Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 41 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ölt WAHRHEIT Seite lt Zeit, wo durch die Schaffung einer neuen Schulordnung in allen Schulen und in allen Unterrichtsgegenständen ein vollständiges Chaos herrsche, nicht verlangt werden kann, daß ausgerechnet wir mit einem endgültigen Lehrplan auftreten. Es wurde vielmehr vom Inspektorat ein provisorischer Lehrplan ausgearbeitet, der dann dem allgemeinen Lehrplan angepaßt werden muß. Nach einer Entgegnung des K.-V. Dr. K1 a b e r wird der Präsidialbericht zur Kenntnis genommen. Der Präsident der Fürsorgekommission, Vorsteher Emil Engel, berichtet nun über die Schaffung einer Organisation der Wanderfürsorge, mit welcher wir uns in Nummer 38 unseres Blattes ausführlich beschäftigt haben. Referent vertritt die Ansicht, daß, wenn auch die jüdische Wanderung in Oesterreich keine so bedeutende Rolle wie in Deutschland und in der Tschechoslowakei spielen kann und die diesbezüglichen Berichte der Kultusgemeinden in der Provinz, die in einer zu diesem Zwecke einberufenen Vorbesprechung erstattet wurden, sich als einigermaßen übertrieben erwiesen haben, sich doch die Wiener Kultusgemeinde bei der geplanten Wanderfürsorgeaktion an die Spitze stellen soll und daß sie die für die Organisation erforderlichen Personen und Büros beistellen möge, während die Lasten der Wanderfürsorge nach einem einmalig festzustellenden Schlüssel auf die Gesamtheit der österreichischen Kultusgemeinden aufzuteilen sind. Was nun die der Wiener Kultusgemeinde hierdurch erwachsenden Kosten betrifft, so dürften dieselben nicht allzu hoch sein, da erstens die notwendigen Bureaus zur Verfügung stehen, zweitens die in Betracht kommenden Beamten die Arbeiten nebenamtlich erledigen könnten und drittens auch diejenigen Kultusgemeinden für die Beitragsleistung herangezogen werden würden, welche nicht allzusehr durch den Strom der jüdischen Wanderer belastet sind. Dr. Glanz begrüßte namens seiner Gruppe die Schaffung einer jüdischen Wanderfürsorge und ließ sich sodann in theoretische Erörterung über die Bedeutung derselben ein, wobei er besonders auf die reichsdeutschen und polnischen Einrichtungen hinwies, und gab eine Anzahl Anregungen, die nach Meinung seiner Gruppe raschest durchgeführt werden sollten. Vizepräsident Dr. Löwenherz klärt nun den Redner darüber auf, daß eine Institution, wie sie in Deutschland geschaffen wurde, für uns gar nicht in Betracht kommt, da die Voraussetzungen mehrfach bei uns nicht gegeben sind. Während in Deutschland die jüdische Wanderfürsorge ein integrierender Bestandteil einer allgemeinen jüdischen Fürsorgeaktion ist, welche sich vorwiegend mit Arbeitsnachweis, Berufsberatung und Umschichtung usw. befaßt (siehe den Artikel über „Jüdische Sozialpolitik" in der Neujahrsnummer unseres Blattes), kann für die Wiener Kultusgemeinde einzig und allein eine Befürsorgung der auf Wanderschaft befindlichen armen Glaubensgenossen in Betracht kommen. Hierzu kommt, daß in Deutschland die gesetzlichen Unterlagen einer solchen Aktion ganz andere sind wie bei uns, da dort Staat und Stadt in viel weitergehendem Maße zur Unterstützung einer derartigen Aktion herangezogen werden können, als dies bei uns nach den derzeitig bestehenden gesetzlichen Bestimmungen möglich wäre. Die Wiener Kultusgemeinde, erklärt Redner, wird es sich angelegen sein lassen, für das tadellose Funktionieren einer solchen Aktion Sorge zu tragen und die geplante Institution in einer dem Rufe der Wiener Kultusgemeinde entsprechenden Weise auszubauen. Auf Antrag des Referenten wurde nun einstimmig beschlossen: In Anlehnung an die bereits bestehende Organisation in Deutschland und in der .Tschechoslowakei wird die Organisation der jüdischen Wanderfürsorge für Oesterreich beschlossen. Es ist zunächst in Aussicht genommen, die Beförderung von durchreisenden Juden auf möglichst weite Strecken vorzunehmen, um diese der Notwendigkeit zu entheben, durch Inanspruchnahme der verschiedenen Gemeinden in Oesterreich die Reisekosten zu bestreiten. Die Kosten dieser Wanderfürsorge werden von der Kultusgemeinde Wien und den österreichischen Provinzgemeinden getragen und hat die Aufteilung dieser Kosten nach einem noch zu vereinbarenden Schlüssel zu erfolgen. Referent Kultusvorsteher Emil Engel spricht sodann über den wichtigsten Punkt der Wanderfürsorge, nämlich über die Schaffung eines