Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-11-18 · Heft 47 (18.11.1927) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 47 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064344--15858-3088554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 8 MilltM Dt£ WAHRHEIT HOTEL „NATIONAL fti WD Restaurant IM Wien II., Taborstraße 18 ™ Zentrale Lage, 200Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u. Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des bestbekannten Restaurateurs. S. Grüner. Vorzügl. Wiener, ungarische u. orientalische (rumänische) Küche. Wienerbräu u. Filsner Urquell aus der Erde schießenden sogen. „Wehrhaften Vereine", die die Grundsätze Schönerers sich völlig zu eisen gemacht hatten, überflügelt zu werden8). In allen diesen Kämpfen, den politischen und akademischen, die durch das ganze Jahrzehnt andauerten, spielte der Antisemitismus eine bedeutende Rolle. Am Ende dieses Zeitraumes waren die Burschenschaften mit geringen Ausnahmen antisemitisch. Die österreichischen Burschenschaften traten vom 4. bis 6. Mai 1889 in Linz zusammen und begründeten dort den Linzer Convent. dessen Satzungen den Arierparagraph zur Voraussetzung des Beitritts hatten4). Es büeb den österreichischen Burschenschaften vorbehalten, ihrem Antisemitismus einen Ausdruck zu geben, der vollends aller burschenschaftlichen Ueberlieferung Hohn sprach. Ein Inaktiver der Innsbrucker Burschenschaft Germania, deren Mitglieder zu den vertrautesten Anhängern Schönerers zählten, der Mediziner Florian Albrecht, veröffentlichte in den .Unverfälschten deutschen Worten' vom 1. März 1869 einen Aufsatz, in dem er die bereits in jenen Kreisen öfters erörterte Frage: „Ist der Jude satisfaktionsfähig oder nicht?" zu beantworten sich mühte. Er versuchte darin den Beweis zu führen, daß die Juden sich kneiferisch verhielten, und forderte die deutschen Studenten auf, auf Grund solcher Erfahrungen und der völkischen Auffassung von der moralischen Minderwertigkeit der Juden diesen keine Genugtuung zu geben. Es gehört zu den Unbegreiflichkeiten *) Was soll man von einem Mann und einer Bewegung sagen, die die Gassen mit Flugzettel überschwemmte, auf denen, wie Hermann Bahr berichtet, der sinnige Spruch zu lesen war: „Was der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei". Da hört jede Polemik auf. Und nur eine schwache Genugtuung bildet der Umstand, daß sich Schönerer und sein getreuester Anhänger, der bekannte nationale Abgeordnete Karl Hermann Wolf, dann entzweiten und sich in einer Art und Weise beschimpften, die die deutschnationale, antisemitische Bewegung in Oesterreich aufs Tiefste bloßstellte. Schönerer schloß Wolf aus der alldeutschen Partei aus und ein Schönerianischer Abgeordneter Dr. Anton Schalk erhob gegen Wolf in der Schrift „Warum ich Herrn Karl Hermann Wolf für ehrlos erklärt habe" Anklagen auf sexualethischem und materiellem Gebiete gegen diesen germanischen Sittlichkeitsapostel. Wolf erwiderte mit Schmähungen gegen den alten Schönerer, den er sogar noch einen „phrasenfrohen, tatenscheuen Gecken" nannte. 4) Der antisemitischen Bewegung in der Wiener Burschenschaft verdankt auch der Zionismus seine Entstehung. Dessen Gründer Theodor Herzl war Mitglied der Wiener akademischen Burschenschaft Albia und, wie sein Biograph Leo Kellner schreibt, einer der eifrigsten Vertreter der deutschnationalen Bewegung. Im März 1883 meldete er seinen Austritt an, indem er sich auf die antisemitische Einstellung der Burschenschaft berief. Die Burschenschaft hat diesem Gesuch nicht stattgegeben und ihr gewiß verdientes Mitglied einfach gestrichen, indem sie den Ton seines Briefes zum Vorwand nahm. Nun geht Herzl in seinem Gesuche von .antisemitischen Demonstrationen' beim Richard Wagner- Kommers aus. Da davon gerade bei diesem Kommers, wo Herzls Bundesbruder, der spätere bekannte Dichter Hermann