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Die Wahrheit · 1927-11-18 · Heft 47 (18.11.1927) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 47 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Kindeskinder beim alten Gottesglauben Trost und Hilfe suchen. Das Freidenkertum rechnet nicht mit dem der Menschheit, seit sie zu Verstand gekommen ist, angeborenen Gottbedürfnis. Es rechnet nicht damit, daß die Morallehre ohne religöse Unterlage kalt und trocken ist, daß sie die Phantasie des Kindes, also auch, seine Seele kalt läßt Wenn es eine Statistik gäbe, die nicht wie Kautschuk nach allen Richtungen umgebogen und umgelogen werden könnte, so würde eine Statistik der Resultate der religiösen und der nichtreligiösen Erziehung eines ganzen Menschenalters ergeben, daß die religiöse Erziehung wirkungsvoller ist als die konfessionslose. Mit dieser Meinung steht und fällt unser Urteil über die Austrittsbewegung. Wenn die Freidenker recht hätten, dann täten wir Unrecht, die Austrittsbewegung zu verurteilen. Aber sie haben nach unserer Meinung Unrecht. D i e Menschheit kann der Religion nicht entbehren. IV. Freilich muß man die Sozialdemokraten verstehen. Sie hassen nicht Gott, daß sie ihm den Krieg erklären. So mancher von ihnen gehört zu jenen Atheisten, die bei Gott schwören, daß es keinen Gott gibt, und in ihren Herzensnöten werden die meisten zu ihrem Kinderglauben zurückkehren. Aber ihre Propaganda gegen die Konfessionen ist eine politische Propaganda, und der Endzweck ist der politische Umsturz, der die neue sozialistische Ordnung einleiten soll. Denn die Sozialdemokraten erkennen, daß die Konfessionen die Stützen der bestehenden bürgerlichen Ordnung sind. Das Alte und das Neue Testament, sie sind beide bürgerlich orientiert, beide schützen sie das private Eigentum. Aber selbst die Bolschewiken in Rußland haben mit der Kirche Frieden geschlossen und einen bolschewikischen Synod eingesetzt, weil es sich mit der Religion sehr gut regieren läßt, ebenso wie Napoleon I. den Kultus der Vernunft abgeschafft und die Kirche wieder auf den Thron gesetzt hat. Vorderhand predigen die Sozialdemokraten in Wien den Austritt aus den Kirchen. Sie reißen die stärkste Säule der bürgerlichen Ordnung nieder, um rascher zur Herrschaft zu gelangen. Ihr Kampf gegen die Religion ist also in Wahrheit kein Kampf des freien Denkens gegen die Volksverdummung — wie sie sagen —, sondern er ist ein politischer Kampf mit einem klar erkennbaren Endziel. Wenn sie es erreicht haben werden, dann werden sie kühler und — politischer über die Religion denken, denn sie werden sich daran erinnern, daß geschrieben steht, jede Obrigkeit sei von Gott und daß man der Obrigkeit gehorchen müsse. Sie werden so klug sein wie die „reinen Marxisten" in Rußland und sie werden ihren Frieden schließen mit der Kirche, die den Herrschenden das Regieren so leicht macht. Dann wird die Austrittsperiode aufhören und der Thron Gottes wird unerschüttert sein in den Herzen der Menschen, bis — bis ein neues Geschlecht auf einen neuen Umsturz sinnen wird." Dies ist der Sinn der Geschichte. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Die Gattin Isak Noe Mannheimers an Adelheid Zunz. „Daß ich jetzt am Ziele meiner Wünsche bin, das wirst Du erfahren haben, meine gute Adelheid. Gebe Gott! Ich könnte sagen, im Hafen der Ruhe, selbst dies kann ich, so weit wir als Menschen voraussehen können, gewissermaßen sagen, denn ich habe so sehr viel Ursache, mich in meiner häuslichen Lage glücklich zu fühlen, und ich hoffe, falls mir auch Trübes und Herbes von außen zustoßen mag, dennoch innere Zufriedenheit mir das Gleichgewicht erhalten wird. Ich kann es Dich versichern, daß ich in meinem ganzen Leben noch nicht so froh war, als ich es jetzt bin, mein guter Mannheimer ist auch sehr vergnügt, und diese beiderseitige Zufriedenheit kann uns nur noch froher stimmen. Unsere Hochzeit, meine gute Adelheid, war vor drei Wochen, ich habe Deiner an dem Tage und seitdem oft gedacht, ich hoffte noch immer, einige Worte von Dir zu erhalten, ich bin überzeugt, daß, wenn ich auch keinen schriftlichen Glückwunsch von Dir erhalten habe. Du mir dennoch im Herzen gewiß recht viel Gutes wünscht. Unsere Hochzeit wurde so einfach als möglich gefeiert, für eine jüdische wohl die erste in ihrer Art. Des Vormittags besuchten mich viele meiner Freunde, um zwei Uhr