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Die Wahrheit · 1927-11-18 · Heft 47 (18.11.1927) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 47 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iillM mmm H Seite ) \ wachsen von Tag zu Tag. Das Volk schreit nach Rache! Der Zorn der christlichen Bürger ist bis zur Siedehitze gestiegen! Die Erregung spottet jeder Beschreibung!" Und wenn auch anfangs durchaus keine Unruhe bemerkt wurde, so wirkten die Racheschreie aus der Berliner Redaktion von Nummer zu Nummer. Die Zeitung schrieb weiter: „In der Provinz beginnt das Volk sich zu erheben; es übt seinen Zorn an den Geschäftslokalen und Fenstern." Und der Janhagel gehorchte pünktlich, wie es. die Zeitung deutete. Mehrere Revolten in Schlochau, Hammerstein, Baldenburg, Bütow usw. Uberall dieselben Rufe: „Hepp hepp!" und eine neue Stimmbandübung: „Püh!" Wie dieses 'einsilbige Wort auf uns gewirkt hat, vermag ich kaum zu schildern. In Schlochau befand sich damals, und wohl noch heute, eine Taubstummenanstalt. Auch diese Unglücklichen kannten und übten diesen Ruf, und wo ich die Eleven traf, bekam ich pünktlich diesen freundlichen Gruß. Kein Jude konnte die Straße passieren, ohne daß vor ihm ausgespuckt wurde. Als ich einst in der Bahnhofstraße einige junge Damen bemerkte, die vor jedem Juden ostentativ ausspuckten, da trat ich zu einer Gruppe heran, und sagte: „Ich finde es gar nicht schön, daß junge Damen schon so früh Tabak kauen. Wenn Sie aber dabei ausspucken, so nehmen Sie doch den Amerikaner zum Muster, der macht es besser! Aber nicht einen Schifferknecht!" „Frecher Judenrabbi!" war die Antwort. Die abendlichen Ausschreitungen gingen nach einem bestimmten Plan vor sich. Wenn sich eine Anzahl des Pöbels versammelt hatte, warfen einige geübte Musterknaben große Steine, nicht durch die Fenster, sondern an die steinernen Zwischenwände der Häuser. Nach dem Gesetz der Schwere schnellten die Steine auf die Angreifer zurück. Das war das Signal. „Ho, ho, die Juden werfen Steine auf die harmlosen christlichen Spaziergänger!" Und nun ging das Bombardement los. In den genannten Straßen und Gemeinden blieb keine Fensterscheibe ganz. Und sie wurden auch wochenlang nicht erneuert, da sie doch immer wieder von dem Pöbel zertrümmert wurden. An und in den Synagogen zu Könitz, Hammerstein und Baldenburg wurden nicht allein Zäune und Fenster, sondern die ganze Einrichtung völlig zerstört. Das Innere der Synagoge zu Harnnierstein habe ich selbst für die Wochenschrift „Israelit" in Mainz photographisch aufnehmen lassen. Kam es zu einer Anzeige wegen Landesfriedensbruches, so fanden sich genügende Zeugen, die die Juden beschuldigten, daß sie durch Schimpfworte und Stednwürfe das Volk gereizt hätten. Und nur in Könitz, wo der Landrat beschimpft, der Bürgermeister und ein Kriminalinspektor mißhandelt wurden, kam es zu einer Verurteilung der Exzedenten. Das geschah nach einem Sonntag, wo nicht allein die Bürgerschaft durch einen besonderen Alarmartikel in der Zeitung aufgelegt, sondern die ganze Umgegend aus fast allen Dörfern durch Staffetten mittels Radfahrer aufgeboten wurde. Wenn ich nicht irre, marschierte an diesem Tage ein Bataillon aus der Garnison Graudenz ein. Ich habe es aber auch erlebt, daß ein alter leidender jüdischer Kantor (Gabbe aus Prechlau) von einer Rotte Buben mißhandelt und blutiggeschlagen wurde. Die Täter liefen zum Ortsvorsteher und machten Anzeige, daß der alte Mann sie mit Steinen beworfen hätte. Und der mißhandelte Greis wurde wegen Aufreizung bestraft. Was ich hier aus meinen Erinnerungen und Notizen niedergeschrieben, ist nur ein Gerippe der furchtbaren Tragödie des Jahres 1900 in Westpreußen. Die Wirkungen aber waren ungleich schwerer. Monatelang konnten die kleinen Händler ihren Geschäften nicht nachgehen, da sie überall, besonders auf dem Lande, beschimpft und mißhandelt wurden. Die Läden der jüdischen Kaufleute standen leer, die Angestellten wurden entlassen. Ein großer Teil der vermögenden Gememderrritglieder in Könitz, Baldenburg, Hamrnerstein und Schlochau verließen die alte, liebgewordene Heimat. Das Gemeindeeinkommen in allen diesen Gemeinden wurde stark geschädigt und die städtischen Behörden haben sicher auch den Ausfall der Kommunalsteuern gespürt abgesehen davon, daß die Stadt Könitz durch die Besatzung schwer gelitten hatte. Das bisher friedliche Einvernehmen mit der christlichen Bevölkerung war völlig geschwunden. Prozesse wegen Beleidigung, Beschimpfungen und Mißhandlungen waren an der Tagesordnung. Der „Staatsbürger-Zeitung" können wir das Zeugnis nicht versagen, daß sie wacker gearbeitet hatte. Ob sie dauernden Segen innerhalb der antisemitischen Partei gestiftet, wagen wir zu bezweifeln, denn die Wortführer wurden allmählich sehr kleinlaut. Die Zeitung hatte nur mit Mühe und Not sich einige Jahre über Wasser gehalten. Heute aber ist sie aus dem Blätterwalde verschwunden. Es konnte doch nicht alljährlich aus einem Mord oder einem Totschlag ein Blutmord fabriziert werden. Was der Centralverein tat. Was das Bureau des C. V. und besonders der unvergeßliche selige Justizrat Sonnenfeld damals geleistet haben, muß heute nach 27 Jahren noch von uns allen dankbar anerkannt werden. Hätte das Bureau nicht überall die Behörden auf die zahlreichen Gefahren, denen die Juden ausgesetzt waren, aufmerksam gemacht, wäre durch seine energische Intervention in Könitz keine militärische. Besatzung erfolgt, die Juden dort wären ein Opfer des aufgewühlten Pöbels geworden. SIBIIIIliBIIIIIIIIIBillllllllllBIIIIIIIII „Union deutschösterrelchls<her Juden" 1 Mitgliedschaft VI - VII - VIII. * 5 Einladung zu der am Dienstag, den 22. November 1927, halb 8 Uhr abends im Großen Saale des Cafe „Mariahilf VI., Mariahilferstraße Nr.E9a (I.Stock) stattfindenden Vereins- Versammlung Tagesordnung: 1. Dr. Leo Deutschländer: Jüdisches Geistes» leben In der Gegenwart 2. Präs. Dr. Jakob Ornsleln: Jüdisch-politischer Bericht. 3. Diskussion. Von Mitgliedern eingeführte Gäste, auch Damen, herzlichst willkommen. Hochachtungsvoll „Union deutschösterrel« hen luden*1 Der Präsident: Dr. Jakob O r n s t e i n. Mitgliedschaft VI - VII - VIII der „Union«« Der Obmann : Karl Fröhlich. I I .1 FE RNSPRECH-NUM MER 45-2-91 MgBELFlUaRIK S1GM. WIEN, 2. BEZ., PRATERSTRASSE NR. 30 Reiche Auswahl solid gearbeiteter Möbel zu billigsten Preisen PPENHEIM

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