Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 47 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIC WAHRHEIT MilililÄ Seite 5 sperren, um das deutsche Volk vor ihrem entartenden Einfluß zu schützen. (Vergl. Segel: „Philosophie des Pogroms". Philo-Verlag, Berlin 1923). In England wird diese Lehre durch den katholischen Ff anzosenstämmling Hilalre B e 11 o c vertreten;, (sein 1921 erschienenes, fast ganz unbeachtet gebliebenes Buch .,The Jews" *) ist soeben in deutscher Uebe-rsetzung herausgegeben, und zwar in einem hochkatholischen Verlage, dem doch dieser heidnisch - zoologische Nationalismus ein Greuel sein müßte), Belloc gelangt zu der Forderung,- die Juden, nicht durch Zwangsgesetze, sondern durch „Institutionen" zu isolieren, so daß ihr artfremder Einfluß auf das Wirtsvolk unmöglich gemacht werde .... An diese unangreifbar scheinende Mauer legt Prof. Goldstein de Axt, haut Stein um Stein heraus und zermalmt ihn zu losem Staub, den ein Windhauch davonträgt. Es gehört dazu eine eiserne Geduld und Selbstüberwindung, verbunden mit einer souveränen Beherrschung der gesamten wissenschaftlichen Literatur und einer intimen Kenntnis der lebendigen Kulturströmungeri. Da haben die Völkischen z. B. den großen Philosophen Fichte zu ihrem Urahn ernannt, weil von ihm ein paar judenfe ndliche Aeußerungen bekannt sind und er in bedrängter Zeit die „Reden an die deutsche Nation" gehalten hat. Goldstein erweist an Hand der Texte, daß Fichtes Ideal der Deutsche als Weltbürger war, daß also der Patriotismus seiner „Reden" im schroffstem Gegensatz zum engherzigen Nationalismus der Völkischen steht, daß seine antijüdischen Aussprüche ein Reflex zeitläufiger Vorurteile waren und m'.t seiner denkerischen Arbeit nichts zu tun haben. Allen vagen Redensarten und allgemeinen Versicherungen seiner Gegner weiß Goldstein authentische Tatsachen und Texte entgegenzuhalten und jene ad absurdum zu führen... Ein Beispiel für unzählige: Ein jüdischer Literaturhistoriker hat einmal ein abfälliges Urteil über Hebbel gefällt. Das ist natürlich nach Ans'cht des Völkischen die Folge seiner jüdischen Unfähigkeit, den Deutschen Hebbel zu verstehen. Nun zieht Goldstein einen Brief des kerndeutschen Adalbert Stifter von 1847 hervor, in welchem ein noch viel schärferes Urteil über Hebbel gefällt wird. So geht es auf fast allen Gebieten des Geisteslebens: „Wer s eh deutscher Jude nennt," sagt Goldstein, „der nimmt das Wort deutsch nicht im Sinne der Abstammung, sondern im Sinnep'ner national-kulturellen Kulttirgemeinsrhaft." Der deutsch-jüdische Mensch hat nicht eine Kopie irgend eines der vielen Typen des deutschen Volkes zu sein, sondern e r selbst, unter Bewahrung seiner vollen Eigenart. Goldstein zitiert einen hervorragenden deutschen Katho- 1 ken, der für seine Glaubensgenossenschaft das gleiche beansprucht. „Wir sind existenzberechtigt, nur wenn wir Eigenes sind, nicht wie die anderen, nicht eine Kop'e!" ... Von der ganzen Fülle des Belehrenden und Befreienden, welches dieses kleine Buch b;etet. konnte hier kaum eine Ande'ittme' o^^ebe'i werden. Der Stil f<:t fr'^oii und l^hen^vol!, manche Sätze prägen sich ein wie feingeschliffene Aphorismen. Kein Jude soll es ungelesen lassen. Jeder wird daraus ^larhe't über de Lage seiner Gemeinschaft gewinnen und tüchtige Waffen irn Kampfe der Meinungen, der ihm Ott und oft aufgezwungen wird. Und jeder Leser reiche dieses Buch einem nichtjtidischen Freund.....___ Die Austrittsbewegung in Wien — ein Politikum. Wir geben im folgenden gekürzt einen Artikel des bekannten rumänischen jüdischen Politikers Dr. Mayer Ebner wieder, der in der Czernowitzer ..O s t j ü d i s c h e n Zeitung" zu der in letzter Zeit etwas erhöhten Austrittsbewegung in Wien in interessanter Weise Stellung nimmt und den Kern des Uebels richtig in der von den Sozialdemokraten unterstützten Freidenkerbewegung findet. Vor Uebeftreibungen über die Stärke der Abfallbewegung ist wohl zu warnen, immerhin muß man ihr das größte Augenmerk schenken und ihren politischen Inspiratoren rechtzeitig entgegenarbeiten. 