Heimes für Durchwandernde, die ein oder zwei Nächte gezwungen sind, in Wien zu übernachten, zumal die Baracke in Baumgarten, die seinerzeit durch Kultusvorsteher Dr. Plaschkes für diesen Zweck beschafft wurde, gänzlich ungeeignet erscheint, abgesehen davon, daß man nicht weiß, was mit denen zu geschehen hat, welche heute draußen wohnen. Nach einer interessanten Wechselrede wird nun beschlossen: Behufs Unterbringung von Personen, die sich zu kurzem Aufenthalte in Wien befinden und die im städtischen Obdachlosenheime als NichtÖsterreicher nur höchstens eine Nacht zubringen dürfen, wird die Adaptierung geeigneter Räumlichkeiten im XV. Bezirke beschlossen. Eine dauernde Unterbringung von Familien oder Einzelpersonen in diesen Räumen ist grundsätzlich ausgeschlossen. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Jenny Apolani. Eine geborene Rathenau aus Berlin, setzte sie sich, nach Frankfurt a. M, übersiedelt, das Ziel, der Frau Anteil an der Arbeit in der Stadtgemeinde zu erkämpfen, was damals, im Anfange unseres Jahrhunderts, kaum Erfolg verhieß. In diesem Bestreben übernahm sie 1907 die Leitung der Auskunft- (später Zentral-)Stelle für Gemeindeämter der Frau in Frankfurt, die über vorzügliche Statistiken und andere Hilfsmittel verfügte, auch eine Stellungsvermittlung für besoldete weibliche Wohifartsarbeit angliederte und ihrem Zwecke u. a. durch Veröffentlichungen, wie „Stellung und Mitarbeit der Frau in der Gemeinde" und „Das kommunale Wahlrecht der Frauen in den deutschen Bundesstaaten", diente. Jenny Apolant wurde Vorsitzende der Frankfurter Ortsgruppe des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereines", dessen Vorstande sie von 1910 bis 1925 angehörte. Sie förderte im besonderen die soziale Krankenhausfürsorge, gründete alkoholfreie Speisewirtschaften, lenkte die Aufmerksamkeit auf die Kellnerinnenfrage, schuf im Kriege und in der bösen Nachkriegszeit zum Schutze des Mittelstandes die „Verkaufsvermittlungsstelle für Wertgegenstände aus Privatbesitz", die „Gesundheitshilfe", arbeitete mit Nachdruck an der „Winternot" mit, erwarb sich neue Verdienste als Stadtverordnete und gründete zur Schulung der Staatsbürgerinnen die „Politische Arbeitsgemeinschaft", bis wirtschaftliche und familiäre Jorgen, vor allem ein Herzleiden, und endlich der Tod der rastlosen Arbeit der erst 50iährigen ein Ziel setzten. Sie füllte sich allezeit stolz und glücklich als Jüdin. Oft tat sie den Ausspruch: „Ich besitze das Schönste, was der Mensch haben kann, ich bin Deutsche und ich bin Jüdin." Ihre große Bescheidenheit, ihr mütterliches Wohlwollen, ihre Neigung, über religiöse Gegenstände nachzudenken, sprechen aus den Briefen, von denen in der Gedächtnisschrift „Jenny Apolant", herausgegeben vom Allgemeinen Deutschen Frauenverein, Frankfurt 1926, Neuer Frankfurter Verlag, lesenswerte Proben geboten werden. Gibt's denn nur eine Sarah?" Nach J. L. P e r e z. Der Dichter trifft im Postwagen mit einem Schulfreunde, einem christlichen Apotheker zusammen. Die Zeiten haben sich geändert. Der Judenhaß gehört zur modernen Zivilisation. Perez vermutet in dem einstigen Spieteefährten auch einen Judenfeind, und verhält sich reserviert. Sie kommen aber ins Gespräch und der Apotheker erklärt, er wäre vielleicht auch der antisemitischen Epidemie zum Opfer gefallen. „Aber", sagt er, „mich hat der Zufall gerettet. Ich habe ein jüdisches Weib kennen gelernt! Hör' zu! Nicht etwa eine Romanheldin, einen eisernen Charakter, der durch Zäune und Mauern bricht, und stolz seinen Weg geht! Nicht etwa eine „Ausnahme" mit neuen Ideen oder ein „Ideal". Nein, ich lernte ein schlichtes jüdisches Weibel kennen. Ich hab' sie lieb gewonnen. Und wenn ich etwas Schlechtes gegen Juden höre oder lese, steht sie vor mir mit ihren traurigen Augen und bittet mich: „Glaub' es nicht! Bin ich so?" Sie wohnte uns gegenüber. Doch das Städtchen war so fromm, daß ein gesellschaftlicher Verkehr zwischen Juden und Christen ausgeschlossen war. Außer dem Feldscher und einem jungen Damenschneider trug alles den Chalat. Da kam das Unglück über mich. Die Apotheke ging zurück und meine Frau erkrankte zu Tode. Da zeigte sich unsere Jüdin in einer Weise, daß ich so viel Gefühl und Mitleid mit anderen in meinem Leben noch nicht gesehen habe. Und alles so einfach natürlich, nicht übertrieben. Sie hat meiner guten Maria Bett nicht verlassen. Ihren Mann hat sie dazu verhalten, mir Geld