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Die Wahrheit · 1927-10-07 · Heft 41 (7.10.1927) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 41 (7.10.1927)
Date
1927-10-07
Page
– (sequence 15)
Language
German
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m WAHRHEIT Seite 15 Veröffentliihun&en der .Union dentsdkösteneicAisdkev Juden4 Ttften IX. tflerggosse % Wontfo JQT«. *M% «Tel. l»-2-TT Skandalmache in Reinkultur. Durch die österreichische antisemitische Presse ging in letzter Zeit nachfolgende Notiz: „Skandalöse Nacktkultur treibt eine jüdische Ferienkolonie in Bischofshofen. Die Judenbengel laufen im Schulhofe ohne Schwimmhose herum .und Mädchen, die als „Aufsichtspersonen" fungieren, empfangen junge Burschen völlig nackt in ihrem Zimmer. Die Bevölkerung ist entrüstet. Sollte man sich, da wundern, wenn eines Tages ein kleiner Pogrom gegen diese jüdischen Schweine einsetzt"? Die „Union deutschösterreichischer Juri e n" hat sich zur Aufklärung des Sachverhaltes an das Bürgermeisteramt Bischofshofen gewandt und Bürgermeister Mohshammer hat ihr in liebenswürdigster Weise eine längere Information zukommen lassen, der wir folgendes entnehmen: „Zu Ihrem Schreiben vom 10. September 1927 diene Nachstehendes zur gefälligen Kenntnis: Meine Gewohnheit ist es nicht, auf solche Zeitungsnotizen zu antworten, da ich mir bewußt bin, daß es nur eine Biertischgesellschaft ist, die, dem stillen Suffe ergeben, wenn es nicht gerade über die nötigen Kältegrade des Bieres zu reden gibt, sich mit der Gemeindeverwaltung befaßt. In dem besagten Artikel wird aber die Bevölkerung des Ortes beleidigt, daher will ich aufzeigen, wie schmählich es klingt, Unwahrheiten der Oeffentlichkeit zu übergeben. Zunächst stelle ich fest, daß nicht eine jüdische Ferienkolonie, sondern Mitglieder des Vereines „Jugendheim" in Wien, in dem Schüler aller Parteirichtungen vertreten sind, zur Erholung hier weilten. Wer würde es diesen Jungen, gleichgültig welcher Parteizugehörigkeit, nicht vom Herzen gönnen, einmal im Jahre ungebunden und. ungezwungen die freie Natur zu genießen, während sie ohnehin dann wieder das ganze Jahr in der Großstadt verbringen müssen; aber unseren Spießbürgern ist dies schon ein Dorn im Auge und da tragen sie in ge-? schäftiger Eile alle Einzelheiten und Details zusammen; was so ein Junge vielleicht gesagt oder getan hat, wird größtmöglichst übertrieben und entstellt, wenn nicht überhaupt vieles erdichtet. Was die Anschuldigungen in sittlicher Hinsicht betrifft, sei festgestellt, daß weder bei der Marktgemeindevorstehung noch bei der Gendarmerie diesbezügliche Anzeigen während des einmonatigen Aufenthaltes der Kolonie erstattet, noch sonst irgendwelche Wahrnehmungen in dieser Richtung gemacht wurden, daher auch kein Grund zum Einschreiten behördlicherseits vorgelegen ist Eine Lüge ist die Behauptung, daß Buben splitternackt im Schulhofe herumliefen; diese Behauptung ist ebenso unwahr wie die weiteren. Wir hoffen, Ihnen hiermit durch diese Widerlegung der unwahren Angriffe gedient zu haben. Marktgemeinde-Vorstehung Bischofshofen Der Bürgermeister: Mohshammer. Kommentar zu dieser skandalösen Hetze ist wohl überflüssig. _ Herr Leo Haubenberger! Sie schreiben in Nr. 199 der „Mecklenburger Warte" in Ihrem Aufsätze „Die Wiener Revolte ein Judenwerk" wörtlich: „Unter den Toten sah ich keine Juden!" Dieser Aufsatz erschien am 26. August, also sechs Wochen nach den blutigen Ereignissen vom 15. Juli. Wenn Sie also wirklich, .trotzdem Sie sich einige Zeilen vorher rühmen, „zur entscheidenden Zeit am Schauplatz der Revolte anwesend" gewesen zu sein, selbst „unter den Toten keine Juden sahen", so mußten Sie zur Zeit des Erscheinens