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Die Wahrheit · 1927-11-18 · Heft 47 (18.11.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 47 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Irscneint Jeden Sfreifag (frei» dieses Jlumme*: SO 0*osdhem D/E WAHRHEIT CesterreienisAe Wocfkenscfkrift für Jüdiscfke Jitferessen . VeröffentRfnun^en der „Union deutstnöstcrr. Juden4* Redaktion und Administration: Wien /#.» ÜCeinesfoaiSe JTv. 13 Fmtntut 42-2-19 XLIII. Jahrgang Wien, 18. November 1927 Nummer 47 Wettrüsten. Die österreichische Republik hat vergangenen Samstag ihren neunten Geburtstag erlebt. Die Zeit ist nicht danach, Feste zu feiern, deshalb wurde dieser Tage nicht gerade überall in allzu imposant solenner Weise begangen. Dafür fehlten nicht die Erwägungen über die Notwendigkeit einer intensiveren Einstellung aller Staatsbürger zu der von ihnen getragenen Republik. Man macht dieser vielfach den Vorwurf, daß sie eigentlich infolge einer gewissen Verlegenheit entstanden, daß unsere Revolution in Wirklichkeit gar keine Revolution gewesen sei. Auch in manchen der vielen Geburtstagsreden und Artikel schlug dieser Gedanke durch. Aber er ist unseres Erachtens kein richtiger, zumindest ist das oft betonte Bedauern über die echt österreichische Art, mit der bei uns selbst der Staatsformwechsel vor sich ging, absolut nicht am Platze. Wir sollten vielmehr froh darüber sein, daß zur selben Zeit, als in anderen Staaten dieser Umschwung mit dem Herzblut tausender Bürger bezahlt wurde, in unserem Lande durch das Zusammenwirken aller besonnenen Elemente Ruhe herrschte und schreckliche Ereignisse hintangehalten wurden. Wir wußten damals in diesen schicksalsschweren 'Tagen, was wir wollten, wir hatten übergenug von den Greueln des blutigsten aller Kriege und empört über diejenigen, die ihn verschuldeten, hat Oesterreichs Volk an Stelle der alten Monarchie die Republik gesetzt, in der es sein Geschick selbst bestimmen wollte. Daß es diese grundlegende Aenderung ruhig und zielbewußt vornahm, das gereicht ihm nur zur Ehre, wird ihm einst vor dem Forum der Weltgeschichte hoch angerechnet werden. Denn es zeugte von Mäßigung, die aus dem Ekel vor dem vielen unnütz vergossenen Kriegsblute entstanden. Nun haben wir neun Jahre dieser Republik hinter uns, es ist vieles, vor allem unsere wirtschaftliche Lage, nicht nach unseren Wünschen, aber — die oft gebrauchte Phrase sei auch hier gestattet — dies sind Kinderkrankheiten, die jedes junge Staatswesen mitmachen muß, noch dazu eines, das nicht in einer gewissen Tradition verankert ist. Aber eines ist bisher wenigstens gleich geblieben, die Ruhe und Besonnenheit hat uns vorderhand noch nicht verlassen, wir sind abhold dem blutigen Schrecken geblieben und wollen nicht Wiederholungen solcher Greuel in unserem Lande. Ereignisse wie der Gründonnerstag des Jahres 1919 oder der 15. Juli 1927 blieben glücklicherweise nur vereinzelt, sie waren „unösterreichisch" in des Wortes bester Bedeutung, unser Volk ging über sie hinweg und behielt ruhigen Sinn. Nun scheint es leider, als ob diese in schwersten Zeiten bewahrte Mäßigung uns verlassen wollte, als ob an Stelle der für den Wiederaufbau dringend notwendigen Ruhe und Ordnung am Ende gar der Bürgerkrieg treten sollte. Die Sozialdemokraten haben am neunten Jahrestage der Republik gegen den drohenden Faszismus manifestiert, sie taten dies angesichts der Erscheinungen, die in letzter Zeit unseren innerpolitischen Horizont verdüstern. Denn schon hört man allüberall auf dem Lande von einer gewaltigen Erstarkung der Heimwehrbewegung, liest von einer Unterstützung, die diese gefährliche Agitation nicht nur in gewissen inländischen Kreisen, sondern auch im Mussolini-Italien findet. Mögen diese Gerüchte auch vielfach übertrieben oder teilweise gar erfunden sein, die Tatsache steht fest, daß seit dem 15. Juli sich eine starke Bewegung fühlbar macht, die dem Austro-Marxismus, den man früher mit parlamentarischen Mitteln bekämpfen wollte, jetzt mit stärkeren Waffen den schwersten Kampf ansagt. Auf der anderen Seite findet sich die nicht minder gefährliche Erscheinung, daß der in seiner Geltung gefährdete Sozialismus ebenfalls gewissermaßen nach einem militärischen Instrument greift und dieses im „Republikanischen Schutzbund", den auszubauen man sich eben anschickt, findet. So wird auf beiden Seiten fieberhaft geschürt und gehetzt, ein neues Wort hat bereits die Ideologie unseres politischen Sprachgebrauches bereichert, ein gefährliches Wort: Wettrüsten. Wen erinnert es nicht an eine ähnliche Stimmung, die vor dem grausigsten aller Kriege die politische Welt beherrscht hatte, das allgemeine Wettrüsten der in ihrer Prestigepolitik bedrohten Staaten? So wie damals die gleichen Erscheinungen. zur Katastrophe führten, so ist auch jetzt wieder in unserem Lande die Gefahr gegeben, daß das Wettrüsten der beiden feindlichen Parteien es zu einer ähnlichen Katastrophe für unser Volk bringen sollte. Und so wie damals der am meisten leidtragende Teil diejenigen waren, die unbefragt und ungewollt in den Menschenjammer unschuldig hineingezerrt wurden, so dürfte auch jetzt dasjenige Element, das wohl für

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