Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 41 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064338--15750-3088570- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 ^PB^^ DIE WAHRHEIT niemand dem Zauber, den seine Persönlichkeit ausübte, entziehen, und nur niedrig Denkende waren sö vermessen, die lautere Gesinnung, die Reinheit seines Charakters zu bezweifeln. Kein Geringerer als Bismarck hat sich seinerzeit, von einer noblen Empfindung geleitet, veranlaßt gesehen, Zeugnis für Lassalle gegen dessen Verleumder abzulegen, deren entstellendes Gerede über intime Beziehungen zwischen Lassalle und dem Ministerpräsidenten sogar im Reichstag wiederholt wurde. „Ich kann versichern," so erklärte Fürst Bismarck, „daß ich nie im intimen Leben mit irgendeinem Sozialdemokraten geschäftlich verhandelt habe und kein Sozialdemokrat mit mir, denn Lassalle rechne ich nicht dazu; das war eine viel vornehmere Natur als seine Epigonen, das war ein bedeutender Mann, mit dem konnte man wohl sprechen... Er hatte etwas, was mich als Privatmann außerordenlich anzog, er war einer der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen, mit denen ich je verkehrt habe, ein Mann, der ehrgeizig im großen Stile war, durchaus nicht Republikaner. Er hatte eine sehr ausgeprägte nationale und monarchische Gesinnung. Seine Idee, der er zustrebte, war das deutsche Kaisertum und darin hatten wir einen Berührungspunkt." Ob das deutsche Kaisertum gerade mit der Dynastie* Ho henzollern oder der Dynastie Lassalle abschließen sollte, das — meinte Bismarck — wäre für Lassalle vielleicht zweifelhaft geblieben. So witzig und echt bismarckisch diese letzte Bemerkung des eisernen Kanzlers war und so sicher er sein konnte, daß der tote Lassalle sich zu keinem Dementi erheben könne, so sicher ist, daß Fürst Bismarck mit dieser zum Teile gefährlichen Verherrlichung Lassalles weit übers Ziel schoß. Wahr ist es, daß Lassalle zu keiner Zeit seine Gesinnung als Deutscher verleugnete und auch stets schwärmerisch für die Einheit Deutschlands eintrat, aber nie hat er bis zu seiner letzten Lebensstunde auch nur ein Wort gesprochen, das einen Abfall von seiner republikanischen Gesinnung, ein Bekenntnis zu Monarchie involviert hätte. Nicht alle Epigonen Lassalles, am wenigsten jene, die die von ihm hervorgerufene Bewegung allmählich in die Marxsche internationale Richtung drängten, haben das Recht, sich für ihre letzten Ziele auf Lassalle zu berufen. Aber an dem Ehrentage Lassalles, an welchem in der Hauptstadt der österreichischen Republik sein Monument enthüllt wird, werden die Festredner nur die Wahrheit verkünden, wenn sie Lassalle als einen treuen Freund des Volkes, als einen unerschütterlichen Republikaner feiern. Ferdinand Lassalle gehört zu den wenigen Auserwählten, die sich durch geistige Schöpfungen, durch geschichtliche Bedeutung ein den Wandel der Zeiten überdauerndes Denkmal errichtet haben. Es wäre wirklich schmachvoll, eine scherzhafte Wendung Bismarcks ernst zu nehmen und etwa zu glauben, daß nicht die Republik, sondern — die Hohenzollern berufen wären, ihm ein Monument zu errichten. ann. Ein Erdbeben und wozu es gut ist. Tel-Aviv. Nablus, das alte Sichern, war die Hochburg des arabischen Nationalismus. Kein Jude durfte sich hier ansiedeln. Nur der Lehrer, den die zionistische Organisation den Samaritanern auf deren Wunsch zur Verfügung gestellt hatte, bildete eine Ausnahme. Steine, die den Automobilen mit jüdischen Touristen nachgeworfen wurden, mit -denen Besucher des alttraditionellen Passahopfers der Samaritaner behelligt wurden, sprachen eine deutliche Sprache. In letzter Zeit allerdings schien man toleranter zu denken. Man holte sich die Juden, die man brauchte, die Aerzte zum Konsilium, da man zu den eigenen kein übergroßes Vertrauen zu haben schien. JJnd wie man erzählt, hätte man ganz gerne das elektrische Licht von der Ruthenbergstation in Tel-Aviv herübergeleitet, gegen das einige Jahre zuvor der rationale Boykott ausgesprochen wurde. Besser war es schon im Ramleh und Ludd. Dort gibt es schon einige Juden, ja ein Arzt Wiener Provenienz, einige Handwerker. Das war alles. In den Küstenstädten hatte der Handel, der tägliche Verkehr, das gemeinsame Interesse mit dem Judenhaß bald aufgeräumt gehabt, besser als alle Verbrüderungsproklamationen es könnten. Uneinnehmbar schien einstweilen nur die eine Feste: Nablus. Bis eines Tages..... In diesem Sommer war es in Palästina sehr heiß, sozusagen Hundstage zur dritten Potenz. Daher schlief man in den heißen Mittagsstunden. Was jedoch Montag, den 11. Juli 1927 ein wenig gestört wurde. Man glaubte sich in einer Schiffskabine zu befinden. Die Betten begannen zu tanzen, es gab einen kleinen Stoß. Das Ganze begleitet von einem eigenartigen Geräusch, das wie ein Zähneklappern der Natur klang. Bekleidet mit dem Dekollete, wie man es zur Siesta in den Tropen zu tragen pflegt, und ein wenig erschrocken, eilte alles hinaus. Nachdem aber die Häuser, von denen alle Touristen, Ingenieure und andere Laien stets behaupteten, daß sie beim ersten Erdbeben wie Kartenhäuser zusammenfallen würden, ruhig stehen bleiben, beruhigten sich die Phäaken Tel-Avivs bald und legten sich auf das andere Ohr. Bis so nach zwei Stunden die ersten Autos von Jerusalem herüber kamen und die Chauffeure erzählten von zusammengefallenen Häuser und Toten in Jerusalem, Ramleh und Ludd. Aber erst am nächsten Morgen erfuhr man, wie glimpflich man mit ein paar Sprüngen in einigen Häusern weggekommen war. Die Extraausgaben der Zeitungen wußten bereits zu berichten, daß das Erdbeben einige hundert Tote, über tausend Verwundete und einen noch unschätzbaren Sachschaden gekostet habe. Vor allem aber haben gelitten Nablus, Ramleh und Ludd. Fast verschont von dem Unglück ist die jüdische Bevölkerung des Landes. Von den etwa dreihundert Toten nur ein Jude, der vor Angst aus dem Fenster sprang. „Gottes Hand hat die Juden beschützt," sagten die Araber in Haifa und kamen, da sie weitere Erdstöße fürchteten, nach Bath-Galim, ^Tochter der Wellen", wie die neue jüdische Vorstadt heißt, die