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Die Wahrheit · 1927-10-07 · Heft 41 (7.10.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 41 (7.10.1927)
Date
1927-10-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEI1 können, es wurde jedoch veranlaßt, daß den Mitgliedern der jüdischen Jugendgruppen Einlaßkarten zu den sonstigen gottesdienstlichen Veranstaltungen der Kultusgemeinde zur Verfügung gestellt wurden. Im Sofiensaale wurde entsprechend den Anregungen der Bezirkskommission für den III. und XI. Bezirk eine Reihe von Verbesserungen, insbesondere eine günstigere Gruppierung der Betplätze vorgenommen. Der Präsidialbericht befaßt sich sodann mit der Bewilligung temporärer Betveranstaltungen, und wurde hierüber in Nummer 38 unseres Blattes in den Amtlichen Nachrichten der Israelitischen Kultusgemeinde bereits ausführlich berichtet. In bezug auf das Unterrichtswesen sind infolge der durch das Inslebenstreten der neuen Schulgesetze geänderten Schulverhältnisse die vor Ferienbeginn getroffenen Lehrerzuweisungen und Stundeneinteilungen nur als provisorische Maßnahmen zu betrachten und es wird, gleichwie im Profanunterricht, noch einiger Zeit bedürfen, bis den neuen Verhältnissen angepaßte stabile Einrichtungen getroffen sind. Seitens der Leitung unserer Schulinspektion wurden Vorkehrungen getroffen, damit bezüglich der Anwendung des Lehrplanes nicht chaotische Zustände Platz greifen. Hinsichtlich des Jugendgottesdienstes hatte sich unter anderem. der Uebelstand fühlbar gemacht, daß die alten Auflagen des Jugendgottesdienstbuches vergriffen waren, die Kinder also vielfach dieses Behelfes entbehrten. Während der Sommermonate wurde eine Neuauflage des Jugendgottesdienstbuches veranlaßt, welcher eine sorgfältige Redaktion des Buches voranging. Neu eingefügt wurden die Gebete für den Freitagabend-Gottesdienst, so daß nun das Büchlein alle hebräischen Texte enthält, welche bis zur ersten fiauptschulklasse lehrplanmäßig durchzunehmen sind. Das Jugendgottesdienstbuch ist dadurch geeignet, in den Unterklassen das vielfach den Schülern mangelnde Gebetbuch beim Unterrichte zu ersetzen. Die Kultusgemeinde hat sich beim Verleger als Autorenhonorar die unentgeltliche Ueberlassung von 500 Exemplaren des Büchleins gesichert und wird dieselben an arme Schüler zur Verteilung bringen. Auch wurde auf eine möglichst niedrige Festsetzung des Ladenpreises Einfluß genommen, um die Anschaffung des Büchleins zu erleichtern (S 1.50). Das Präsidium wird nun bemüht sein, auch jene Hemmungen, Welche der Frequenz des Jugendgottesdienstes durch einzelne von der Gemeinde Wien besoldete israelitische Religionslehrer bereitet werden, wirksam entgegenzutreten und des ferneren sowohl durch die Seelsorger von der Kanzel herab, als auch durch die Bezirkskommissionen und die Vorstände der Bethausvereine die Aufmerksamkeit der Eltern auf diese für die religiöse Erziehung wichtige Einrichtung zu lenken. Auf dem Gebiete des Fürsorgewesens waren es nebst den schon früher erwähnten Angelegenheiten die Ferienaktionen für die erholungsbedürftige Jugend, die Aussprache betreffend die „Wanderfürsorge" und die Vorbereitungen zur Schaffung eines Heimes für jüdische Obdachlose, mit welchen das Präsidium eingehendst befaßt war. In ganz außerordentlicher Weise war das Präsidium durch Unterstützungsfälle aller Art, besonders aber durch Ansuchen um Krankenunterstützungen in Anspruch genommen. Die Verschlechterungen der wirtschaftlichen Verhältnisse unter der Judenschaft spiegeln sich auch in diesem Belange wieder. Wichtige administrative und finanzielle Angelegenheiten haben das Präsidium während der Sommermonate beschäftigt. Die Prüfung eines umfangreichen Exposes des Stiftungsreferenten, Sekretärs Dr. Leopold Stern, betreffend die auf Grund der neuen gesetzlichen Bestimmungen initiierte Zusammenlegung von Stiftungen und Widmungen konnte zu Ende geführt werden, und es wird nun im Wege der zuständigen Behörden das Bestreben dahingerichtet sein, die tunlichst baldige Durchführung dieser Zusammenlegungen zu bewirken. Das Präsidium hatte sich»ferner mit jenen Maßnahmen eingehend zu befassen, welche durch die Auswirkung des neuen Angestellten Versicherungsgesetzes auf die Angestellten der Kultusgemeinde sich ergeben haben. Ferner fand eine Sitzung der „Finanzkommission" statt, welche sich mit den Ergebnissen des laufenden Verwaltungsjahres in der Zeit vom 1. Jänner bis 30. Juni eingehendst befaßte. Die Gebarung des laufenden Jahres wird aller Voraussicht nach zumindest