Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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DDE WAHRHEIT Seite 29. Rechenstift des Kaufmanns zu Ehren kommen muß. Welche Lorbeerkränze würden den nicht beneidenswerten Finanzdiktator zieren, der ohne programmatische Handfesseln das einzig mögliche Programm der Konsolidierung auf Grund der Bankeingänge rücksichtslos durchführte! Was Weizmann, was seine Anhänger und auch manche, die nicht immer seine Fahne hochhalten, wünschen, ist, trügt nicht alles, solches Vorgehen, das sie vielleicht nicht so kraß formulieren. Aber wie groß ist davon wirklich der Unterschied von der Forderung nach „Verantwortungspoliti k". nach K o nsolidier ung! Und selbst dann tnüssen die Nichtzionisten, so sie wollen, beispringen, ist mit anderen Worten die Schaffung einer neuen Jewish Agency, um die nun schon seit Jahren der Kampf hin und her wogt, unvermeidlich. V. Beim XIV. Zionistenkongreß 1925 ging es um W e i zmanns Kopf. Ein Vertrauensvotum für seine, das ist der Exekutive, Politik wurde zwar angenommen, aber, da sich die Rechte und die Linke der Stimme enthielten, erklärten Präsident und Exekutive ihren Rücktritt. In Basel konnte der aufmerksame Beobachter von vornherein mit Weizmanns Wahl rechnen, zumal ein Vertrauensvotum, das als zu starkes Sprengpulver gewirkt hätte, nicht eingebracht worden war. Die Entscheidungen, die unter Umständen Weizmanns Abgang hervorrufen konnten, lagen sozusagen ein Stockwerk höher: die Wahl der Palästina-Exekutive, das zusammengestrichene Budget. Di« Palästina-Exekutive, deren Vorsitz der bewährte Oberst K i s c h führt, sollte von diesem Kongreß ab verkleinert und jedes parteipolitischen Charakters entkleidet werden, das heißt die dem Misrachi (Professor Pick) und den Arbeiterparteien (Sprinzak) zugehörigen Mitglieder mußten ausscheiden. Tagelang tobten in den Ausschüssen deshalb wütende Kämpfe. Der Führer der amerikanischen Zionisten, Stephen Wise, der angeblich noch weitergehende Forderungen gestellt hätte, verließ mit dem größten Teil der amerikanischen Delegation Hals über Kopf den Kongreß, Sache diplomatischer Geschicklichkeit war es, zu verhindern, daß beide Flügelparteien, deren Stimmung aus verschiedenen Gründen für die Palästina-Exekutive wahrlich nicht besonders angenehm war, sich gegen die vorzuschlagende Palästina- Exekutive entschieden. Deshalb versuchten die Unterhändler einmal auf rechts, ein andermal auf links einzuwirken. Schließlich gelang es, die Arbeiterparteien zu bewegen, sich der Stimme zu enthalten. Der Preis für diesen Dienst war Weizmanns Anerkennung der Arbeitergewerkschaften und Zusicherung der Beschäftigung nur organisierter Arbeiter durch die Exekutive und andere zionistische Körperschaften. Gerade als Weizmann diese Erklärung verlesen hatte, schien noch einmal alle Einigungsarbeit ernstlich bedroht zu werden. Menachem Ussischkin fühlte durch eine den Jüdischen Nationalfonds angehende Stelle der Erklärung die Selbständigkeit des Nationalfonds erschüttert. Der alte Feuerkopf donnerte unmittelbar vor der Wahl los. Aber auch dieses heftige Gewitter zog vorüber. Zuerst wurde Weizmann mit 113 gegen 54 Stimmen zum Präsidenten der zionistischen Organisation wiedergewählt; die neue Palästina- Exekutive (K i s c h, der englische Anwalt S a c k e r, die allgemein beliebte Amerikanerin Frau Szold) vereinigte 83 Stimmen auf sich. 62 stimmten gegen sie. Die gesamte Linke, unter