Ihres Artikels wissen, daß die Juden mehrere Opfer der Revolte zu beklagen hatten. Ich fordere Sie deshalb auf, Ihre unstichhhältige Darstellung binnen kurzem in der obgenannten Zeitung richtig zu stellen, sonst wäre ich gezwungen, Ihre Vorgangsweise als die eines Verleumders öffentlich zu brandmarken, ossär m-schien. Das Parlament ist bekanntlich jene öffentliche Institution, in der Abgeordnete von Volkes Qnade sich unter Ausschluß dieses'gnaden vollen Volkes, aber auf seine Kosten, zu unterhalten pflegen. DaB diese Unterhaltung sich nicht immer in Urbanen Formen — dort dem Orte entsprechend „parlamentarische" genannt — abzuwickeln pflegt, ist auch hinlänglich bekannt Besonders die letzte Zeit hat hier eine Hochblüte gezeitigt, die wohl nur mit der Entwöhnung zu erklären ist, die sich unsere Herren Abgeordneten während der Sommerpause notgedrungen auferlegen mußten. Dafür haben wir jetzt Hochsaison an Beleidigungen, die, würden sie an anderen weniger gewichtigen Orten fallen, immerhin Strafen von einiger Schärfe nach sich ziehen würden. So nannte Dr. Bauer den landbündlerischen Vizekanzler Dr. Hartleb einen „Flegel", well er eine sozialdemokratische Abgeordnete an die parlamentarischen Gebräuche bei der Diskussion erinnerte. Diese Aeußerung des sozialdemokratischen Führers ist sicher nicht zu rechtfertiget!, schon deshalb nicht, well man — ohne Weiberfeind zu sein — die Bevorzugung einer Dame gerade im Parlament wo die Frau doch gleichberechtigt sein will, nicht einsehen kann. Für diese Entgleisung mußte natürlich vom Landbunde Revanche genommen werden am — Juden. Dazu wurde besonderer Ehren halber gleich der Klubobmann. Doktor zweier Fakultäten und Universitätsprofessor Doktor Schönbauer ausersehen. Als Dr. Bauer auch ihn wieder in Geschäftsordnungsdingen eines Besseren belehren wollte, leistete sich Dr. Schönbauer den Ausspruch: .JDa brauche ich Sie, Sie arroganter Jud!" Darauf großer Tumult liebliche Erwiderungen an Dr. Schönbauer, aber keine Zurechtweisung an seine Adresse von seiten eines hohen Präsidiums. Dazu hat man sich nicht entschlossen; „Jud" ist wie in den Zeiten eines Schönerer und Vergani. kein Schimpfwort in unserem Parlament des Herrn Dr. Seipel. dessen Koalitionsgenossen die Landbündler. diese neuesten Antisemiten, sind. Ein Grubenhund der „Dötz". Nicht einmal mit spätsommerlicher Hitze erklärbar, sondern gerade am ersten Herbsttage — wohl ein gutes Omen für kommende Fälle — ist die hakenkreuzierische JDötz" einem Grubenhund aufgesessen, dessen Größe sie anscheinend erst nachträglich bemerkte. Am 21. September brachte sie einen angeblichen Brief des Vorsitzenden der „Deutsch- Demokratischen Hochschüler-Vereinigung" Herrn Heinz" Braun, welches Schreiben von A (der falschen Adresse des vorgeblichen Empfängers) bis Z (den erfundenen Stampiglien des vorgeblichen Absenders) erdichtet ist Daß auch der Inhalt eine Mystifikation darstellt geht abgesehen von sonstigen Hirnrissigkeiten. aus dem Umstand hervor, daß der Schriftleiter unseres Blattes in dem Briefe als Ueberbringer von Mitteilungen studentischer Natur ausgerechnet an die — „Morgenzeitung" bezeichnet wird. Diese Lächerlichkeit mußte die arg blamierte „Dötz" bald berichtigen, dagegen fand das vornehme hakenkreuzlerische Organ es nicht für notwendig, ihr ordnungsgemäß zugegangene Preßberichtigungen des angeblichen Absenders und Empfängers des famosen Schreibens zu veröffentlichen. Das wird wohl rasch seine gerichtliche Ahndung finden, wie auch die trübe Quelle der ,J3ötz" leicht zu eruieren sein wird, die im übrigen Eingeweihten ganz klar ist Eine Strafanzeige gegen die MystÜikanten wurde erstattet. El

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