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Die Wahrheit · 1927-10-07 · Heft 41 (7.10.1927) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 41 (7.10.1927)
Date
1927-10-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 ffiHHM^ om WAHRHEIT zu kleineren Prozenten zu verschaffen, sie war unsere Wärterin, unsere Wirtin, unsere Köchin, unser ergebenster Freund. Und als Maria starb, war es schwerer, sie zu trösten als mich; Damals überzeugte ich mich, daß der Haß zwischen Völkern nichts Natürliches ist. Nur künstlich wird gehetzt, von Politikern. Advokaten der Haß gegen die Juden geschürt." „Und was geschah mit dieser Jüdin", fragt Perez sein Gegenüber. „Was weiß ich? Nach der Beerdigung meiner Frau verkaufte ich alles und zog weg. Beim Abschied von meiner Nachbarin habe ich mich zerweint."—„Und wie heißt das Städtchen, in dem du damals gewohnt hast?" — „Konskowola." — „Deine Nachbarin war hoch gewachsen, bleicher Teint?" — „Ja." — „Hagere Statur?" — „Ja." — „Du kennst sie?", fragt er erfreut. — „Sie hat einen Leberfleck auf der linken Nasenseite." — „Was für einen Fleck?", lacht der Apotheker, „Was fällt dir ein?" — Perez erwidert: „Oder irre ich mich, war es auf der rechten Seite?" — „Was für ein Fleck? Was redest du?" — „Hast es vielleicht nicht bemerkt . . . Aber ihr Mann hat eine gelbe Gesichtsfarbe?" — „Ja." — „Er heißt Chajm?" — „Ich glaube nein — oder ja? Weiß der Teufel!" — „Aber sie heißt Channa?" — „Ach! Wie? Sarah! Ich weiß es bestimmt, Sarah. Ich pflegte sie Soruchne zu nennen, ich werde ihren Namen doch nicht vergessen!" „Der Narr", schließt Perez, „der ich war! Gibt es denn nur ein jüdisch Weibel, von dem man so reden kann?!" (Fortsetzung folgt.) Ehre Vater und Mutter! Der hochherzige Spender, welcher der Kultusgemeinde zum Ausbau des jüdischen Versorgungshauses einen ansehnlichen Betrag widmete, wollte nicht genannt sein*). Das Einzige, was man von ihm weiß, ist, daß er diese Spende zum Andenken an seine verstorbenen Eltern gemacht hat, das aber genügt, um ihn als edlen Menschen und guten Juden zu charakterisieren. „Ehre Vater und Mutter!" Dieses schönste der zehn Gebote, das zu dem Heiligsten und Erhabensten gehört, das unsere Religion der Menschheit gekündet hat, ist in wahrhaft jüdisch fühlenden Herzen so tief verankert, daß die Elternliebe geradezu zu einem integrierenden Bestandteil des jüdischen Glaubens selbst wird. Die Elternliebe aber, die über das Grab hinausreicht, und der wir Juden an unseren heiligsten Feier- und Festtagen in tiefer Wehmut Ausdruck verleihen, sie ist es, welche uns Juden ganz besonders ergreift. Sie kann nicht mit dem schwachen Worte Pietät bezeichnet werden, da sie sich nicht in einem stummen Ahnenkult noch auch in äußeren Ehrenbezeigungen erschöpft, sondern die Liebe, die wir den Toten weihen, sie kommt den Lebenden zugute und mehr als Kerzen, Bilder und Symbole wiegt die fromme Tat, welche Gutes schafft aus dem Gefühle unauslöschbarer Verpflichtung und tiefer Dankbarkeit, welche wir jenen zollen, denen wir unseren Dank nicht mehr übermitteln können. Darum hat jener unbekannte Jude, welcher nicht bedankt, nicht gefeiert sein wollte, seinen toten Eltern das schönste Dankeszeichen gesetzt, indem er lebenden Eltern . einen sorgenfreien Lebensabend dadurch geschaffen hat, daß er unsere Gemeinde in ihrem musterhaften Wohltätigkeitswerke so großzügig unterstützte. Dieses schöne Beispiel, das uns unser nicht genannt sein wollender Glaubensbruder gegeben hat, möge zahlreiche Nachahmer finden; denn es war eine jüdische Tat, wie sie sein soll, und der, welcher es uns gegeben hat, ist ein Jude, wie er sein soll! *) Siehe unseren Bericht über die Plenarversammlung der Isr. Kultusgemeinde auf Seite 8 der vorliegenden Nummer. Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXI. (Floridsdorf). Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Dr. Jakob König, später einer der zuerst ernannten Medizinalräte, darf als das Ideal eines jüdischen Arztes und Kuitusprasiüenten bezeichnet werden. Line still verhaltene Vornehmheit, verbunden mit liebenswürdiger Gefälligkeit, zeichnete ihn aus. Er war der Sohn eines armen jüdischen Bäckermeisters in Neutra — was er selber anzuführen pflegte — studierte an einem von katholischen Geistlichen geleiteten Gymnasium, bezog hierauf die Universität in Wien, um sich dann (1873) in dem nachbarlich gelegenen Floridsdorf als Arzt niederzulassen. Vermöge seiner allgemein anerkannten Tüchtigkeit, aber nicht minder wegen seiner vorzüglichen Charaktereigenschaften fand er Eingang, von einem älteren nichtjüdischen Kollegen gefördert, in die Häuser fast aller vornehmen christlichen Bürger, wie er auch Polizei-, Eisenbahn und selbstverständlich freiwilliger Arzt der Armen war. Er war gesellschaftlich und politisch sehr angesehen und als infolge Gesetzes vom 8. Mai 1894 die Großgemeinde Floridsdorf gebildet und eine Neuwahl für die nunmehr vereinigten Ortschaften Floridsdorf, Jedlesee, Donaufeld und Neu-Jedlersdorf, ausgeschrieben wurde, befand sich Dr. Jakob König auf der Liste des damaligen ersten Wahlkörpers und ging — als einziger Jude — trotz Ansturmes der vereinigten antisemitischen Gegenparteien aus dem Kampfe siegreich hervor. Dr. König war es auch, der ohne auch nur irgend eine Stelle im jüdischen Gemeindeleben innezuhaben oder anzustreben, treu zum Judentum hielt, obschon man es in seinem bereits antisemitisch infizierten Patientenkreis an Ueberredungen nicht fehlen ließ, und ihm tatsächlich ein Verlust wohlhabender Familien — aurea praxis — bevorstand. Als nunmehr die neue, über drei Bezirkshauptmannschaften sich erstreckende Kultusgemeinde Floridsdorf nach einem Repräsentanten Ausschau hielt, war es Doktor König, dem man die Präsesstelle antrug, die er auch annahm und 12 Jahre hindurch mit Würde und Erfolg bekleidete. War Dr. Jakob König der Mann, der die Gemeinde nach außen hin vertrat, so war es Emanuel Grünwald, der administrativ und finanziell am inneren Aufbau der vergrößerten Gemeinde rastlos tätig war. wobei Max Neumann als Tempelgabbai ebenso seines frommen Amtes unverdrossen waltete, wie er es als Obmann der Chewra Kadischa nach wie vor tat. Der neu gewählte Ausschuß, dem von auswärts u. a. Moriz Mandl aus Groß-Enzersdorf, Heinrich Münk aus Stockerau, Johann L e d e r e r aus Korneuburg und Samuel Pisk aus Marchegg angehörten, versuchte zunächst die Rabbinerfrage auf gütlichem Wege zur Lösung zu bringen. Zu diesem Zwecke wurden Verhandlungen mit dem amtierenden Rabbiner H. L. Reich eingeleitet, die zu einer Vereinbarung in dem Sinne führten, daß er den Posten verließ, um in Wien selber (IV. und V. Bezirk) einen anderen anzutreten. Eine Konkursausschreibung lud zur Bewerbung ein. Die Zahl der Kandidaten war eine namhafte; ich selber, damals Rabbiner in Bisenz (Mähren), .befand mich unter diesen, wurde am 7. Februar 1897 einstimmig gewählt und übernahm das Rabbinat in Floridsdorf am 1. September 1897. Es hieße das Bild der Entwicklung des 21. Kultusgemeindebezirkes lückenhaft und demgemäß falsch darstellen, wenn ich durch unangebrachte Bescheidenheit meine dreißigjährige Tätigkeit als Seelsorger, Kanzelredner und Jugenderzieher beschatten oder gar verschweigen wollte. In dem (gedruckten) Protokoll der Schluß- und Festsitzung vom 24. März 1907, S. 8—9, äußerte sich der damalige Präses Dr. Jakob König wörtlich: ..Zu den ersten Aufgaben, welche sich die neue Gemeindevertretung stellte, gehörte, die in der Gemeinde bestehenden Zerwürfnisse zu bannen, den Frieden herzustellen und der Gemeinde wieder zu einem Ansehen zu verhelfen. Zur Erkenntnis gelangt, daß dies nur durch die baldige Berufung eines Rabbiners möglich sei, schritt sie nach Rangierung der Finanzen am 13. Dezember 1896 zur Ausschreibung eines Konkurses und nach Anhörung mehrerer Kandidaten wurde in der Sitzung des verstärkten Ausschusses vom 7. Februar 1907 der Rabb. Herr Dr. M. Rosen mann einstimmig ge-

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