Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-11-18 · Heft 47 (18.11.1927) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 47 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064344--15862-3088558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 DIE WAHRHEIT §^ Watkwfketten vom Ifagc^ In eigener Sache. In der „Jüdischen Rundschau" vom 25. Oktober d. J. wurde auf dem Umweg über das Organ des Verbandes nationaldeutscher Juden der Artikel „DerNiedergangdesZionismus", von Jizchak Grünbaum, angegriffen, den wir in Nummer 34 der „Wahrheit" veröffentlichten. Gegenüber der in dieser Notiz wiedergegebenen Aeußerung Grünbaums, daß er den Schlußabsatz der von uns veröffentlichten Uebersetzung niemals gesqjuieben habe, stellen wir fest, daß es sich um die Uebersetzung aus dem „H a j n t" vom 17. Juni 1927 handelt, dessen wortgetreue Uebersetzung folgendermaßen heißt: ..Die Aufbauarbeit ist bloß ein Mittel, das nicht das eigentliche Hauptziel verdecken darf . . . Dieses Mittel zum Zweck darf aber nicht das Hauptziel bemänteln." Jedem einsichtigen Leser muß aus der Gegenüberstellung dieser wörtlichen mit der bereits veröffentlichten sinngemäßen Uebersetzung einleuchten, daß hier eine bloße Wendung aus dem Negativen ins Positive vorliegt, keineswegs aber eine „Mystifikation" oder eine „völlige Entstellung". Statt arischer — Jüdischer Antisemitismus. Die „Rolandbühne" In der Praterstraße ist seit langem Schmerzenskind jeder der zahlreichen Direktionen, die dieses Unternehmen bereits leiteten. Wir erinnern nur an den gewaltigen Krach, mit dem das mit Emphase verkündete „Arische Theater" seine Wirksamkeit auf dieser Bühne nach allzu kurzer Zeit schließen mußten Seit diesem hakenkreuzlerischen Versuch wurden weiter alle möglichen und unmöglichen Experimente unternommen, die insgesamt scheiterten; Nun scheint das Theater doch endlich eine Art Zugstück gefunden zu haben. Bereits verkünden die Plakate die für diese. Bühne auffallend hohe Aufführungsziffer von 50 Aufführungen einer Operette „Die Frau ohn& Kuß", bereits streiten mehrere Direktoren um die Einnahmen, sicherlich ein Zeichen, daß das Stück einigermaßen Anziehungskraft ausübt. Wir hätten keine Veranlassung, uns mit dieser Art Kunsterzeugnis, die einen Pekord an Zotenhaftigkeit schlägt, näher zu befassen, wenn nicht einzelne Szenen, die für jüdisches Ehrgefühl direkt beleidigend wirken, unseren schärfsten Widerspruch herausfordern müßten. Wir erwähnen aus der reichen Fülle, die das Machwerk in dieser Hinsicht bietet, folgende Aussorüche des (traurigen) Komikers: „Der Schah war bös, daher kommt der Ausdruck Schabbes!" Beim Ertönen einer Autohuppe ruft derselbe ..Witzbold" triumphierend: „Die Chupne, die Ouppe!" Wenn er sich in einer anderen Szene selbst als „Chammer" bezeichnet, so wollen wir ihm sicherlich nicht widersprechen, wogegen wir aber aufs schärfste protestieren müssen, ist die Art. richtiger die Unart, mit der in letzter Zeit besonders arg das jüdische Wesen auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, verspottet und verhöhnt wird. Wenn diese Geschmacklosigkeit — als nichts anderes ist sie zu bezeichnen — ausgerechnet in einem, wenn auch noch so unbedeutenden Theater der Leopoldstadt geboten wird, wenn sich zu ihr ein jüdischer Schauspieler, der den Ehrennamen Künstler dann nicht mehr verdient, hergibt, so sind dies Mißstände, die rückhaltslos aufgezeigt und deren Abschaffung unerbittlich gefordert werden muß. Statt des „Arischen Theaters" das veriudete. das in Antisemitismus macht! Wir werden diese Erscheinungen, die. wie gesagt. Jeider nicht vereinzelt sind, von nun ab im Auge behalten und rücksichtslos vor aller Oeffentlichkeit geißeln. Ein neuer Dolchstoß. Man weiß nun schon zur Oenüge. daß in Wahrheit nicht die immer vorgeschützten „vaterländischen Belange", sondern lediglich die antisemitische Gesinnung die wahren „Ideale" der österreichischen „Deutschen Studentenschaft" sind. Die authentisch ermittelten Statistiken des Fünferaussebnsses zeigen mit aller Deutlichkeit, daß der seit Jahren geführte Kampf um die „Peinhaltung der österreichischen Hochschulen" In Wahrheit eine Irreführung der Oeffentlichkeit über den zahlenmäßigen Einfluß der jüdischen Oesterreicher darstellt. Wie nahm nun .der „Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund1* diesen Bericht des Fünferausschusses