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Die Wahrheit · 1927-10-14 · Heft 42 (14.10.1927) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 42 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ME WAHRHEIT Seit* 3 Kol Nidre. (Seine Bedeutung, seine Entstehung, seine Entwicklung.) Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Aus dem ganzen Qewoge der Diskussionen und Kontroversen greift Maimuni das Wesentliche heraus, das im großen und ganzen fortab geltend blieb, und faßt es in seiner lichtvollen Weis« folgendermaßen zusammen: „Wer eine Schebuath bittuj geleistet hat und es bedauert, weil er sieht, daß es ihm Leid bringt, wenn er seinen Schwur einhält, und er ist anderer Gesinnung geworden; oder wenn inzwischen ein Umstand eingetreten ist, an den er beim Schwur nicht gedacht hat und deswegen ihn bedauert, so befragt er einen Chacham, oder wo kein solcher ist, drei Laien und diese lösen ihm den Schwur, dann'darf er das tun, was er zu unterlassen schwor, oder das unterlassen, was er zu tun schwor." (Schebuoth VI, 1.) Keiner darf sich selber einen Schwur lösen (3). Der oder die Gelobende muß in eigener Person vor dem Chacham erscheinen (folgen Bestimmungen über Vertretung des Gelobenden) (4). Der oder die Gelobende spricht: Ich habe das und das zu tun oder zu lassen gelobt, aber ich bereue es, und wenn ich gewußt hätte, daß mir daraus ein Leiid's erwachsen würde — oder: wenn ich daran gedacht hätte, daß dieser oder jener Umstand eintreffen würde — oder: wenn meine Gesinnung damals gewesen wäre, wie heute, so würde ich den Schwur nicht getan haben. Der Chacham oder der Aelteste der Drei spricht: Hast du schon bereut? Er antwortet: Jawohl. Der andere spricht darauf dreimal aramäisch: „scharuj" oder hebräisch „mutthar" oder „machul loch" ist gleich es ist dir erlaubt oder verziehen, oder ein ähnliches Wort, in welcher Sprache immer (5). (Folgt eine lange Reihe von Einzelbestimmungen.) Wenn einer einen Schwur geleistet hat und ihn nicht bereut und vor dem Beth- Din (ordentlichen rabbinischem Gerichtshof) erscheint, mit der Absicht, seinen Schwur zu halten, — sehen die Richter ein, daß die Lesung dieses Schwures eine Mizwah herbeiführen oder Frieden zwischen Mann und Weib oder zwischen Mensch und Mensch wiederherstellen kann, dagegen dessen Einhaltung eine Sünde veranlassen oder Zwietracht und Hader entfachen kann, so sind die Richter verpflichtet, ihm einen Ausweg zu eröffnen und mit ihm über die Sache zu KUNEROL Verbürgt reines Fett aus Kokos* nässen. Die Kokosnüsse werden bei der Ktmerolwerke A. G^Wien» Atzgersdorf, gepreßt und die Er» zeugung siebt bis rar Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrab* biners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kttnerol kann daher von jedem Streng« gläubigen ohne Bedenken zur Zuberei» tung der Speisen verwendet werden. Hcrbet HbonointN für „Dil NMT! welch schreckliches Erwachen! Als ich ans Fenster eilte, sah ich zu meinem namenlosen Schrecken das ganze Wirtshaus in Flammen. Mein Leben ist, wie Ihr hören werdet, reich an außergewöhnlichen Erlebnissen, aber diese Szene wird nie aus meinem Gedächtnis entschwinden. Einen Augenblick betrachtete ich dieses gräßlich schöne Schauspiel. Mit tausend gierigen Zungen leckte die Flamme ringsherum. Plötzlich ertönte ein ohrenzerreißendes Geklirr, die Fenster im unteren Stockwerke waren zersprungen und fast gleichzeitig entstieg jedem derselben eine Rauchsäule, der gleich darauf ein Meer von Flammen folgte, die mit wilder Hast die sichere Beute umschlangen. Ein