Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 47 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 MlilllMMm^ DIE WAHRHEIT Ueberwindung des Von Binjan Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens — und nun erst wenn die Dummheit mit der Böswilligkeit sich paart und beide vere.nt sich in den Dienst der gewöhnlichen Masseninstinkte stellen, denen sie ein ideales Mäntelchen umhängen! Und trotzdem kommen zuweilen beherzte Männer, die diesen Kampf aufnehmen und den Sieg davontragen. Das gilt von dem Professor Dr. Julius Gold st ein, der durch seine soeben erschienene Schrift „Deutsche Volks-Idee und Deutsch-Völkische Idee" (Philo-Verlag, Berlin SW. 1927) dem völkischen Wahn den Todesstoß versetzt hat. Es geht durch die Länder deutscher Zunge eine Bewegung, die nur in ihren gröbsten Erscheinungsformen unsere Aufmerksamkeit und Abwehr herausfordert; aber sie wird aus t eferliegenden Quellen gespeist, die sich dem Blick des alltäglichen Beobachters entziehen. Diese im Verborgenen fließenden Quellen sind die gefährlichsten, denn sie liefern das pseudowissenschaftliche Grundwasser, aus dem diese ganze, immer üppiger in die Halme schießende Saat ihre befruchtenden Säfte saugt. Diese Quellen aufzugraben und vor der "Welt bloßzulegen ist ein ungeme.n schwieriges Stück Arbeit, erfordert außergewöhnlichen Scharfsinn und gründliches vielseitiges Wissen auf allen Gebieten des geschichtlichen und Kulturlebens. Wenn z. B. einer der völkischen Führer, der Philosophie-Professor Max Wundt, Sohn des großen Wilhelm Wundt, uns versichert, „das Judentum sei die dunkle Macht der Verneinung"; der Jude „wirke als Wille zum Bösen in allen Bezirken deutschen Geistes, ziehe diesen von seinem reinen Urquell ab, und reiße ihn in den Pfuhl der Gemeinheit herunter", oder: durch „Rassenmischung entwickelt sich der jüdische Geist, wie er als eine teuflische Macht unter den germanischen Völkern gehaust hat und bis heute haust, der Geist der Verworfenheit" — und wenn der Herr Professor schließlich salbungsvoll hinzufügt: „Der Geist Gottes ist der Geist der Liebe, wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. Ueber dem Judentum aber brütet der Geist des Hasses" — so ist das viel weniger gefährlich, als es aussieht. Denn jeder nicht ganz auf den Kopf gefallene Leser sagt sich, der dekbändige Verfasser dürfte wohl trotz seines berühmten Namens nicht ganz zurechnungsfähig sein. Ganz anders dagegen verfährt z. B. ein hochangesehener und einflußreicher Autor wie Wilhelm Stapel, Herausgeber der weitverbreiteten Monatsschrift „Deutsches Volkstum", bekannt auch als Kant-Interpret, in se.ner Schrift .Antisemitismus?", von der Goldstein sagt, sie sei vornehm und zurückhaltend im Ausdruck, sie vermeide nicht nur alle verletzenden Aeüßerungen über Juden und Judentum, sondern sage soviel Gutes von den Juden, daß man manchmal vergesse, daß man einen ant semitischen SchriftsteHer. vor sieh habe. Aber da taucht plötzlich der Satz auf: „Es ist mir unerträglich, die Geschicke meines Volkes von Juden geleitet zu sehen." Der oberflächliche Durchschnittsleser könnte sich bei d esem Satz beruhigen; „Ist es weiter.nichts?" könnte er sagen, „Meinetwegen!.. Ich habe gar nicht den Ehrgeiz, die Geschicke des deutschen Volkes zu leiten. Mögen sich die Rathenau und die1 Preuß mit Herrn Stapel auseinandersetzen." Und darin, aber nicht darin allein, liegt eben die'Gefahr solcher scheinbar bloß theoretischen Propaganda. Der Bürger gibt sich nämlich ke'ne Rechenschaft darüber, daß nicht nur ein Minister des Aeußeren und ein Schöpfer der- Reichsverfassung bei der Leitung der Geschicke des deutschen Volkes mitwirken. Dies gilt auch von den Kapitänen der Industrie und des Handels, überhaupt des wirtschaftlichen Lebens, die noch dazu den Neid in einem sehr hohem Grade auf sich'lenken. Ja, jeder Bürger in einer etwas hervorragenden Stellung, ein Fabriksdirektor, ein Gutsbesitzer, sogar ein bescheidener Handwerksmeister, trägt bis zu einem gewissen Grade die Verantwortlichkeit für das Geschick des ganzen Volkes und wirkt an dessen Gestaltung mit. Was Stapel be!m Anblick von Rathenau und Preuß empfand, empfinden, nach Maßgabe der Ausbreitung seiner Schrift, hunderttausende deutscher Bürger beim Anblick jüdischer Kanfleute, Handwerker, Lehrer, Rechtsanwälte, Apotheker und sonstiger gewöhnlicher Sterblicher, die sich von ihren Nachbarn nur dadurch unterscheiden, daß sie Juden sind. Es ist den Anhängern Stapels unerträglich, daß diese Leute inmitten des deutschen Volkes existieren, denn sie' sind Fremde! Sie sind anderen Wesens, unüberbrückbar verschieden von den Deutschen. Was ist es nun. das die beMen