fuhren wir nach unserer Wohnung, wo dann auch gleich die Trauung vollzogen wurde. Meine Eltern und Dr. Salomon mit seiner Frau waren unsere Schemelführer. Dr. Kley hatte die Trauung und hielt uns eine sehr erbauliche Rede, zugegen war außer .... die mich angekle.det hatte und den ganzen Tag bei mir war, niemand, ausgenommen die sogenannte Minjon, nach der Trauung fuhren die Gäste wieder nach Hause; des Abends nahmen meine Eltern, Kleys und Salomon ein einfaches Abendbrot bei uns ein, und damit hatte der Tag ein Ende, den ich mit der göttlichen Hilfe bis an mein Ende segnen werde. Adelheid an Moritz Lazarus, 1863: „Mein Zunz verlangt so wenig, denn er ist so glücklich." Lazarus' erste Gattin. Bern, 18. Juli 1860. ah eine gemeinsame Freundin. „Es ist hier Sitte, daß die neuen Professoren ihre Frauen bei sämtlichen Fakultäten zu den Antrittsvisiten mit herumschleppen. Ich möchte mich dieser Unsitte nicht fügen und habe nun die Visiten der Damen erhalten. Wäre ich von den Resten der Krankheit befreit, wir wären so glücklich, wie wir es seit lange nicht gewesen." 1863 an dieselbe: „Er (Lazarus) ist glücklich, seine Stellung wird es nach allen Seiten immer mehr und da er vieles nächst Gottes H lfe sich selbst verdankt, kann er wohl mit seinem Segen zufrieden sein." Die Rachel. (Tochter eines aus Böhmen stammenden Juden Felix.) Als sie bei Frau Röcamier im Freundeskreise einige Stellen aus der Rolle der Pauline im „Polyeucte" vortrug, wurde sie durch den Besuch eines Erzbischofs unterbrochen. Vor einem katholischen Kirchenfürsten empfand sie es als eine Jüdin trotz ausdrücklichen Wunsches nicht taktvoll, die Pauline vorzutragen. „Wenn Sie gestatten," sprach sie, „will ich einige Verse aus der „Esther" zu Gehör bringen." Als nach ihrer Rückreise aus Aegypten im Jahre 1857 die Mitreisenden sich um ihre Gesundheit besorgt zeigten, antwortete sie lächelnd: „Glauben Sie nicht, daß man Leute meiner Rasse und meiner Anlage so leicht begräbt!" Als ein Geistlicher unter den Passagieren sie zu bekehren versuchte, soll sie das Gespräch unvermittelt auf einen Gegenstand der Kochkunst abgelenkt haben. Sie wurde laut ihren Bestimmungen nach streng jüdischen Vorschriften beerdigt. An ihrer Bahre hielt ihr der Grandrabbin Isidore «inen Nachruf. Baronin Clara Hirsch. Baronin Clara Hirsch, am 13. Juni 1833 in Antwerpen geboren, hatte im Hause ihres Vaters, des Bankiers Bischoffsheim in Brüssel, eine forgfältige Erziehung genossen. Fast noch ein Kind, lernte sie den mit ihr in gleichem Alter stehenden Baron Moritz Hirsch kennen. Der junge Baron war dem großen Schulmanne und Orientalisten Dr. Mayer in Brüssel zur Erziehung übergeben worden. Durch ihn wurde er in das Haus Bischoffsheim eingeführt. Fräulein Bischoffsheim faßte eine tiefe Neigung für den jungen Mann. Im Alter von 23 Jahren heirateten sich die Beiden. Baron Hirsch trat in die Firma seines Vaters ein und zog mit seiner Frau nach München. Die Baronin konnte sich mit dem Leben in der bayrischen Hauptstadt nicht befreunden, und ihr Gatte übersiedelte deshalb nach Brüssel, um dort in die Firma Bischoffsheim einzutreten, von wo er nach Auflösung des Bankhauses nach Paris zog. In der französischen Hauptstadt wußte Baronin Hirsch sich bald eine hervorragende Stellung zu schaffen. Ihre hohen geistigen Eigenschaften, ihr vornehmer, milder Charakter, ihr Wohltätigkeitssinn und ihre Bescheidenheit wendeten ihr die Sympathien der besten Kreise von Paris zu. Diese Zuneigung und Wertschätzung sind ihr bis zum Tode treu geblieben. Sie starb, ihrer Kinder durch den Tod geraubt, am 1. April 1899. In den zahlreichen Humanitätswerken der Baronin Hirsch nahm de Fürsorge für österreichische Hilfsbedürftige, kleine Gewerbetreibende und Kaufleute einen breiten Raum ein. In Konstantinopel verteilte sie zur Linderung der Not der armen Bevölkerung ohne Unterschied des Bekenntnisses über 125.000 Dollar. 150.000 sandte sie nach New York für einen Hausbau, in dem eine den Namen des Barons tragende Handelsschule untergebracht war, 900.000 für arbeitende Mädchen und mittellose Einwanderer, 700.000 für die Hinterbliebenen von Angestellten der von ihrem . Manne gebauten Orientbahn. In ihrer Witwenzeit spendete sie für humanitäre und Schulzwecke über 15 Millionen, in ihrem Testament 10 Millionen Dollar. (Fortsetzung folgt.)

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