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Die Wahrheit · 1927-11-18 · Heft 47 (18.11.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 47 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEU ii'iSijiliiiiiiiiHiiiiiiilliiilffl Seite 7 Wie es zum „WaidhofnerPrinzip" kam. In seiner neuesten Schrift „Burschenschaft und Judenfrage" (Berlin, Verlag Berlin—Wien. M. 2.—) weist der bekannte Studentenhistoriker Dr. Oskar F. Scheuer mit einer gründlichen, ja geradezu durch ihre Lückenlosigkeit verblüffenden Kenntnis der burschenschaftlichen Geschichte nach, mit welchem Unrecht sich die heutigen Nachfahren der Burschenschaft, die sich völkisch nennen, auf eine angebliche Judenfeindlichkeit der Urburschenschaft berufen. Aus den einzelnen Paragraphen und Absätzen der Satzungen und Bestimmungen der örtlichen Burschenschaften aus dem ersten Jahrfünit ihres Bestehens führt der Verfasser den unwiderleglichen Beweis, daß trotzdem sich hie und da judenfeindliche Strömungen bemerkbar machten, die "Deutsche Burschenschaft damals keineswegs einen antisemitischen Standpunkt eingenommen hat. Im zweiten Teil seiner Arbeit wirft der Verfasser interessante Streiflichter auf das Eindringen des Antisemitismus in die deutsche Studentenschaft, sowohl in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, als auch in den letzten Jahren nach dem Weltkriege, wobei besonders die Quelle des Antisemitismus in den akademischen Verhältnissen Deutschösterreichs herangezogen wird. Die Schrift wird auch über die akademischen Verhältnisse hinaus Aufsehen erregen und viele Leser finden. Das Kapitel über Deutschösterreich lassen wir. hier gekürzt folgen, da es zugleich die Entstehung des letzthin in den „Glossen" erwähnten „Waidhofner Prinzips" schildert. D. Red. Von besonderem Einfluß auf die antisemitische Bewegung in den reichsdeutschen burschenschaftlichen Verbänden war das Verhalten der österreichischen Burschenschaften, die sich dem politischen Antisemitismus gleich bei seinem Auftauchen hemmungslos in die Arme warfen. Bis gegen Ende der Siebzigerjahre war auch innerhalb der deutschen Studentenschaft auf den * österreichischen Hochschulen von Antisemitismus nichts zu merken. Sein Auftreten in der Studentenschaft ist aufs engste mit der Persönlichkeit des ersten deutschnationalen Abgeordneten in Oesterreich, Georg Schönerer, verknüpft, der allerdings sein berühmtes Linzer Programm noch im Verein mit jüdischen Gesinnungsgenossen aufgestellt hatte. Schönerer, der die große Werbekraft dieses aus Berlin eingeführten Schlagwortes bald erkannt hatte, verpflanzte den Antisemitismus in die Studentenschaft, aus der er sich eine ergebene Leibgarde geschaffen hatte. Seit dem Beginn eines Verfassungslebens in Oesterreich überhaupt herrschte hier der Liberalismus fast ununterbrochen. Das alte Oesterreich dankte der liberalen Partei seine freiheitliche Gesetzgebung: allein auf nationalem Gebiete hat sie völlig versagt. Der Liberalismus hoffte durch kulturelle Aufklärung und wirtschaftliche Unterstützung die anderen Völker Oesterreichs zu gewinnen und sie zur Dankbarkeit und Ergebenheit gegenüber den Deutschen als Staatsvolk anzuhalten und bemühte sich auf diesem Wege im bewußten Gegensatze zum neuen Deutschen Reiche Bismarcks ein künstliches Oesterreichertum zu betonen. Der Niederschlag dieser Anschauungen und Bemühungen auf den Hochschulen waren die österreichischen Corps. Sie verkörperten jene liberale Versöhnungspolitik und den schwarzgelben Patriotismus in der akademischen Welt, wobei sie vollkommen im Geiste des Corpsprinzips handelten, das aucr in Deutschland jede Beschäftigung mit Politik, d. h. oppositionelle Betätigung verwarf und. überall partikularistisch-dyna?