Gruppen so unüberbrückbar tief von einander trennt - daß'es zwischen ihnen keine völkischen Wahns. Hn Segiel. Gemeinschaft geben kann? Vor kurzem noch war es die Rasse. Die deutsche und die semitische Rasse, so lehrte man, können nie und nimmer etwas geistiges und soziales gemein haben. Inzwischen haben alle Rassentheorien bankerott gemacht, nicht zum wenigsten hat dazu Goldsteins prächtiges kleines Buch „Rasse und Politik" (4. Auflage, Leipzig, Ernst Oldenburgs Verlag 1925) beigetragen, das, eine ungewöhnliche Fülle von Wissen in lichtvoller Form darbietend, nachwies, daß weder die Juden noch die Deutschen Rassen sind, sondern beide Gruppen aus mehreren Rassen hervorgegangen sind, zum Teil sogar aus den gleichen Rassenbestandteilen. Dies gibt Stapel selbst ausdrücklich zu. Aber er und seine Gemeinde haben an Stelle der Rasse e.nen neuen Götzen aufgerichtet, das Volkstum. Das Volkstum ist aber nach Stapel nicht ein Produkt der Geschichte und der Kultur, sondern es ist ein Natur begriff, „eine naturhafte, gewachsene Einheit, wie der Baum. das. Korallenriff, der Bienenschwarm". Mit seinem Volk verbindet den Einzelmenschen nicht der freie Entschluß, die Sympathie, die Anhänglichkeit an seine Muttersprache, die Liebe zu seinem Lande, seiner Geschichte, seinen Sitten, seiner Kultun sondern ein Naturzwang, der überhalb oder außerhalb seines Bewußtseins steht und von der Gefühlswelt und dem Gewissen des einzelnen unabhängig ist. Aus seinem Volke kann kein Mensch hinaus, in ein Volk kann kein Mensch hinein. Es wird die Analogie zwischen den Völkern und den zoologischen Arten des Tierreiches sowie den hotanischen des Pflanzenreiches streng durchgeführt. Alle Angehörigen eines Volkes sind in ihrem Volkstum eingemauert, eingekapselt, ohne Ausweg, ohne Durchschlupf zwischen Volk und Volk. Der Angehörige des einen Volkes kann ebenso wenig in e n anderes treten, sich mit ihm verbinden, wie der Kuckuck mit dem Grasmückenvolk oder wie die Mohrrübe mit dem Geschlecht der Apfelsinen. Du glaubst, daß einzelne hervorragende Menschen, wie Alexander von Humboldt oder Rainer Maria Rilke die Seelen zweier Völker in sich harmonisch vereinen, für das Wesen beider Völker gleicherweise Sympath e und Verständnis haben und als Vermittler und Versöhner zwischen ihnen wirken können. Weit gefehlt! Kann eine Erdbeere zugleich die Seele eines Apfels oder einer Kirsche beherbergen? Alle Angehörigen eines Volkes haben die gleiche „seelische Zuständlichkeit", d. h. es spielen sich in den Seelen aller die gleichen Vorgänge ab, d e von den Vorgängen in den Seelen anderer Völker grundverschieden sind. Darum kann es zwischen Menschen verschiedener Völker keinerlei Verständigung geben. Das gilt für alle Völker ohne Ausnahme, von dem Hundertmillionenvolk der Deutschen angefangen, bis zu dem Zweimillionenvolk der Litauer und dem Halbmillionenvolk; der Albaner —. und erst recht für das „Volk der Juden", von dem mehr als e ne halbe Million in Deutschland lebt. „Sowohl die seelische Zuständlichkeit wie der seelische Ausdruck ist (bei Deutschen und Juden) nachweisbar verschieden. Darf man es einem Volke, das in Jahrhunderten eine bestimmte innere Gesetzmäßigkeit, eine Art, gewonnen hat, verübeln, wenn es seine politischen und kulturischen Schicksale nicht von andersartigen Menschen in artfremde Bahnen will zwingen lassen?" Damit schon aber allein, daß Juden im deutschen Staate gleiches Bürgerrecht genießen, deutsch reden und schreiben, an der deutschen Kultur mitbauen, am deutschen Wirtschaftsleben mitarbeiten, zwingen sie die politischen und kulturischen Schicksale des deutschen Volkes in artfremde Bahnen. Daher droht dem deutschen Volke von den Juden eine ungeheure Gefahr. Ist das alles auch Wahnsinn, so hat es doch strenge Methode .... Diese völkische Geschichtsphilosophie wird mit einem, ungeheurem Aufwand von metaphysischen und wissenschaftlich tuenden - Floskeln ummauert und befestigt, mit unerbittlicher Logik ausgebaut, so daß sie äußerlich den Eindruck einer uneinnehmbaren Festung macht. Diese Logik mit ihrer unerschütterlichen und unentwegten Folgerichtigkeit erinnert in erschreckender Weise an die Logik der primitiven Völker, die von einer Vorstellung ausgehend, in gerader Linie zur Menschenfresserei und zur Witwenverbrennung gelangen. Die einzige Konsequenz dieser Gedankengänge ist, die Juden in Deutschland aus dem gesamten Leben der Nation hinauszudrängen. W i e das geschehen soll, sagen uns Stapel und die Seinen nicht. Aber andere haben das für sie getan. Blüher, z. B. verlangt ganz unumwunden „Reghettoisierung"' der Juden,- d; h., man solle sie, ganz wie im Mittelalter, in ein Ghetto