und den bekannten Erlaß des preußischen Kultusministers Dr. Becker auf? In einer „Erklärung" dieser Herren heißt es: „Die Neuordnung der Zugehörigkeit durch Herrn Becker öffnet der Ueberfremdung der deutschen Hochschulen Tür und Tor. Die Ueberfremdung der österreichischen Hochschulen, besonders Wiens, ist auch nach dem Bericht des Fünferausschusses nicht'von der Hand zu weisen. Die nichtdeutschen Studierenden sind in Oesterreich bisher in b erechtigter Notwehr von der .Deutschen Studentenschaft' Oesterreichs ferngehalten worden. Der Erlaß des preußischen Ministers läuft darauf hinaus, daß die österreichischen Studentenschaften unter diesem Druck die: fremdbltitigen Studentenschaften in ihre Reihen aufnehmen sollen." Zu dieser deutschen Redeblüte ist zu sagen, daß es nur eine Verlegenheitsphrase darstellt, wenn die Herrschaften meinen, daß die famose „Ueberfremdung" auch jetzt noch „nicht von der Hand zu weisen" ist. Aus dem Bericht des Fünferausschusses ergibt sich, daß an keiner der österreichischen Hochschulen die jüdischen Hörer einen größeren Prozentsatz ausmachen als an den reichsdeutschen Hochschulen, und weiters, daß die jüdischen Studenten an den Wiener Hochschulen etwa 11.2 v. H. der gesamten deutschen Studierenden betragen. (Die, Zahl der jüdischen Einwohner in Wien beträgt 12 v. H. der Gesamtbevölkerung.) Diese Zahlen sprechen für sich und gegen die Legende von der „Ueberfremdung". Aber noch eine andere Legende wird in der „Erklärung" aufgewärmt, die vom „Dolchstoß": „Minister Beckers Erlaß bedeutet nicht nur einen Dolchstoß gegen den verzweifelten Kampf unserer auslanddeutschen Kommilitonen um die Reinheit ihrer Hochschulen, sondern auch einen unerträglichen Zwang auf alle außemreußiseben Studentenschaften, wie er nur in den Zeiten der schwärzesten Reaktion unter Metternich ein Ebenbild hat." Sapienti sat. Ein deutscher Universitätsprofessor. An der Berliner Universität hat sich ein ganz unglaublicher Skandal zugetragen. Professor von M o e 11 e r äußerte sich den Studenten gegenüber überaus abfällig über die deutsche Republik und das Judentum, was unter einem großen Teil der Zuhörer riesige Empörung und Entrüstung auslöste. Bei einer Vorlesung über deutsche Rechtsgeschichte sprach er sich wiederholt scharf gegen die Juden aus und sagte unter anderem wörtlich: „Die deutschen Katholiken und die deutschen Protestanten sollen sich zusammentun und alles aus dem Vaterland ausschließen, was nicht deutsch und nicht christlich ist. D'e Studenten, die sich hierzu in bewußtem Gegensatz stellen, haben nicht das Recht, b»er zu bleiben." Darauf verließen zahlreiche f*lSrer unter Protest den S*al. was den Professor zu der Aeußerung versnloßte: „Um die ist nicht schade!" Bei einem anderen stürmisch begonnenen Vortrage äußerte sich Moei'er unter offensichtlichen Anspielungen dahin, daß Adel und Herrschertreist zwar bei anderen Völkern durch gemeine Masse«'nst1nkte ersetzt werden könnten, niemals aber bei den Germanen. A"f d'ese Worte brach neuerlich tosender T ärm aus, der die Abhaltung der Vorlesung schließlich unmöglich machte. M^eller schrieb auf lateinisch an die Wandtafel die Worte: „Wenn n'emand mich hört. werden mich die Musen hören", und verh'eß unter andauerndem Protest mit einem Anhang den Sa91. Durch sein Vorgehen hat er sich eine schwere Verlet7"ng seiner Amtsofl'cht und der ak*dem'schen Würde zuschulden kommen l^c^en. außerdem v'rrt in Hon Pforten Mo*»11prc e'*1^ Herabwürdigung der deutschen Republik gesehen. Es ist pegen ihn das Disziplinarverfahren eingeleitet worden. -Die W'pHa^oroJjg (Jip^PS CVorifl'»!«; oh"° 'ffien Vrimmotitir c^ltfg eigentlich zur Charakterisierung dieses unglaublichen Verhalten« e'nes akademischen T ehrers vpnvcpn. Sem Vortreten, das selbst im reaktionären Deutschend doch 7'emiirn *»ore?n- 7""1t d"steht und nicht einmal an der pnticemiti'srhen wiener TT„?vftrS'+J»t e'n r««»e.c:e.n/1ps Geo-p.nsKJpl«' fmdet. '""VH Tioffei+Ucri "Sühne finden! Es gilt schön als sicher, d»ß eine weitere L«brtStfgfcp?t -MoeMers n*cht mehr tn Präge kommt; verlieren w^d die Berliner Universität durch sieline Entfernung katim etwas. (üiriefßasten. E. V. Auf den Parteitag der österreichischen Zionisten, der erst Dienstag, den 14. d. M. beendet wurde, kommen wir in der nächsten Nummer ausführlich zurück.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.