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Die Wahrheit · 1927-10-14 · Heft 42 (14.10.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 42 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT preußischen Studentenschaften nur mit solchen Studentenschaften verbinden dürfen, die wie die preußischen Studentenschaften alle deutschen Studenten ohne Unterschied von Rasse und Konfession umfasse n." Die österreichische „Deutsche Studentenschaft" huldigt solchen wahrhaft staatsbürgerlichen Prinzipien nicht und deshalb wird sich fürderhin die preußische „Deutsche Studentenschaft" mit ihr nicht verbinden dürfen. So wird von Völkischen ein Keil in die Vertiefung der großdeutschen Idee gerade unter der deutschen akademischen Jugend getrieben, die immer zu den Vorkämpfern dieser Ideale gehörte. * * * Hatte es noch eines Beweises der skrupellos völkischen Einstellung der Studentenkreise Oesterreichs bedurft, so. sind es die Veröffentlichungen des Fünferausschusses der preußischen Studentenschaften, der als Organ der völkischen Mehrheit nach Oesterreich gesandt worden war, um festzustellen, in welcher Weise die zahlenmäßige Zusammensetzung der Hörer an den österreichischen Hochschulen mit Recht die in der Oeffentlichkeit behauptete „Ueberfremdung" und „Verjudung" rechtfertigt. Ein geradezu vernichtendes Ergebnis für die völkischen Freunde der akademischen Freiheit bringen schon die statistisch ermittelten Zahlen. Daraus ergibt sich, daß an keiner der österreichischen Hochschulen die jüdischen Hörer einen größeren Prozentsatz ausmachen als an den reichsdeutschen Hochschulen. Wenn man in Betracht zieht, daß nach der Verordnung des preußischen Kultusministeriums als „auslandsdeutsch" alle österreichischen Staatsangehörigen zu bezeichnen sind, sofern sie sich nicht zu einem fremden Volkstum bekennen, so ergibt sich maximal ein Prozentsatz von 17,5 v. H. jüdischen Hörern an der Universität Wien, 9,1 v. H. an der Technischen Hochschule Wien usw. Im Gesamtdurchschnitt ergibt sich also, daß die jüdischen Studenten an den Wiener Hochschulen etwa 11,2 v. H. der gesamten deutschen Studierenden dort betragen. (Die Zahl der jüdischen Einwohner in Wien beträgt 12 v. H. der Gesamtbevölkerung.) Als besonders durch „Verjudung" gefährdet bezeichnete man die Hochschule für Welthandel in Wien, wo angeblich 50 bis 60 v. iL der Hörer Juden sein sollten. Was ergab die amtliche Statistik? 11,8 v. H. jüdische Hörer an der Hochschule für Welthandel. Am wesentlichsten scheint die vom Fünferausschuß gemachte Feststellung zu sein, daß die Vertreter der Deutschen Studentenschaft auch angesichts dieser Statistiken, die die völlige Haltlosigkeit ihrer Behauptungen beweisen, erklärten, jegliche frei willige Gemeinschaf t mit Juden abzulehnen, und zwar auch an den Hochschulen in Graz, wo die jüdischen Hörer nur 1,5, bzw. 0,3 v. H. der Gesamthörerschaft ausmachten. Hieraus ersieht man, daß in Wahrheit nicht die immer vorgeschützten „vaterländischen Belange", sondern lediglich die antisemitische Gesinnung die wahren „Ideale" der Deutschen Studentenschaft sind. Die authentisch ermittelten Statistiken zeigen mit aller Deutlichkeit, daß der seit Jahren geführte Kampf um die „Reinhaltung der österreichischen Hochschulen" in Wahrheit eine Irreführung der Oeffentlichkeit über den zahlenmäßigen Einfluß der jüdischen Oesterreicher darstellt. Wieder hat der Jude als Vorwand zur Erreichung der Ziele völkisch-radikaler Kreise herhalten müssen, und nur in diesen Kreisen sind die verantwortlichen Drahtzieher der Ausschreitungen an den Wiener Hochschulen zu suchen. ££u