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Die Wahrheit · 1927-10-07 · Heft 41 (7.10.1927) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 41 (7.10.1927)
Date
1927-10-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Andere Länder, andere Professoren. Professoren an der Budapester Horthy-Universität bringen es noch immer zuwege, die Augen der Welt auf ihre Leistungen zu lenken. Sie schlagen nur andere Methoden ein als ihre Vorgänger, die sich durch ihre gelehrten Arbeiten einen Namen in der Wissenschaft gemacht hatten, aber dank dem neuen Regime, das sie von dem Katheder jagte, nicht mehr durch das Abhalten von Vorlesungen in ihrer privaten Forschertätigkeit gestört werden. Ein Mann, der als idealer Vertreter der neuen Methode gelten kann, ist zweifellos Professor Ludwig Mehely, der neugewählte Dekan der philosophischen Fakultät, der als Biochemiker mit seiner Antrittsvorlesung geradezu europäisches Aufsehen erregt. Freilich, eines scheint die undankbare Mitwelt vergessen zu haben: der Anspruch auf völlige Priorität kann dem Herrn Dekan nicht zuerkannt werden. Er ist nur ein Jünger des vor Jahresfrist verblichenen Rektors der Budapester Universität, der gleichfalls von der Biochemie ausgehend, vielleicht längere Zeit, nachdem er seinen Geist aufgegeben, aber kurz vor seinein Tode, der Welt seine Ueberzeugung mitteilte, man könne selbst in dem verbohrtesten Antisemiten das tragische Vorhandensein eines eventuellen jüdischen Bluttropfens nachweisen. Mancher Gelehrte hat einen Weltruf durch seine alt- und neutestamentarischen Forschungen erworben. Der selige Budapester Rektor verdankte ihn seinem eigenen Testament. Man hat schon lange nicht soviel gelacht. Nur die Tochter des Rektors, ein sehr vernünftiges Mädchen, das sich durch Konsequenzen, die ihr Vater an seine biochemischen Ueberzeugungen knüpfte, in ihrem Erbe bedroht sah, lachte nicht. Sie hat darum nicht dies biochemische Verfahren, sondern das Testament ihres Vaters angefochten. * * * Der neugewählte Dekan der philosophischen Fakultät hat also nur das System seines verblichenen Rektors ausgebaut. Aber in welch überwältigend grandioser Weise! Er fordert vom Staate zunächst, daß er durch ein biochemisches Verfahren bei den Heiratslustigen — ohne Unterschied des Geschlechtes, des Standes und der Konfession — das Vorhandensein jüdischen Blutes feststellen lasse, denn damit sei die Möglichkeit gegeben, der bedenklichen Vermehrung der Menschen einen Riegel vorzuschieben. Professor Mehely begnügt sich nicht mit dem auf diesem blutigen Wege zu erwartenden allmählichen Aussterben der Juden und der mit jüdischem Blut infizierten Arier. Das ist ihm noch immer zu wenig. Es blieben ihm, Gott behüte, noch immer zu viel Menschen in der besten aller Welten, die dem Geiste des Herrn Dekans vorschwebt und er schlägt mit allem, eines Hochschullehrers würdigen Ernst vor: das Recht zur Fortpflanzung soll gesetzlich nur den kleinen Landwirten und der Intelligenz eingeräumt werden! Der vielzitierte Rektor wollte nur seiner Tochter Eva das Heiraten erschweren; der Herr Dekan rast gegen die ganze Menschheit, wie noch keiner vor ihm überhaupt seit Adams Zeiten. Sich selbst hat er in kluger Vorsicht auf alle Fälle das Recht auf Schaffung eines Stammhalters gesichert. Er ist offenbar — was grundbücherlich nachweisbar ist — in seinem Hauptberuf ein kleiner Landwirt und braucht daher nicht, wie dies an anderen Universitäten üblich sein soll, durch grundgelehrte Bücher seine Zugehörigkeit zur Intelligenz zu dokumentieren. Aber wie stellt sich der biochemische Rassenfanatiker es vor, daß alle seine Gesinnungsgenossen sich just als Landwirte fortbringen? * # * Der ungarische Unterrichtsminister Graf Klebeisberg war gezwungen, die Antrittsrede dieses Dekans der philosophischen Fakultät ruhig bis zu Ende anzuhören, ohne sich unter dem Vorwande, es sei ihm übel geworden, entfernen zu dürfen. Graf Klebelsberg mag sich vielleicht gedacht haben, daß an der Budapester Universität sich auch schon die beschränkende Wirkung des Numerus clausus bei den Professoren geltend machte. Die Intelligenz in Ungarn darf sich aber bei dem drückenden Gefühl, daß ein solches Mitglied der philosophischen Fakultät nicht längst von seinen Kollegen reif für die. psychiatrische Abteilung erklärt worden war, mit dem Gedanken trösten, daß auch Ungarn diese traurige Episode in seinem Geistesleben überwinden werde. Im Jahre 1724 hat der König von Preußen, Friedrich Wilhelm I., der rohe Scherze liebte, zur Verhöhnung des Gelehrtenstandes, den Professor Jakob Paul Gündling, der, ein konfuser Kopf und wüster Zecher, sich zur Rolle eines Hofnarren mißbrauchen ließ, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften ernannt. Das war eine vorübergehende Erscheinung. Es konnten Zeiten kommen, wo der König ein Narr war, aber es wäre nicht mehr denkbar, daß er seinen Narren zum Universitätsprofessor gemacht hätte. Ego. Oeffentliche Plenarversammlung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultus gemeinde. Donnerstag, den 22. v. M., fand die erste öffentliche Plenarversammlung des Kultusvorstandes nach den Sommerferien statt. Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein, der infolge einer leichten Erkältung des Präsidenten Prof. Doktor Alois Pick den Vorsitz führte, eröffnete um halb 8 Uhr abends die Sitzung, begrüßte die erschienenen Vorstandsmitglieder und hielt sodann dem verstorbenen Präsidenten des Bethausvorstandes für den I. und IL Bezirk, Herrn Anton Beck, einen warmen Nachruf, welcher von allen Anwesenden stehend angehört wurde. Er schilderte den Verblichenen als einen Mann von edelstem Charakter, dessen stilles, vornehmes Wesen ihn zu der Erfüllung seines hohen Ehrenamtes besonders geeignet machte, und versicherte, daß die dankbare Gemeinde ihm ein ehrendes Andenken bewahren wird. Amtsdirektor Reg.-Rat Guido Füchsgelb bringt nun den Ein lauf zur Verlesung, und zwar: Ein Dankschreiben des Herrn Bernhard Hofbauer und ein solches der Frau Regine Ulmann für die Ehrungen, welche der Kultusvorstand den Genannten anläßlich der Vollendung ihres 80.. Lebensjahres erwiesen, hat. Ferner ein Dankschreiben des Primararztes im Spitale der Kultusgemeinde, Dr. Hans König st ein, für die Gratulation des Kultusvorstandes anläßlich seiner Ernennung zum außerordentlichen Universitätsprofessor.

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