Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 41 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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dann wurde der junge Mann gerufen, und Rabbi Ismaeä, auf das Mädchen weisend, rief: ..Mein Sohn, sieh sie dir doch genau an; hast du diese dhr-verbieten wollen?" „Wenn sie so aussieht habe ich sie mir nicht verbieten wollen." Daraufhin löste R. Ismael ihm das Gelübde. (Ned. 66 a.) — Kalba Sabua verschwor segner Tochter durch ein Gelübde den Genuß seiner Güter, weil säe gegen seinen Wüten seinen Schafhirten Akiba ben Josef geheiratet hatte. Die junge Frau verlebte Jahre im tiefsten .Elend. Als aber der Schwiegersohn ein viel gefeierter und berthnrterGelehrter wurde, gereute den hartherzigen Alten sein Gelübde; ersuchte um Lösung-nach und erhielt sie (Kethubbotir 62 b; Nedarim 50 a.) — Ein Mann schwor im Zorn über seine Frau, keinen Genuß von ihr zu haben; dem Gesetze gemäß war er verpflichtet, der Frau einen. Scheidebrief zu geben und ihr die volle Kethubbab (die vor der „Trauungder Frau verschriebene Summe für den Fall seines Ablebens oder der Scheidung) auszubezahlen, die 400 Sus betrug; das machte aber das ganze Vermögen des Mannes aus und er wollte nur die Hälfte geben Rabbi Akiba entschied: „Und wenn du die Haare von deinem Kopfe herab verkaufen müßtest, du bezahlst ihr die ganze Summe" ,,Wenn*ich;das gewußt hätte,- ich hätte das Gelübde nicht getan", antwortete der Mann, worauf 'Rabbi Akiba ihm das Gelübde' löste. (Nedarim 65 b.) — Ehr Mann verbot durch ein Gelübde seiner Frau den Genuß seiner Person, wenn sie nicht von den beiden größten Richtern und Gelehrten Rabbi Jehudah und Rabbi Simeon ihre Brühe kosten ließe. Rabbi Jehudah tat es, .indem er sagte: „Wenn Gott selber seinen heiligen Namen wegzuwaschen befahl, um Frieden zwischen Mann und Weib zu stiften (bei der Sotah), wie soll ich mich nicht zu dem Verkosten des Gerichtes dieser Frau hergeben, um sie mit ihrem Gatten auszusöhnen?" Der andere aber weigerte sich hartnäckig aus persönlichen Gründen, aber auch, damit das Volk sich das Geloben abgewöhne. (Ibidem 66 b.) — Aus der Zeit der Amoräer sind (Nedarim 22 b ff.) Fälle weitgehender Erleichterung der GelübdeJösung^ namentlich ernsten und zuverlässigen Männern gegenüber, bekannt geworden. Aus der Zeit der Geonim (zweite Hälfte des ersten Jahrtausends) wird folgender Fall überliefert: Ein Mann in Babyionien gelobte, nach Palästina zu pilgern. Das Gelübde wurde ihm gelöst, da seine Frau inzwischen guter Hoffnung geworden war (was als ein „nölad dischechiach" angesehen werden mußte) und eine so weite Reise Gefahr für Mutter und Ksnd mit isicfa brachte; ohne Frau aber die Reise machen dürfte er nicht, „da du nicht das Recht hast, sie allein zu lassen und jbf Untertan (mesehuabad) bist" (Haggahoth Mai. Sehebuoth VI. 8.) Indessen waren die Geondm äußerst streng in forschungen zu veranlassen, so hattet Ihr selbst mit ins Unglück-verwickelt werden können, man hätte Euch eines sträflichen Einverständnisses beschuldigt und gewiß wäre unverdienter Tod der Lohn eures Edelmutes geworden. Möge es mir daher gestattet sein, Euch im Namen unserer Gemeinde, die Euch so unendlich viel schuldet, dieses Geschenk als Zeichen unserer tiefgefühlten Dankbarkeit zu überreichen." Während er dies sprach, nahm er mehrere Rollen Gold aus dem Schranke und überreichte sie dem Soldaten. „Nein, Rabbi!" sprach dieser ablehnend, „das Geschenk nehm* ich nicht an; verteilt es an die Armen Eurer Gemeinde. Aber ich erbitte mir eine andere Gunst von Euch, Rabbi, eine Gunst, deren Gewährung mir lieber als Gold und Goldeswert ist, eine Gunst, deren Gewährung ich als eine besondere Gnade betrachten wollte und die wie ein heilsamer Balsam meinem gramzerwühlten Herzen Linderung brächte, eine Huld, die noch in den letzten Stunden meines Lebens wie ein himmlischer Cherub die zermalmende Wucht ungesühnter Schuld, die auf meiner Seele lastet, erleichtere." Während der Soldat so sprach, hatte sich eine schmerz*- liche Rührung seiner bemächtigt, das große dunkle Auge war von Tränen umflort, heiße Zähren flössen über die bleichen Wangen herab, er schluchzte wie ein Kind. Erstaunt blickte ihn der Rabbi an, die edle Sprache und die Tränen; d5e den tiefsten Tiefen seiner Seele zu entquellen