üsche Interessen gegenüber dem nationalen Gedanken verfocht. In Wien hatte der leidenschaftliche Kampf der deutschnationalen Burschenschaft gegen die internationalen Corps und ihren Anhang schon zur Zeit der Kriege und Siege von 1866 und 1870 eingesetzt. Bis zum Ende der Siebzigerjahre finden sich nicht wenige Juden unter den Vorkämpfern der damals in der Studentenschaft mächtig aufstrebenden deutschnationalen Idee, wie sie von den Burschenschaften in Wien, Prag und Graz vertreten wurde. Von ihnen seien hier nur genannt der ausgezeichnete Schriftsteller Karl Emil Franzos und die beiden Berater Schönerers und Mitverfasser des Linzer Programms, der berühmte österreichische Geschichtsschreiber Heinrich Friedjung und der Organisator der österreichischen Sozialdemokratie Viktor Adler, der als erster Außenminister der österreichischen Republik deren Anschluß an Deutschland zum Grundsatz erhob1). Bei den wachsenden erbitterten Kämpfen, die sich an der Wende der Achtzigeriahre zwischen den deutschnationalen Burschenschaften und ihren Gegnern auf den Hochschulen besonders um die einzelnen Lesevereine entspannen, machte der Antisemitismus immer größere Fortschritte. Die Deutschnationalen stießen immer wieder in den Reihen ihrer Gegner, der internationalen Corps, der Altösterreicher und Indifferenten auf Juden als führende Persönlichkeiten; vor allem kam dazu, daß die Wiener liberale Presse den erwachenden deutschnationalen Gedanken auf das Entschiedenste bekämpfte. Nichtsdestoweniger dauerte es noch geraume Zeit, bis sich der Antisemitismus völlig durchsetzte. Noch der im Wintersemester 1882 von sämtlichen deutschnationalen Burschenschaften und Verbindungen gegründete „Verein Deutscher Studenten", der am 5. März 1883 den berühmten großen Wagner-Kommers mit Hermann Bahr2) als Redner veranstaltete, schloß die Juden grundsätzlich nicht aus. Der Antisemitismus nahm in der Studentenschaft erst dann einen schnelleren Aufschwung, als er auch im politischen Leben an Geltung gewann, allerdings zunächst als Heilslehre auf sozialem und erst später auf nationalem Gebiete. In Doktor P a 11 a i s im Februar 1882 gegründeten „Oesterreichischen Reformverein" war von nationalen Motiven noch gar keine Rede, und als Schönerer am 2. Juni 1882 den „Deutschnationalen Verein" gründete, machte sich noch Widerspruch gegen dessen antisemitische Tendenz geltend. Ja sogar die von Schönerer 1883 gegründeten „Unverfälschten deutschen Worte" schrieben noch in ihrer ersten Nummer: „Der heiße Kampf, der gegenwärtig zwischen uns und den Slawen geführt wird, er muß von uns ohne Inanspruchnahme der Juden ausgefochten werden. Stellt sich der eine oder der andere Jude freiwillig in unsere Reihen, so mag er in Gottes Namen mittun, doch nur als ein einfacher Soldat, nicht aber in leitender Stellung." Und der letzte, zwölfte Punkt des schon 1880 verfaßten Linzer Programms, der die Beseitigung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens forderte, wurde erst 1885 angehängt. Daß sich die antisemitische Bewegung in der deutschnationalen Studentenschaft Oesterreichs so schnell durchsetzte, dazu trug nicht wenig die innige Verbindung der Wiener Burschenschaften mit den reichsdeutschen „Vereinen Deutscher Studenten" bei, die im Gegensatz zu den reichsdeutschen Burschenschaften zunächst „ein volles Verständnis für die nationale Bedrohung des österreichischen Deutschtums" zeigten. Als erste Burschenschaft beschloß die Wiener Libertas im Winterhalbjahr 1878/79, daß Juden als Deutsche nicht angesehen werden können. Mit dem für österreichische Verhältnisse charakteristischen Zusatz, „u. z. auch dann nicht, wenn sie getauft sind." Im Laufe der Achtzigerjahre wurde dann eine Burschenschaft nach der anderen auf den deutschen Hochschulen in Oesterreich Judenrein', wobei sie sich im Gegensatze zu den reichsdeutschen nicht scheuten, ihren jüdischen Alten Herren, die nicht selten auch an der Gründung teilgenommen hatten, recht unsanft den Stuhl vor die Türe zu setzen. Schon im Winterhalbjahr 1882/83 bildeten einige Wiener Burschenschaften einen antisemitischen Convent. Zu diesem Einschwenken trug nicht wenig der Umstand bei, daß die Burschenschaften fürchteten, von den damals wie Pilze *) Es klingt heute wie ein Witz, daß auch der Obmann des deutschnationalen studentischen Zentralvereins, des „Lesevereins deutscher Studenten" in Wien, der die Ernennung Schönerers zu dessen Ehrenmitglied beantragte, ein Student namens E. A b e 1 e s war. 2) Siehe „Wahrheit" Nummer 19. 1927. Die Red. JAC. MAYER Kleideru. 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