Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 47 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 illinnillM DIE WAHRHEI1 Vetöffentfi cft u ngen ffpr &ost8w>OM!&a8sen- .. r~ « 3f£onto Jlw. 0*0* /Union den tsdfaösteBvcidkisctkcw jaden 70-2-77 Wie ein Ritualmordmärchen gemacht wird. Eine Erinnerung als Warnung. Von Lion Wolff. Die lebendige, in der „C. V.-Zeitung" erschienene Darstellung von Lion Wolff verdient noch heute das Interesse unserer Leser. Denn auch jetzt geht kaum noch eine völkische Zeitung ins Land, in der nicht, nach Muster des Konitzer Falles, der Versuch gemacht würde, irgendeine Mordtat zum Ritualmord umzulügen. Unsere Antisemitenblätter bleiben hinter dem traurigen Können der „Staatsbürger-Zeitung" in nichts zurück. Die Schriftleitung. 27 Jahre sind vergangen; aus einem rüstigen Manne bin ich ein leidender Greis von 82 Jahren geworden, aber die traurigen Vorgänge in Könitz sind unverwischbar meinem Gedächtnis eingeprägt. Anfangs April, kurz vor dem Pessachfest, erhielt ich eine Berufung von den Vorstand der Synagogengemeinde Schlochau, um vertretungsweise das Amt des Predigers und Kantors zu versehen. Der Mord in Könitz, der am 14. Mär2 1900 entdeckt wurde, war in ganz Deutschland bekannt geworden. Die antisemitischen Blätter erlebten eine Hausse, wie sie es nie erträumt; der Verleger der „Staatsbürger-Zeitung", Brunn, stark unterstützt von der antisemitischen Partei, durfte jubeln und die vier bis fünf Reporter in Könitz, die sofort dorthin dirigiert worden waren, feierten bei Bier und Wein wahre Orgien. Da ich seit Jahren als Korrespondent mehrerer jüdischer Wochenschriften tätig war, konnte ich über die Vorgänge in Könitz an Ort und Stelle berichten und ihre unglaublichen, vor allem unilogischen Lügen aufklären. Daß meine Tätigkeit, die mich täglich an den Ort des Dramas führte, nicht ohne Aufregung, oft mit Lebensgefahr verbunden war, sei nur nebenbei bemerkt. Ich war damals schon kein Neuling in der Bekämpfung der Antisemiten, noch bevor diese Bezeichnung erfunden wurde. Die Entdeckung der „Staatsbürger-Zeitung". Was besagt aber alles Gewesene gegen das Drama, das ich in Könitz miterlebt habe! Ich habe eine künstlich erzeugte Volksleidenschaft beobachtet; einen Sturm des Hasses und der Rache, der nicht Tage und Wochen, sondern mehr als ein Jahr dauerte, der unschuldige Menschen ins Gefängnis, böswillig Verführte ins Zuchthaus brachte. Ein junger Mensch von 19 Jahren, Obertertianer, wurde auf eine bestialische Weise ermordet, in Leichenteile zerstückelt an verschiedenen Stellen spater aufgefunden, der Kopf in ein Taschentuch gewickelt, das einer christlichen Frau, wie es sich später herausstellte, gehörte. Kein Mensch dachte an einen sogenannten Blutmord, womit eigentlich Ritualmord angedeutet werden sollte. Der „Blutmord" wurde erst in Berlin, in der Redaktion der „Staatsbürger-Zeitung" •entdeckt und fand von da aus unter der Bevölkerung Westpreußens und Pommerns seine beabsichtigte Verbreitung. Damals, im März 1900, war das Interesse der Zeitungsleser von den großen Begebenheiten: Boxeraufstand in China, Burenkrieg und Affäre Dreyfus vollauf in Anspruch genommen, und einzelne Mordtaten wurden ohne großes Aufsehen aufgeklärt oder auch nicht In demselbejn Monat wurde in einem Dorfe des badischen Landes, wo auch Juden wohnten, ein Kind vermißt und später als Leiche aufgefunden. Da von keinem vernünftigen Menschen an einen Blutmord gedacht wurde, konnten die Behörden alle Spuren verfolgen und wurden nicht durch ein Nebenuntersuchuegskomitee, wie hier in Könitz, verwirrt und irregeführt. Ich wage zu behaupten, daß auch der Konitzer Mord