1. In Wien macht die Austrittsbewegung ungeahnte Fortschritte. Die einstige, von den Schönerianern propagierte ..Los-von-Rom-Bewegung" ist bereits überholt. Nicht dem Katholizismus gilt der Kampf, sondern dem Christentume überhaupt. Unter der Firma des Freidenkerbundes arbeitet *) Siehe den Leitartikel der letzten Nummer der „Wahrheit": „Wieder der gdbe Fheck?" die Wiener Sozialdemokratie gegen jedes religiöse Bekenntgionsbekenntnisses (Verbot der Ehe zwischen Christen und ungewöhnlich groß ist die in jüdischen Blättern regelmäßig veröffentlichte Liste der „aus dem Judentum Ausgetretenen". Früher, als das Ehehindernis des verschiedenen Religionsbekenntnisses (Verbot der Ehe zwischen Christen und Juden) bestand und die Taufe die Voraussetzung einer besseren Karriere im Staatsdienst war. gab es viel weniger Austritte aus dem Judentum, und an der heutigen Zeit gemessen, erscheint die frühere in einem besseren Lichte. , . Der in zweitausendjährigen Verfolgungen gestählte jüdische Charakter sträubte sich gegen die Taufe, und nur wenige Juden traten zum Christentum über aus — Ueberzeugung, daß es ihnen im Leben dann besser gehen wird. Der Jude Gutzkow, deutscher Dichter, Zeitgenosse Heines und Börnes, will die Taufe nicht nehmen. Warum? Sie war ja damals jüdische Mode! Er will nicht — sagte er — im Schatten des Baumes sich behaglich strecken, dieweil seine Brüder die staubige Straße ziehen. Also aus Gründen des Charakters blieb er Jude, und so ist es vielen deutscher jüdischen Gelehrten ergangen. Nichts fesselte sie an das Judentum, aber der Austritt und Uebertritt — konfessionslos sein, ward im alten Oesterreich schlimmer angesehen als orthodoxestes Judentum — erschien ihnen ihrer unwürdig, gerade weil die Gesellschaft und der christliche Staat seinen fühlbaren Druck auf die Juden übte und die Taufe der Preis war, um den man sich die volle Gleichberechtigung erkaufte. Heute ist die Situation eine andere. Speziell in Wien. Man täte den Sozialdemokraten, die in Wien regieren, Unrecht, wenn man sagen wollte, daß sie die Austretenden belohnen oder daß sie jene verfolgen, welche nicht austreten. Das Letztere wäre auch nicht möglich, weil die Zahl der Austretenden im Verhältnisse zur Zahl der Nichtausgetretenen immerhin noch eine sehr geringe ist. Nein, ein richtiger Druck auf das religiöse Gewissen wird nicht geübt, aber es wird eine ausgedehnte antireligiöse Propaganda gemacht, und das Freidenkertum blüht in Wien ganz besonders. II. Nach dem Weltkrieg — wie nach jeder großen Katastrophe — schien es, als sollte die .Religion stärkere Macht erlangen über die Gemüter. Die Kirchen füllten sich, und auch den Synagogen nützte die Strömung, die die durch den Krieg unsäglich unglücklich gewordene Menschheit in ihrer Verzweiflung zurück zu Gott führte. Aber lange hielt diese Stimmung nicht an. Je mehr sich die neuen Verbältnisse befestigten und die Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, vernarbten, desto kühler wurde das Verhältnis der Menschen zu ihrem Gott. An vielen Orten kam sogar die Reaktion in Form des sein Haur»t erhebenden Freidenke^tums, welches alles Religiöstrans7endentale für Ammenmärchen erklärt, mit dem man das Kind. Volk genannt, in den Schlaf der Gedankenlosigkeit wiegt. Gott — sofern er nicht ganz geleugnet wird — wird alles Persönlichen entkleidet und zu einem philosophischen Begriff verdünnt, mit dem der Verstand wenig, die Phantasie gar nichts anzufangen weiß. An die Stelle der Rel'eionslehre tritt der Unterricht in der Moral. Diese Zeilen richten sich nicht gegen das freie Denken als solches, sondern gegen die Propaganda, d'e für den Austritt gemacht wird. Die Zugehörigkeit zu einer Konfession hat das freie Denken niemals gehindert und jedem stand und steht esfrei, sich mit seinem Glauben auseinander zu setzen. Die Konfessionslosigkeit aber durch eine konzentrierte Propaganda zu einem Staatsprinzip zu machen, halte ich für einen Fehler. III. Es gibt nicht Neues unter der Sonne, und als die französische Revolution ihre höchsten Triumphe feierte, enthauptete sie den König und entthrohnte sie Gott. Alle Kirchen und Gotteshäuser wurde geschlossen und die offizielle Welt bekannte sich zum Kultus der Vernunft. Aber Vernunft wird Unsinn — wie Goethe sagt — man nahm irgend ein schönes, liederliches Weib und man führte es fast nackt, mit Blumen bekränzt auf einem von sechs Pferden gezogenen Triumphwagen durch d'e Straßen von Paris. Seht d». die Göttin der Vernunft! Die Geschichte erzählt nicht, daß der Kultus der Vernunft d<e Menschen besser gemacht hatte und ein ethisch sittliches Zeitalter war es nicht, das Zeitalter, In dem d'e Vernunft regierte. Die große politische Revolution war nicht von einer gleichzeitigen sittlichen Revolution be~ gleitet. Im Gegenteil. Die Sitten wurden ärger und die Jugend .nahm Schaden. Die Menschheit ist nicht reif für die Alleinherrschaft der Moral. Was das Vorrecht erlesener Geister ist, kann nicht Gemeingut der Massen werden, wenigstens nicht in unseren Tagen, und wahrscheinlich werden auch unsere Kinder und