Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 47 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064344--15852-3088548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 den Staat ungemein wichtig, dennoch aber in ihm leider keine politische Vertretung hat, ohne eigenes Verschulden zum zerriebenen Mühlstein werden bei dem Aufeinanderprallen der beiden Gewalten: Das Bürgertum. Wir Juden gehören in Oesterreich zu einem überaus großen Teile zu diesem ehrlich schaffenden und wirkenden Volksteile, der jedoch heute unter den Sorgen des Alltags beinahe vollkommen zermürbt und enerviert ist. Wenn nun gar eine solche Elementarkatastrophe, wie sie ein blutiger Bürgerkrieg darstellt, auch auf unserem heimischen Boden zum großen Schaden desselben eintritt, so werden unsere Leiden, die ja heute schon mehr als genug sind, übervoll werden. Deshalb ist es Aufgabe aller, diesen drohenden Ereignissen kühl ins Auge zu sehen und ihre immense Gefahr rechtzeitig hintanzuhalten. Man hört nun allgemein in unseren Kreisen immer wieder das bewegliche Lied: Was können denn wir tun, wir sind ja machtlos! Gewiß, aus Ursachen, die nicht in uns liegen, ist die politische Geltung des Bürgertums geschwunden, hat es nicht die politische Stellung, die es auf Grund seines Schaffens verdient. Aber gerade dieses sein Wirken, das für den Staat wertvoller als noch so intensive politische Betätigung ist, macht das Bürgertum zu einemwesentlichen Faktor, dessen die Wirtschaft, soll sie wirklich gesunden, nicht entbehren kann, dem der Staat mehr Aufmerksamkeit schuldet, als unsere Kreise selbst zu ahnen glauben, denn, wie Doktor Stresemann in Wien ganz richtig sagte, „es gewährleistet am besten die ruhige Fahrt des Staatsschiffes." Auf das Wort dieser Geschäftsleute, selbst wenn es nicht von der politischen Tribüne herab gesprochen wird, kommt es oft mehr an als. auf die noch so schönen rednerischen Tiraden eines Geschäftspolitikers, dem insbesondere das Ausland viel weniger Beachtung schenkt, als er und DIE WAHRHEIT seine Parteigenossen es haben wollen. Deshalb, das Bürgertum ist nicht machtlos, es muß sich nur endlich aus dieser unglücklichen Psychologie der angeblichen Ohnmacht befreien, es muß endlich erkennen, daß, wenn auch Alltagssorgen es furchtbar bedrücken mögen, die Sorgen, die durch das Wettrüsten gerade für uns entstehen, viel gefährlichere der nahen Zukunft sein werden. Unser jüdisches Bürgertum nun dient aber noch mit einem anderen Schlagwort: Was geht das alles uns Juden an? Auch hier sei es zugestanden, der Kampf, der zwischen den beiden Extremen bevorsteht, ist kein speziell jüdischer, die Phrasen, die von beiden Seiten gebraucht werden, lauten: Hie Marxismus — da Antimarxismus, das hat mit dem Judentum, das in beiden Lagern steht, nichts zu tun. Aber Erinnerungen der jüngst vergangenen Zeit lehren uns, vorsichtig zu sein. Auch in Ungarn, in Bayern wurde der Kampf dem Nachkriegskommunismus, der sich dort leider breit gemacht hatte, als solchen angesagt, und wer waren die Leidtragenden? Nur die Juden, die man, obwohl sie unter diesem Bolschewismus furchtbar geächzt und gestöhnt hatten, eines Einvernehmens mit den Führern dieser Bewegung, die längst keine Juden mehr waren, bezichtigte. Diese Führer waren tatsächlich in unserem Sinne keine Juden mehr, sie konnten es nicht sein, denn das, was sie taten, war unjüdisch in jeder Beziehung. Aber für den Mob galt, unterstützt durch die antisemitischen Darstellungen, die Abstammung, und so wurden sie, die sich sicher dagegen gesträubt hätten, zu Juden gestempelt und das jüdische Bürgertum, das sich noch mehr gegen eine Gemeinschaft mit