ienes Defizit erreichen, welches im Voranschlage pro 1927 aufscheint, weil dasselbe trotz erhöhter Einnahmen infolge steter Steigerung der Ausgaben nicht gebannt werden konnte. Bei den Vorarbeiten für den Voranschlag des Jahres 1928, welche über Auftrag des Präsidiums bereits in Angriff genommen sind, wird auf diesen Umstand besonders Rücksicht zu nehmen sein, weil die Kultusgemeinde keine Reserven besitzt, aus welchen der Abgang eines Verwaltungsjahres gedeckt werden kann. \ . ■ ■ 1 < i : Die Wiener Tageszeitungen haben vor einigen Wochen unter Ueberschriften wie: „Es gibt keine Dispens der Judenehen", „Auch jüdische Ehen unauflösbar" und dergleichen Darstellungen über die Haltung des Rabbinates der Israelitischen Kultusgemeinde gelegentlich der Behandlung von Ehedispensangelegenheiten, welche beim Magistrate anhängig gemacht werden, veröffentlicht. Auch wir haben uns Nummer 36 unseres Blattes mit der fraglichen Angelegenheit befaßt, und waren in der Lage, hierzu Dementi der Kultusgemeinde zu publizieren, in denen erklärt wurde, daß dem Rabbinate kein Fall bekannt ist, in welchem das Rabbinat gegen eine vom Magistrat erteilte Ehedispens Einspruch erhoben hätte. Die Juli-Ereignisse wurden von hakenkreuzlerischer Seite dazu benützt, um durch Plakatierung zu Haß und Verfolgung gegen die Juden aufreizender Aufrufe die Judenschaft zu beunruhigen. Das Präsidium hat sofort beim Herrn Polizeipräsidenten ernste Vorstellungen erhoben und von demselben beruhigende Versicherungen erhalten. Eine weitere Intervention des Präsidiums bei Herrn Stadtrat Prof. Tandler hatte sich dadurch notwendig erwiesen, daß neuerlich und durch längere Zeit Ansuchen der Kultusgemeinde an den Wiener Magistrat um Verpflegskosten Vergütungen für nach Wien zuständige, in der Versorgungsanstalt der israelitischen Kultusgemeinde untergebrachte Insassen abgewiesen wurden, wodurch der Kultusgemeinde ein bedeutender finanzieller Schaden erwachsen ist. In In längerer Aussprache hat das Präsidium dem Herrn amtsführenden Stadtrat Prof. Tandler die Verhältnisse dargelegt und die Zusage erhalten, daß die Angelegenheit geprüft und eine Reduktion der Zahl jener Insassen, für welche entsprechend dem seinerzeitigen Gemeinderatsbeschlusse Verpflegskostenvergütungen seitens der Gemeinde Wien geleistet werden sollen, möglichst vermieden bleiben wird. Das Präsidium tut noch am Schlusse des Berichtes über die Tätigkeit während der Sommermonate jener Wahrnehmungen lobendst Erwähnung, welche hinsichtlich jüdischer Privatfür sorge Institutionen, die seitens der Kultusgemeinde subventioniert werden, gemacht werden konnten. So hat eine Besichtigung der vom Verein „Kinderfreund e", beziehungsweise dessen Präsidentin Frau Franca Rittermann mit bescheidenen Mitteln überaus anerkennenswert durchgeführten Sommeraktion für erholungsbedürftige Kinder das allerbeste Ergebnis gehabt. Die Erholungserfolge und die Gewichtszunahmen waren überaus günstige. Auch im Heime des Vereines „F e r i e n h e i m" in V ö s 1 a u, welches durch die Errichtung einer Taghalle in diesem Sommer eine Ausgestaltung erfahren hat. konnte das Präsidium bei einem Besuche sich von der ausgezeichneten Anstaltsführung und den vorzüglichen Erhöluhgsresultaten überzeugen. s '■ \ * i In der städtischen Versorgungsanstalt in L a i n z hat das Präsidium die dortselbst untergebrachten und vorwiegend aus Mitteln der israelitischen Kultusgemeinde rituell verpflegten Insassen besucht und konnte feststellen, daß dank der Bemühungen des mit dieser Agende befaßten Komitees auch hier das Möglichste geboten wird. Dr. K1 a b e r ergriff sodann das Wort, um gegen die Unterrichtskommission zu polemisieren. Er machte ihr insbesonders zum Vorwurf, „daß sie während der Sommermonate geschlafen habe" und daher weder den Lehrplan, noch den Jugendgottesdienst genügend vorbereitet hatte, und kritisiert in diesem Zusammenhange insbesonders auch die Tätigkeit des Schulinspektorates. welches er für die Nichtausarbeitung des Lehrplanes für die sogenannten Hauptschulen verantwortlich machte. Obmann der Unterrichtskommission Dr. J. Ticho tritt dem vom Redner erhobenen Vorwurfe in energischer Weise entgegen und stellt fest, daß das Schulinspektorat, dem für seine Leistungen der besondere Dank der Gemeinde gebühre, seine Aufgabe voll und ganz erfüllt habe und daher die Kritik des Redners durchaus nicht am Platze erscheine. Redner ist der Ansicht, daß, wie schon im Referat gesagt wird, in einer

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