ihnen die stattliche Vertretung der palästinensischen Arbeiterschaft, enthielt sich der Stimme. Ja, die Palästina- Exekutive mußte am letzten Tage Erklärungen der linken Parteien über sich ergehen lassen, die in ihrer schonungslosen Deutlichkeit bewiesen, daß gütige Feen nicht an ihrer Wiege stehen. Leider kann der aufrichtige Kritiker hier das große graue Fragezeichen nicht übersehen. Wird Palästina die sachliche Arbeit der Palästina-Exekutive, die diesmal nur aus englisch-amerikanischer Kühle und Besonnenheit besteht, vertragen? Wird die Palästina-Exekutive überhaupt tragbare Stützpunkte finden? Wird das überflüssig gründlich durchgebildete Parteiwesen des winzigen nationaljüdischen Palästina, wird die schonungslos und oft so unklug kritisierende Presse» überquellend von Hitzigkeit, trotz Palästinas drückender Lage, nicht die Fundamente unterwühlen, auf denen ernste Arbeit verrichtet werden soll? Weizmann selbst hat eindeutig die schweren Gefahren ausgesprochen, die hierin liegen. „Nur wir selbst", rief er aus, „pflegen Palästina zu zersetzen, es in Grund und Boden zu kritisieren. Die schwersten Anklagen gegen Palästina kamen aus Palästina, vor allem aus Tel-Awiw, wo alles, was Palästina betrifft, aufs schwärzeste gefärbt wird. Wir haben gleichsam ein sadistisches Vergnügen daran, das Schlechteste des Schlechtesten uns zuzuschreiben. Darin tut sich namentlich ein Teil der palästinensischen Presse ...besonders hervor." VI. Aber selbst wenn diese Klippe umschifft ist, lauert noch manches Verderben. Nicht die Engherzigkeit, nicht das russische Siedlungswerk und dies und jenes noch haben so viele Börsen für Palästina verschlossen. Verschiedentlich ist auf dem Kongreß darauf hingewiesen worden, wie das Zutrauen zur zionistischen Organisation, das Vertrauen auf sachliche Palästina-Arbeit gesunken sei. Wer viele vom Kongreß angenommene Beschlüsse richtig liest, wer sich in den letzten Jahren nur einigermaßen mit der wirtschaftlichen und anderen Arbeit in Palästina befaßt hat. ist sich darüber nicht im unklaren, wie teuer, ja wie leichtherzig und mit wie mageren Ergebnissen oft gewirtschaftet wurde. So fließen die Gelder nach Palästina im Verhältnis zum Bedarf spärlich. Die Exekutive hat drückende Schulden auf sich nehmen müssen. Die schwere Arbeitslosigkeit zehrt böse an den Eingängen. Die Jewish Agency liegt noch in weiter Ferne, und wer weiß, ob sie die Dollarmillionen aus Amerika herbeischaffen wird. Ob unter solchen Umständen das neue, bei Stimmenenthaltung der beiden Flügelparteien angenommene, gegenüber dem Budget von 1925/26 erheblich gekürzte Budget für 1927/28 — die Höhe von 631.832 Pfund jetzt gegenüber 600.000 Pfund in Wien beruht nur auf geschickter Aufmachung — durchzusetzen ist, ist noch nicht zu übersehen. VII. Ob der Zionistenkongreß seine Aufgabe, ein Palästina der Sachlichkeit endlich zu schaffen, gelöst hat, steht in den Sternen. Wenn so eifrige, mit Liebe durchtränkte Arbeit wie die in Basel geleistete zuschanden werden sollte, müßte man es bedauern; man wird sich aber über einen Mißerfolg nicht wundern können, weil man sieht, wie viel unklare Gedankengänge und sich widersprechende Wünsche der ganzen Bewegung zugrunde liegen. luna HUgicnlsdies KOMüslicht Mi Seit vielen Jahren das anerkannt beste vs*rmm Man achte auf die ges. gesell. Marko «Hygtea. Königalkht* und Nsm Senilis Fabrik und Büro; Wien XIV., Braun» MrschengamM 3 Telephon 83-1-87 8 S ■ 8 S