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Die Wahrheit · 1927-11-18 · Heft 47 (18.11.1927) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 47 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M5 OHE WAHRHEIT iimmiini! Seite Glossen. Herr Hofrat Molisch hat das Bedürfnis gefühlt, beim Abschied von seiner hohen Würde als Rektor einen Rückblick auf das verflossene Jahr der Wiener Universität zu werfen. Der Herr Hofrat hat auch in dieser feierlichen Stunde die schändlichen Exzesse hakenkreuzlerischer Studenten, die Mißhandlung jüdischer Studenten und Studentinnen mit jener Zartheit, die er während seiner ganzen Amtstätigkeit bekundete, nur gestreift. Er hat sie darauf zurückgeführt, daß sich „Reibungsflächen zwischen den studentischen Gruppen" ergeben hätten. Der Redner leugnete nicht, daß die Veranlassung von kleinen „extremen und undisziplinierten Gruppen" ausgegangen war. Aber er hütete sich, diese Gruppen durch ein halbwegs scharfes Wort der Mißbilligung zu kränken. „Extrem" und „undiszipliniert" ist wohl kein enthusiastisches Kompliment, aber wer hat je gehört, daß man damit das Benehmen von brutalen Raufbolden kennzeichnet? Die Überfallenen jüdischen Studenten, die sich immer einer imponierenden Anzahl von Knüppelhelden gegenüber sahen, hatten übrigens niemals den Eindruck, es mit einer „undisziplinierten" Gruppe zu tun zu haben. Im Gegenteil, es schienen durchwegs wohlorganisierte, von erfahrenen, tüchtigen Leuten kommandierte Gesellen zu sein, die zu einer genau bestimmten Stunde über sie herfielen. * , * * Herr Hofrat M o 1 i s c h hat es zum Schlüsse aber doch nicht unterlassen, mit nachdrücklichen Worten darauf hinzuweisen, „daß das Ansehen eines Staates nicht nur von seiner Ausdehnung und seiner Militärmacht, sondern auch von dem Rufe, den seine Hochschulen genießen, abhängt." Goldene Worte, die ich vom ganzen Herzen unterschreibe, und zwar schon aus dem Grunde, weil ich sie ähnlich — man verzeihe mir diese unbescheidene Erinnerung —auch schon während der Amtstätigkeit des Herrn Hofrat M o 1 i s c h wiederholt niederzuschreiben Gelegenheit hatte. Ueberraschend war nur die Adresse, an die der scheidende Rektor seine schöne Ermahnung richtete. Sie war, Gott bewahre, nicht an die Skandalmacher innerhalb der Räume der Universität gerichtet, die seit Jahr und Tag die Lernfreiheit mit der Freiheit zum Dreinschlagen verwechseln. Sie galt vielmehr den außerhalb der Universität Stehenden, die schon längst und wiederholt darauf hinwiesen, daß das Treiben der hakenkreuzlerischen Studenten und mehr noch die Nachsicht und Duldung, die ihnen von Seiten einiger Rektoren gewährt wurde, nicht nur das Ansehen der Wiener Universität, sondern auch das des österreichischen Staates schänden. Herr Hofrat M o 1 i s c h hat mit seinen goldenen Worten ganz recht, aber er hat sie leider nicht an die richtige Adresse gerichtet. * * * *-i ■ S Die Redaktion empfiehlt erfahrene, bilanzfähige, ältere § Buchhalterin { § äußerst verläßlich, mit sehr bescheidenen An- : Sprüchen. Auskünfte erteilt auch telephonisch (42-2-16) l die Redaktion unseres Blattes. j iHuua»uiii»iininiii»iMi)iuuiuiu»iHiiuHUMMUil Professor Wagner-Jauregg hat in seinem vor einigen Tagen gehaltenen Vortrage über Psychiatrie und Strafrecht sich wieder mit dem Fall Roth stock beschäftigt. Der Gelehrte, der nicht nur vom Standpunkt seiner Wissenschaft, sondern auch von dem des gesunden Menschenverstandes aus an die Analyse des Falles tritt, scheint sich mit der friedigung, die diese Angelegenheit gefunden, noch immer nicht beruhigen zu können. Kein Wunder. Der Fall ist wirklich etwas kompliziert. Die Fakultät hatte-den jungen Herrn, der einen Schriftsteller, dessen Schriiten ihm mißfielen, aus antisemitischem Idealismus niederknallte, für geistig gesund erklärt. Das Urteil der Fakultät unterschied sich von dem der antisemitischen Presse nur darin, daß es Rothstock nicht auch verherrUchte. Während der Verhandlung entschloß sich bekanntlich Rothstock, aus Gesundheitsrücksichten sich für irrsinnig auszugeben; seine enthusiastischen Vertreter und Verteidiger waren plötzlich so vernünftig geworden, ihm die Zurechnungsfähigkeit abzusprechen. Und die Geschworenen? Nun, die schlössen sich auch dieser Meinung an. Kaum war Rothstock hinter den schützenden Mauern des Irrenhauses, begann ein neues Spiel. Jetzt simulierte er wieder den geistig Gesunden und seine Freunde waren unermüdlich in dem Bestreben, den hoffnungsvollen Jüngling, den sie schon unmittelbar nach seiner mörderischen Tat als vorbildliches Muster gefeiert hatten, der Freiheit wiederzugeben. Und nun erklärten ihn auch die Psychiater für gesund. Wie gesagt, eine etwas komplizierte Geschichte. Professor Wagner-Jauregg erhebt zwar gegen niemanden eine direkte Beschuldigung, aber er kommt doch zu Schlußfolgerungen, die zu einer — Anklage führen müßten. Er meint, es sei R o t fast o c k eine Wiederholung der Tat nicht zuzumuten, aber die Gesellschaft habe ein Recht auf seine Anhaltung. Es dürfte viele geben, die den Ausführungen Wagner-Jaureggs folgend, sogar zu der Annahme gelangen, die Gesellschaft habe nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, irgendwie für die Anhaltung von Personen zu sorgen, bei denen es wirklich höchst fraglich bleibt, ob sie aus Irrsinn oder aus Antisemitismus zum Morden gelangten. * * * Den neuesten Nachrichten aus Budapest zufolge, wird der Unterrichtsminister Graf K1 e b e 1 sberg Freitag die den jüdischen Studenten angeblich eine Milderung des grausamen Gesetzes bringende Novelle über den Numerus clausus dem Parlamente unterbreiten. Vielleicht ist die ungarische Regierung doch endlich zu der Erkenntnis gelangt, daß man im Auslande nicht länger sich die Komödie vorspielen läßt, der Numerus clausus, der so viel Tragödien gezeitigt, sei keine gegen die Juden gerichtete Maßnahme. Ego. KlowieramterriclBi ■ Belli lewl« (Tochter des Oberkantors Artur Lew in) Wien VIII., Lerchengasse 16/1? eine Schülerin des Professors Franz Schmidt, erteilt : Unterricht für Anfänger und Vorgeschrittene. ■ ■■»■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■»■■•■■■^ 1 '! Eü!

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