathenau beabsichtigt und erwartet hatte. Der Aufsatz, der zu einer inneren vom Judentum selbst ausgehenden Bekämpfung des Antisemitismus aufforderte, wurde mißverständlich zur Waffe in den Händen der Antisemiten, während die Juden ihn als Beleidigung und unberechtigt scharfen Angriff empfanden. Als Walther Rathenau reifer und ruhiger geworden war, bereute er selbst Ton und Inhalt dieses Aufsatzes; er zog die „Impressionen" aus dem Buchhandel zurück, damit diese „Jugendflegelei", wie er selbst den Aufsatz in späterer Zeit nannte, der Oeffentlichkeit nicht mehr zugänglich sei. Und solange man sein Urteil und seinen Willen respektieren wird, kann das nicht geändert werden. Im Juli 1914 schrieb er darüber an seinen Freund Schwoner („Briefe", m