schienen, erweckten bei dem Rabbi eine ungewöhnliche Teilnahme. „Wenn es in meiner Macht steht," sprach der Rabbi gerührt, „werde ich Euren Wunsch erfüllen." „Bevor Ich meine Bitte vortrage," begann der Soldat nach einer Pause, „ist es notwendig, Euch, gelehrter Rabbi, meine Lebensgeschichte zu erzählen.4* (Fortsetzunjj folgt.) dieser Beziehung. - Ihre Anschauungen finden sich kurz-zu« sammengefaßt bei Alfas! (1013—1103) Ende Nedarim: „Rab Jehudai Gaon (Mitte des 8. Jahrhunderts) war streng und lehrte, daß unter uns sich keiner befinde, der Nedarim und Schebuoth: zu lösen verstünde, und-seit den Zedten des Mar R.: Jehudai wurde der Talmudtraktat Nedarim im Lehrhause nicht vorgetragen; die nachfolgenden Geonim vermieden es, Nedarim zu lösen, außer wenn es sich um eine Mizwah handelte, z. B. Friedenstiftung' zwischen Eheleuten, und« nur solche, che im voraus auf einem Irrtum beruhten, aber Charata allein genügte nicht . .. Und der Nassi Albargeloni schrieb au R. Hai Gaon (998—1038): Wir handeln nur ähnlich wie Rab Asse (s. oben). Rab Jehudai Gaon-hat gelöbnisartige Schwüre überhaupt nicht gelöst und seine Nachfolger sagten: Wir haben keine Macht, das zu tun, was R. Jehudai vermied, nur wenn ein Fall vorkommt, der eine Thakkanah (reigiöse Institution) oder eine Mizwah anbetrifft,. wie z. B. Stiftung von Frieden zwischen Eheleuten oder in einer Gemeinde und Aehnliches, da lassen wir uns herbei (ein Gelübde zu lösen), aber nur aus klaren und unzweideutigen Gründen, nach dem Prinzip des Rab Asse, aber Gründe, wie die anderen dort (Nedarim 23 a) angeführten, lassen wir nicht gelten." (Vergl. auch Nachmanides [1194—1270] zu Ned. 23 b.) * * V Allein diese exorbitante Strenge der Geonim war für die Dauer unhaltbar. RaN. (1320—1380) (zu Nedarim 22 b) bemerkt: „Obgleich die Geonim lehrten, daß ein Gelöbnisschwur, bei der Thorarolle oder bei den zehn Geboten abgelegt, nie wieder aufgelöst werden dürfe, halten wir uns nicht daran, denn nach dem Gesetzedes Talmud dürfen auch Gelöbnisschwüre gelöst werden." Aschen (1250—1328 ibidem) schreibt: „Die Ausführungen Alfäsis sind nur eine Erschwerung.(chumra bealma), weil man zu seinen Zeaten es mit Gelöbnissen viel zu. leicht nahm." „In den Zeiten der Geonim war man streng .und vermied es überhaupt, Gelöbnisschwüre zu lösen, so daß* das Volk solche Gelübde unterließ. Aber als ich in diesen Ländern (Spanien) reiste und fand, daß die Leute doch viel zu leichtfertig mit Gelübden und Schwüren, umgingen und viel zu häufig gelobten und schworen, und wenn man-ihnen die Gelübde und Schwüre nicht lösen würde, sie überhaupt aufhören würden, eine Hatharah nachzusuchen und mutwillig ihre Gelübde und-Schwüre brechen würden — denn-sie schwören und geloben Dinge, die einzuhalten, ihre Kräfte übersteigt —, entschloß ich mich, ihnen Nedarim und Schebuoth zu-lösen." Aus viel späterer; Zeit sei Jioch wenigstens, eine-. Stimme zitiert. Mose Menz XMitte des 14. Jahrhunderts) schreibt: „So oft ich einem aus dem unwissenden Volk; das viel: zu häufig Gelübde leistet; ein solches lösen soll, erlege ich ihm auf, zwei Tage in der Woche zu fasten oder dergl. je nach dem Menschen und nach dem Gelübde, ebenso einen Goldgulden für Arme zu spenden, damit die Leute die Nedarim nicht gering achten, indem sie sagen: „Es hat nichts auf sich, ich. verschwöre oder gelobe, was ich wäll, dann gehe ich zum Chacham, und der löst mir das Gelübde," Sabbathaj Konen (Mitte des 17. Jahrhundertst) der diese Worte zu Joreh Deah 230, Iii l, zitiert, fügt hinzu: „So ist es recht, zu handeln." (Fortsetzung folgt.) Ferdinand Lassatte: Einige Bemerkungen zum geplanten LassaJle- Denkmal. Ferdinand Lassalle bekommt ein Monument in Wien. Es soll ganz-sinnvoll in dem Bezirk errichtet werden, dessen Bevölkerung zum überwiegenden Teile sich aus Arbeitern und Juden rekrutiert. Sie werden alle mit Dankbarkeit und Stolz auf; das Denkmal dieses genialen Mannes blicken, der zeitlebens ein Freund der Unterdrückten, ein erbitterter Bekämpfer aller Ungerechtigkeit war und sich in der Geschichte als der Vater des deutschen Sozialismus ein unverwelkliches, ruhmvolles Andenken gesichert hat. Ferdinand Lassalle ist als Jude geboren und der ruhelose Kämpfer hat auch seine endgültige, letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhofe, in