Feuilleton Kaddisdi vorKoUNidre in der Prager AltneuschuL Erzählt von S. K o h n. (Fortsetzung.) „Ich bin der Sohn vermögender jüdischer Eltern und Polen ist mein Vaterland. Mein Vater, ein alter Mann, der sich mit Pferdehandel beschäftigte, wünschte mich, der Sitte unseres Landes gemäß, frühzeitig verehelicht. Es war mir leicht, dem väterlichen Willen Folge zu leisten, denn das siebzehnjährige Mädchen, welches mir bestimmt wurde, war ebenso liebenswürdig als tugendhaft. Im ersten Jahre unserer Ehe ward mir ein Knabe, ganz das Ebenbild seiner anbetungswerten Mutter, geboren. Mein liebes Weib und ich liebten abgöttisch dieses herrliche Geschöpf. So waren mehrere Jahre eines ungestörten Glückes verflossen. Eines Tages erhielt mein Vater einen schwarz versiegelten Brief, der ihm die Nachricht brachte, daß sein Bruder, der als armer Knabe die Heimat verlassen, als wohlhabender Mann ohne Hinterlassung rechtlicher Erben in Amsterdam gestorben sei. Da mein Vater demgemäß der einzige Erbe war, so erschien es notwendig, in Amsterdam persönlich zu erscheinen. Mein Vater war schon alt und nicht imstande, die weite Reise zu unternehmen. Da ich sein einziger Sohn war, mußte ich in seiner Vertretung die Reise antreten. Ich trennte mich nur ungern von meiner teuren Familie und nur der Notwendigkeit gehorchend schied ich, ein peinliches Vorgefühl im Herzen, mit den nötigen Vollmachten versehen, von meinem Hause. Drei Wochen waren unter fortwährenden Mühseligkeiten verflossen, als ich eines Abends in einem vier Stunden von Amsterdam gelegenen Dorfe anlangte. Es war schon zu spät und ich hätte erst in der Nacht Amsterdam erreicht; nach einigem Besinnen beschloß ich, hier zu übernachten. Dieser Entschluß war für mich unheilbringend, denn von diesem Augenblick an bildete mein Leben nichts als eine Kette qualvoller Leiden. Oh! Hätte es dem Allmächtigen gefallen, mich nie dieses Haus betreten zu lassen!" „Blickt nicht zurück in die Vergangenheit," sprach der Rabbi ernst. „Wer zu dem Allmächtigen fleht, er möge Geschehenes ungeschehen machen, dessen Gebet ist ein vergebliches, lehren unsere Weisen. Ermannt Euch, erkräftigt Euch und wendet den freien, hoffnungsreichen Blick in die Zukunft." „Nein, nein," rief der Soldat, von krampfhaftem Schluchzen unterbrochen, „nirgends erblicke ich einen Hoffnungsstrahl, öde und finster, wie mein freudeloses Herz, erscheint mir auch die Zukunft." Er war bei diesen Worten aufgestanden und durchschritt mehrmals hastig das Zimmer. Der Rabbi ließ ihn gewähren; als er sich von den schmerzlichen Erinnerungen, die dieser Wendepunkt seines Lebens in ihm hervorgerufen, erholt hatte, fuhr er in seiner Erzählung fort: „Da am nächsten Morgen die große Messe in Amsterdam beginnen sollte, war das Wirtshaus mit Gästen überfüllt und so mußte ich mit einer kleinen Stube im letzten Stockwerke vorlieb nehmen, ein Stübchen, welches so eng war, daß ich meinen Koffer, der nebst meinem Reisegeld die zur Begründuhg meines Erbanspruches nötigen gerichtlichen Dokumente ent- » hielt, nur mit Mühe unterbringen konnte. Ermüdet von der Reise, warf ich mich entkleidet auf mein Lager, um mich durch einen erquickenden Schlummer für die Strapazen der folgenden Tage zu stärken. Es mochte wohl. Mitternacht gewesen sein, als ich durch ein wildes Getöse, durch einen grauenerregenden Weh- und Hilferuf aus meinen süßen Träumen geweckt wurde. Der wohltätige Schlaf hatte, mir die teuren Bilder meiner Lieben, mein holdes Weib, den zarten Knaben auf dem Arm, und meinen greisen Vater vorgezaubert;

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