diesen Söldlingen Moskaus verwahrte, mit ihnen gleichgestellt. Auch bei uns ist eine ähnliche Erscheinung zu verzeichnen. In der österreichischen Sozialdemokratie befinden sich in führender Stellung mehrere Männer r--. >sT © Feuilleton Die Assentierung. ' Von Scbolem Aleichem. (Fortsetzung.) Jetzt muß Ich noch einmal zur Zeit zurückkehren, wo ick —. nicht gedacht soll es heute werden — in Worotiliwka ansässig gewesen bin. und mein Itzig, das heißt Alterchen, noch ein ganz kleines Kind gewesen ist. Kommt da eine Geschichte, etwas wie eine Revision in der Stadt. Von Stube zu Stube ist man herumgegangen und hat aufgeschrieben von jedem, Klein bis Groß, wie er heißt und wie alt er ist. wie viel Kinder er hat, ob Jungen oder Mädchen, und wie man sie ruft. Ist man auch zu meinem Itzig gekommen fragen, wie man ruft ihn. Sägt meine Frau, sie soll gesund sein: „Alterchen". Jener ist zufrieden, und geht und schreibt auf: „Alterchen." Genau ein Jahr nach der Militärgestellung kommte eine nene Schickung: man sucht meinen Sohn Alterchen: er soll, Gott erbarme sich, zur Gestellung kommen, in Worotiliwka. Hab4 ich denn geträumt jene Nacht und diese Nacht und das ganze Jahr hindurch? Kurz, was soll ich Euch erzählen! Man ruft Itzig. das heißt "Alterchen, noch einmal zur Gestellung. Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertöchter fällt in Ohnmacht. Ist so etwas je erhört worden. Eck der Welt zu Eck der Welt, daß ein einzigdiger Sohn, ein elnundeihzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, dreimal zur Gestellung kommen muß! Nun sieh du zu, red* türkisch, red' tartariscb! Was tut man da? Bin ich hingelaufen zu unserer Gemeinde, habe Gewalt geschrien, daß zehn Juden sollen beschwören und schriftlich geben, daß sie wissen, daß Itzig ist Awrohom Jitzchok, und Awrohom Jitzchok ist Alterchen, und daß Alterchen und Itzig und Awrohom Jitzchok alle zusammen ein Mensch sind. Das Papier habe ich bekommen und bin damit nach Worotiliwka gegangen. Dort trifft mich ein Jüd, Reb Jossei, und fragt mich: „Was tut Ihr hier?" Will ich ihm doch nicht sagen — wozu auch: es ist schon besser, er weiß es nicht — säge ich ihm: ..Ich habe zu tun mit einem Edelmann!" „Wegen was?" fragt jener. „Wegen Kleie," sag* ich. „Ich habe Kleie gehandelt und habe Handgeld gegeben. Nun hab4 ich keine Kleie und kein Handgeld: verfallen die Kuh mit dem Kalb!" Nun geh4 ich in die Militärkommission. Wie ich Hereinkomme, treffe ich einen Schreiber. Dem gebe ich das Papier. Der liest das Papier und wird ganz wild, der Schreiber nämlich, und schmeißt mir mit Gewalt das Papier ins Gesicht, behütet und bewahrt soll man werden! „Geht zu allen Teufeln mit Euren Namen und Euren jüdischen Faxen! Ihr wollt Euch nur um die Gestellung drücken, verdammte Juden! Bei Euch wird Jitzchok aus Awrohom. und Itzig Jitzchok, und Alterchen aus Jitzig. Nein, solche Stückchen gehen bei uns nicht an. solche Schachermachei!" Nun überlege ich mir: Mit Schachermachei meint er vielleicht einen Rubel. Nehme ich einen Rubel heraus und will ihn ihm in die Hand drücken und sage leise zu ihm: „Entschuldigen Sie, Euer Hochwohlgeboren!44 Da erhebt er ein mächtiges Geschrei: „Bestechung!44 .... Sind gelaufen gekommen die Schreiber, und was soll ich Euch sagen, man hat mich 'rausgebracht. So ein Unglück! Muß ich gerade auf einen treffen, der nicht nimmt! .... Nu, zwischen Jüden ist man nicht verloren. Ich fand einen Jüd, durch den man nimmt. Geholfen hat es. wie einem Toten Schropfköpfe helfen, und es ist dabei geblieben, daß ich noch-einen Sohn habe, der Alterchen heißt, und der soll sich stellen in Worotiliwka zum Militär. Ein gut Päckel!