Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 41 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ÖfE WAHRHEIT Se|te j Nacht zu verbringen. „Hier bei euch wird uns nichts geschehen," Und in Jaffa sagten sie: „Tel-Aviv hat uns gefettet." Die Hilfsaktionen begannen. Die arabische Exekutive drahtete an Ford und Rockfeiler. Ohne Erfolg. Dafür sandte aber der greise Nathan Strauß aus New York, der vor wenigen Monaten hier das von ihm gestiftete Gesundheitszentrum für die Leidenden aller Nationen eingeweiht hatte, 5000 Pfund, ohne ein Telegramm abzuwarten, für die Betroffenen aller Nationen. Aehnlich die zionistische Exekutive in London u. v. a. jüdische Organisationen. Die Stadt Tel-Aviv, darbend in einer schweren Wirtschaftskrise, sandte sofort Brot und stellte ein Freiwilligenkorps zusammen aus den Mitgliedern der Feuerwehr, und der Sportverbände, um bei den Bergungs- und Aufräumungsarbeiten zu helfen. Von den Effendis hörte und sah man nichts. Als einige Tage später ein Mitglied der zionistischen Exekutive in Nablus weilte, wo es keine unversehrte Häuserreihe gibt, da erschien bei ihm der Bürgermeister und erklärte: „Vergessen wir, was war. Was ihr an uns getan, wie ihr unseren Haß vergolten, daran wollen wir stets denken." Es gibt kein Unglück auf Erden, das nicht doch ein Gutes mit sich brächte. Dr. K. G. Glossen. So oft Herr Dr. Seipel, in Erinnerung an seine ruhmvolle professorale Vergangenheit, einen rein wissenschaftlichen Vortrag hält, findet er selbst bei seinen Gegnern hohe Anerkennung. Sein jüngster Vortrag, dessen Thema die „katholische Kirche und die Sozialpolitik" bildete, dürfte aber in der Tat ganz besonderen Anspruch auf begeisterte Zustimmung bei Christen und Juden erheben. Wenn Dr. Seipel mit dem ihm unter allen Umständen zur Verfügung stehenden Brustton der Ueberzeugung erklärt: „In den heiligen Schriften steht, daß alle Menschen Brüder sind und sich lieben sollen; daß die Menschen vor Gott nur nach dem sittlichen Wert ihrer Taten verschieden, sonst aber gleich sind; daß es daher vor Gott keinen Unterschied macht, ob die einen Griechen, die anderen Juden sind usw. usw.", so jubeln ihm alle echten Juden zu; so wie alle wahren Christen jedem Rabbiner, der ihnen doch auch nichts anderes sagen könnte, Beifall zollen müßten. Daß Dr. Seipel sich ausdrücklich auf die Evangelien berief, während der Rabbiner auf das Alte Testament hinweisen würde, ändert um so weniger an der Sache, als doch die Priorität in diesem Falle der Thora gesichert ist. Dr. Seipel. der Zustimmung bei wahren Christen und Juden sicher, wird sich darüber trösten müssen, daß er durch seine Ausführungen die christlich soziale Partei vor den Kopf stieß, deren Chef er zwar ist, die aber, nach seinem eigenen Zeugnis, „eine antisemitische Partei" ist und daher ganz andere Lehren bekennt. * * 3fi Für Kultusbaamte und Wer vermag die Fragen zu beantworten, die sich anläßlich der Gerichtsverhandlung über die „jüdischen" Manieren aufdrängen? Der Vorsitzende begründete den Freispruch des Angeklagten, der einem Juden diese Sorte von Manieren zum Vorwurf gemacht hatte, damit, dieser Zuruf enthalte nichts Ehrenrühriges, denn es sei „selbstverständlich, daß ein Mensch die Eigenschaften besitze, die seiner Abstammung entsprechen." Man ist überrascht, daß Manieren (worunter man äußerliche Formen des Benehmens versteht, die durch Erziehung, Bildung und Temperament bedingt sind) einen so ausgeprägten konfessionellen Beigeschmack haben könnten. Professor Suess erwähnt in seinen Erinnerungen, daß der Minister Holzgethan, der Abkömmling einer uralten, arischen, christlichen Familie, einmal in einem Ministerrat unter Vorsitz des Kaisers Franz Joseph mit der Faust auf den Tisch geschlagen habe, während sein Kollege, der Minister Unger. dessen Eltern geradewegs aus dem finsteren Ghetto kamen, durch seine noblen Manieren den Neid jedes Lords erwecken konnte. Wie konnten nur die zwei in so gründlicher Weise die angeblich ihrer Abstammung entsprechenden Manieren überwinden? Der Angeklagte selbst, der absolut kein Antisemit sein will, bestritt auf das lebhafteste die Zumutung, ein Wort von „jüdischen" Manieren gesprochen zu haben. Er scheint also selbst in Uebereinstimmung mit dem Kläger darin etwas Ehrenrühriges zu finden. Das Gericht aber nahm gerade umgekehrt den Zuruf als erwiesen an, ohne darin etwas Beleidigendes entdecken zu können. Es ist wirklich fraglich, wer durch den Freispruch mehr überrascht war: der Angeklagte oder der Kläger? Vielleicht gar der Richter selbst, denn auch er sagte nach eingelegter Berufung, er sei „neugierig", was das Landesgericht zum Urteil sagen würde. * * •jf. Die „Volkskampf"-Macher haben richtig die niederschmetternde, diffamierende Beschuldigung der „Deutschen Arbeiter-Presse", „daß sie sich verpflichtet hätten, für 8000 Schilling den Anschlußgedanken und den antisemitischen Gedanken schändlich zu verraten und zu verkaufen", mit einem ohnmächtigen Gewinsel beantwortet, das kaum den Anschein einer Ableugnung zu erwecken versucht. Nicht einmal die platonische Drohung mit dem Gerichtssaal wird gewagt. Die einzige Revanche soll, wie es scheint, in „Enthüllungen" über die Gattermayer-Kreise bestehen, die, wie Herr Josef Müller versichert, „auf Grund überreicher persönlicher Erfahrungen aufzeigen werden, wo Verrat an der antisemitischen, an der völkischen Sache tatsächlich begangen wurde". Daraus schöpft er die Hoffnung, daß man eines Tages zu der Erkenntnis kommen wird, „wo die wahren Lumpen sitzen". Die feine Unterscheidung zwischen „wahren" und „falschen" Lumpen ist neu. * ... * Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II.« GlOCkengaSSe 24 Tel. 48-4-79 re segan Legitimation IG«/» MachlaB