diese Aufklärung gefunden hätte, wenn nicht die genannte Zeitung und ihre Helfershelfer durch die vorangegangenen Verhöre und Belehrungen der Zeugen, durch zahllose Anzeigen bei der Polizei diese zielbewußt auf falsche Fährte geleitet hätte. Sie, die' Berichterstatter und Rechercheure, arbeiteten nach einem bestimmten Schema: Der junge Mensch wurde ein Blutopfer des Blutaberglaubcns der Juden; der Mord ein Ritüalmord, der Monate vorher schon von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde sorgfältig vorbereitet wurde. Die „Staatsbürger-Zeitung" lag damals in Agonie; nur ein Ritualmord oder doch ein aufsehenerregendes Verbrechen ä la Dreyfus in Deutschland, konnte Hilfe, d. h. Abonnenten bringen. Zunächst mußten Gelder herangeschafft werden, und so fanden sich wohl einzelne Fanatiker, die im guten Glauben Opfer brachten, oder solche Antisemiten, die mit Freuden diese Gelegenheit benutzten, um den verhaßten Juden einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Dann wurden vier bis fünf Reporter gedungen, die in Könitz jedes Dienstmädchen, besonders solche, die bei Juden in Stellung waren oder gewesen waren, jeden Schüler, gelegentlich auch einen wandernden HandweTksburschen, im Notfalle auch Kinder auf der Straße, verhörten. Denn diese Burschen mußten täglich zweimal Bericht erstatten. Die so gefundenen Zeugen wurden dann zur Polizei geschleppt. Diese sowie die Untersuchungsbehörden taten ihre Pflicht, verhörten und vereidigten sie, und so mußte ein Arbeiter Maß!off und seine Schwiegermutter, die beide durch wunderbare Märchen die Reporter erfreuten, mit Zuchthaus büßen. Die Mannen Bruhns kamen etwa 8 bis 10 Tage nach der Entdeckung nach Könitz, und da die Polizei bis dahin noch nichts gefunden, nahmen sie die Untersuchung in die Hand. Ich muß der „Staatsbürger-Zeitung" das Zeugnis geben, daß sie streng methodisch vorgegangen ist und keinen Punkt außer acht gelassen bat. Daß sie keine anderen Beweise und Zeugen gefunden, wie ich sie angegeben, ist nicht ihre Schuld. Wirklich ehrenhafte, vertrauenswürdige Männer waren für ihre Zwecke nicht zu haben, konnten nicht gefunden werden, denn nur die Tat selbst und die Motive dazu wurden entdeckt, und nicht den Schatten eines Verdachtes auf irgendeinen Juden ergab die höchst eingehende Untersuchung. Die Wirkung in der Provinz. Mit allen Mitteln versuchte man, aus dem Mord einen Ritualmord zu machen. Zuerst ging, wie mitgeteilt, der Klingelbeutel herum, um den Druck der zweimal täglich erscheinenden „Staatsbürger-Zeitung", die in den Nachbarorten, urbi et orbi gratis verteilt wurde, und um die Reporter, die eine lustige, bierreiche Zeit in Könitz verlebten, zu bezahlen. Dann wurde aufs neue geschnorrt, da die 400 Mark, die die Antisemiten und die „J u n g f r a u e n" von Könitz für ein Grabdenkmal des Ermordeten spendeten, nicht hingereicht hatten. Die Gesamtsumme aller dieser Aufrufe und Spenden habe ich nie in der betreffenden Zeitung gelesen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir nicht unerwähnt lassen,, wie diese Zeitung für eine öffentliche Beerdigung des Ermordeten agitiert hat. Sie durfte annehmen, daß dieses Ereignis sicher zu einer Revolte gegen die Juden führen würde. Sie hatte sich getäuscht. Die Juden blieben selbstredend in ihren Häusern, und wenn auch die Zeitungen behauptet haben, es hätten Jüdinnen aus den Fenstern gekichert und sich lustig gemacht, so konnten sie doch weder ein Haus noch einen Namen nennen. Mehr Glück hatten die Aufwiegler iu der Provinz. Man muß die Art und Weise der „Staatsbürger-Zeitung" verfolgen, in der das Volk aufgewühlt wurde: „Die Unruhen in Könitz