Zuruf von der Straße, mich zu retten, erweckte meine Besinnung, ich eilte zur Tür, aber beim Oeffnen derselben zog das Flammenmeer in das Zimmerchen, dieses mit Rauch und Qualm erfüllend. Gleichzeitig stürzte die Treppe mit einem furchtbaren Gedröhne ein. Also keine Rettung! Ich eilte zum Fenster und rief den Leuten auf der Straße zu, mich zu retten. Was wollte man tun? Bevor man Leitern gebracht hätte, wäre ich längst dem Feuertod erlegen. Schon glaubte ich mich rettungslos verloren, da rief unten ein Mann: „Werft Euch herab, wir haben Stroh gestreut, es kann Euch beim Falle nichts geschehen." In meiner Verzweiflung sprang ich herab und fiel bewußtlos auf das ausgebreitete Stroh. Als ich zur Besinnung kam, lag ich in einem reinlichen Bett, in einem freundlichen Zimmer in Amsterdam. Der Menschenfreund, der mein Leben gerettet, hatte mich auch, als ich besinnungslos dalag, in seinem Wagen nach Amsterdam bringen, einen Arzt rufen und mir überhaupt die sorgfältigste Pflege angedeihen lassen. Die Dankbarkeit, die ich gegen meinen Wohltäter empfand, könnt Ihr, Rabbi, Euch leicht vorstellen. Rabbi Mosche Tauer, dies war der Name meines gastlichen Wirtes, war ein kleiner magerer Mann, dessen Züge bis auf das rote Haar und das Schielen des rechten Auges einen recht wohlwollenden Ausdruck annehmen konnten. Meinen innigen Dank wies er entschieden zurück. ,Ich habe bloS die keiligsten Pflichten erfüllt und das ist nicht des Redens wert', sprach er jetzt, .aber', fuhr er fort, ,laßt mich den Zweck eurer Reise wissen, wenn dieser kein Geheimnis ist. Vielleicht kann ich Euch mit Rat und Tat dienen. Ich bin hier in Amsterdam wohl bekannt und kann mich rühmen, daß mich mein:; f reunde ebenso lieben, als meine Feinde nrch hassen und veriolgen.' ,Man verfolgt Euch, guter Mann?' rief ich entrüstet. — Xassen wir das', entgegnete Rabbi Mosche betrübt, ,und sprechen wir, wenn es Euch beliebt, von Euren Angelegenheiten.' Ich, entzückt, einen so würdigen Freund gefunden zu haben, erzählte ihm den Zweck meiner Reise und bat ihn inständigst, mich, der ich die holländische Gerichtspflege nicht kannte, m meinen Bemühungen zur Erlangung unserer Erbschaft zu unterstützen. Der freundliche Rabbi Mosche versprach es. Da mein Koffer verbrannt und ich dadurch aller Hilfsmittel entblößt war, erbot sich Rabbi Mosche auch, mir das nötige Geld zur Anschaffung einer anständigen Garderobe und meines Lebensunterhaltes so lange vorzustrecken, bis ich von zu Hause Geld und die zur Begründung meines Rechtsanspruches nötigen gerichtlichen Dokumente wieder erhalten werde; auch sollte ich bei ihm wohnen. Da mir kein anderer Ausweg blieb, nahm ich dieses freundliche Anerbieten freudig an und schrieb an meine Familie. In Amsterdam ganz fremd, war ich nur auf Rabbi Mosches Gesellschaft angewiesen, der ganz isoliert von der dortigen Gemeinde zu leben schien. Bald erhielt ich von meiner Familie Geld und die Abschrift der Urkunden. Das Schreiben war erbrochen, ein Umstand, der, wie Rabbi Mosche mir erklärte, daher rührte, weil in meinem Vaterland eine Verschwörung entdeckt wurde, deren Verzweigungen sich bis ins Ausland erstrecken dürften. Es werden daher alle Briefe von und nach Polen von der Behörde geöffnet, um deren Inhalt kennen zn lernen. Mein blindes Zutrauen zu Rabbi Mosche ließ keinen Zweifel in mir rege werden, zumal Unruhen in Polen nicht selten waren. Bloß der Umstand setzte mich in Erstaunen, daB die von der Regierung geöffneten Briefe nicht wieder versiegelt

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