Bahr, jene berühmte Festrede hielt, derentwegen er relegiert wurde, nichts überliefert ist. so war das Gerücht davon wahrscheinlich für Herzl nur der letzte Anstoß für seinen Schritt. Bundesbruder Bahrs und Herzls war auch der Prager Teutone und Wiener Albe Paul von Portheim aus angesehener Prager jüdischer Familie, einer der bekanntesten Couleurstudenten seiner Zeit, zu dessen auffallendem Selbstmord 1883 vermutlich auch die antisemitische Bewegung in der Burschenschaft mit beigetragen haben mag. (Siehe hierzu „Wahrheit". Nummer 19: Hermann Bahr, „Das Recht, sich als Deutsch?, n' fühlen". Die Red.). des Rassenantisemitismus, wie dieser einfältige. Ja lächerliche Aufsatz, dessen hemmungslose Verallgemeinerungen alier Kritik spotten, eine solche Wirkung hervorbringen konnte.. Die Frage wurde auf den allgemeinen Studentenversammlungen in Wien zunächst am 7. März und einige Tage später eiörtert. Die inzwischen im „Waidhofner Verband" vereinigten „Wehrhaften Vereine" machten sich diesen Standpunkt sotort restlos zu eigen, indem sie folgenden Beschluß faßten: „In vollster Würdigung der-Tatsache, daß zwischen Ariern und Juden ein so tiefer moralischer und psychischer Unterschied besteht, und daß durch jüdisches Unwesen unsere Eigenart schon so viel gelitten, in Anbetracht der vielen Beweise, die auch der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben und da er der Ehre nach unseren deutschen Begriffen völlig bar ist. faßt die heutige Versammlung deutscher wehrhafter Studentenverbindungen den Beschluß: »Dem Juden auf keine Waffe mehr Genugtuung zu geben, da er deren unwürdig i s t«." Die Wiener Burschenschaften stellten sich, wenn auch anfangs widerstrebend, doch im Laufe der nächsten Jahre fast insgesamt auf diesen sehr bequemen „Waidhof ner Standpunkt", der sie mit einem Schlage von vielen unangenehmen Waffengängen befreite. Nur drei ^alte Wiener Burschenschaften und vor allem sämtliche Prager haben sich schon damals zu einer derartigen Verleugnung des burschenschaftlichen Ehrenstandpunktes nicht bereit erklären können und gaben und geben nach wie vor unbedingte Genugtuung. Es ist auch bezeichnend, daß diese Auswüchse der antisemitischen Bewegung in den reichsdeutschen studentischen Verbänden damals keinen Widerhall fanden. Ein Wiener Burschenschafter versuchte zwar in den „Burschenschaftlichen Blättern" für den Waidhofner Standpunkt Stimmung zu machen. Die Antwort findet sich In einer bezeichnenden Briefkastennotiz: „Es entspricht nur der Gerechtigkeit, ausdrücklich anzuerkennen, daß denjenigen jüdischen Studenten, die früher farbentragenden Verbindungen an reichsdeutschen Hochschulen angehörten, der Vorwurf der Feigheit auf Mensur nicht gemacht werden kann. Sie standen in betreff der Waffentüchtigkeit ihren christlichen Kommilitonen durchaus nicht nach, ob dies in Oesterreich anders ist, können wir nicht beurteilen." Die österreichischen Burschenschafter haben an ihrem extremen Antisemitismus auch in der Folgezeit festgehalten. Wenn sich auch ihre Beziehungen zu den reichsdeutschen Burschenschaften im Laufe der Jahre enger gestalten, so kann es doch zu keiner Aufnahme in die reichsdeutschen Verbände, wobei besonders die politische Einstellung, zweifellos aber auch der Rassenstandpunkt der Oesterreicher von Einfluß war. Auch die österreichischen Corps, die im Verlaufe der nationalen Kämpfe von ihrer einstigen Machtstellung auf sehr geringe Bestände zurückgesunken waren, nahmen schon an der Jahrhundertwende die rassenantisemitischen Grundsätze an. J! II 'I Bezugsbedingungen: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50. Ungarn Pengö 8 50, Deutschland Goldm. 7.—, Tschechoslowakei?K 60.—, Polen ZI. IL—, Schweiz Fr. 7. -, Amei ika 17» Doli., Italien Lire 40.—.England Schilling 15.—, Rumänien Lei 300.—.Jugoslawien Dinar 100.—

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.