Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064337--15739-3088540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 28 IBIliBIMIMIIIIIIM DIE WAHRHEIT Veiöffentlidkun£en der , Union deui sdäöst exweidkisdkev Juden* Wien IX. <&er£&as$e h &08tsM»mttas3cn- Kontfo Jtv. OHOH (Tel. I0-2-TT Der Kongreß der Ernüchterung. Der Syndikus des „Centrai-Vereines dsutsdier Staatsbürger jüdischen Glaubens", Herr Doktor Alfred Wiener, hat dem XV. Zionistenkongreß in Basel beigewohnt. Er berichtete in dem Organ des Vereines, der „C.-V.-Zeitung", über seine Eindrücke in zwei Artikeln, die wir hier zusammengefaßt und gekürzt des großen Interesses wegen wiedergeben. I. Die Vorbereitungen der nationaljüdischen Schriftsteller und Versammlungsredner zu dem XV. Zionistenkongreß hatten schon seit Monaten mit erbitterten Kämpfen der verschiedenen Richtungen eingesetzt. Ein gegenseitiges haßerfülltes Berennen ging durch die dem Kongreß vorangegangenen letzten Wochen. Tätlichkeiten fehlten nicht. Wer aber nach diesem Beispiel auf dem Kongreß das traurige Schaustück abstoßenden' Bruderkampfes sozusagen bis zum letzten Blutstropfen fürchtete, hat sich gründlich getäuscht Es lag auf dem Kongreß eine Art beklemmender Nebel. Der Ernst der wirtschaftlichen Lage Palästinas drückte wie ein Alp auf jeden. Der trotz vierzehnmaliger Kongreßerfahrung bemerkenswert schlecht arrangierte Eröffnungsabend ermüdete eher durch ewig lange, meist geistlose Begrüßungsreden, als daß er die Herzen der Teilnehmer aus allen „vier Ecken der Erde" beschwingte. Chaim Weizmann sprach ehrlich, abgewogen, sachlich; aber nichts Fortreißendes strahlte dieses Mal von ihm aus. Ein ermatteter Führer berichtete seiner wenig dankbaren Kämpferschar. Die Generaldebatte: Die zahlenmäßig schwache Opposition kam ausgiebig zum Wort. Jizchak Grünbaum, der Sprecher der radikalen Zionisten, Wladimir J a b ot i n s k y, der forsche, redegewaltige Führer der Revisionisten, klagten die Leitung ihrer politischen Unfähigkeit wegen an, verlangten dringlich den Rücktritt Weizmanns, der, wie Jabotinsky beweisen wollte, in Psychose befangen, vom frühen Morgen bis späten Abend Englands politische Haltung den Juden gegenüber trotz allem als befriedigend („satisfactory") erklärt. Aber wo blieb dabei die Wut der Gegensätze vor dem Kongreß? Der gefürchtete Jabotinsky legte bei keinem Satze Zügel und Zaum ab. Nach dieser Kongreßrede wäre die Bezeichnung „Seiner Majestät allergetreueste Opposition" keine Uebertreibung. Ein anderer Weizmann als am Eröffnungsabend, ein W e i zmann voll Leben und Farbe, voll Schärfe und Witz focht geschickt und erfolgreich unter dem starken Beifall des Kongresses gegen die zwar leidenschaftlich aufrichtige, aber oft zu sehr zwischen Himmel und Erde schwebende, die unabänderlichen Gegebenheiten (Mandatarmacht. Araberzahl und Geldknappheit, immer wieder Geldknappheit) übersehende Opposition. Keine Politik der großen Taten, so sagte er etwa, dürft Ihr für absehbare Zeit in Palästina erwarten. Mit Routine und Kleinarbeit müssen wir nüchtern in Politik und Wirtschaft Schritt vor Schritt vorwärtszukommen suchen. II. War es stillschweigende Verabredung, war es die Tatsache, daß Parteireden selbst in Not und Gefahr nur einmal gehalten werden — von der Krisis in Palästina wurde in der Generaldebatte zwar gesprochen, aber nicht mit der Ausführlichkeit und Gründlichkeit, die zu erwarten war. Rücksicht nach außenhin wäre unnötig gewesen: denn wer nicht gerade dauernd auf der Ofenbank schläft, ist doch mit der Lage im Heiligen Lande allmählich vertraut geworden. So ist verständlich, daß Berl Katzenelson aus Tel Aviv, der Führer der Poale Zionisten — des „arbeitenden Palästinas" — als „unverständlich" bezeichnete, „was hier gesprochen werde". „Sowohl der Inhalt," fuhr er fort, „wie die Form sind mir fremd. Der äußerliche Charakter der Sitzungen und die Form der Reden entspricht nicht dem Geist unserer Bewegung. Die Ruhe entspricht nicht der wahren Lage des Zionismus und der Arbeit in Palästina." Gewiß wurde darüber heftig in den K o m m i s s i o n e n gestritten und eifrig beraten werden, in denen alles Entscheidende unter Ausschluß der Oeffentlichkeit vorging. Wo blieb der Redner, der einmal großzügig, erschöpfend, übersichtlich die . Ursachen der Krisis feststellte, die Tätigkeit der Zionistischen Exekutive, ihre Leistungen, ihr Versagen dabei heraushob? Den über 8000 Arbeitslosen, um von den Kurzarbeitern, von den so vielen schlecht gestellten Händlern und Kaufleuten gar nicht zu sprechen, muß — Weizmann bat den Kongreß flehentlich — geholfen werden. Ein tiefer Blick in ihre Lage, in die inneren Zusammenhänge müßte solcher Hilfe, falls sie überhaupt durchführbar ist. vorangehen. Auch wer entschiedener Gegner des Nationaljudentums ist, wird herzlich wünschen, daß den schweren Leiden der tausende Arbeitsloser ein Ende bereitet wird. Als Leistung zu buchen ist, daß sich diese armen Menschen trotz nicht zu übersehender gelegentlicher Ausschreitungen in ihr Los fügten, daß diese kleine, aber kräftige Armee den Ohrenbläsern des Sowjetstaates, der nicht nur in China und Amerika an der Arbeit ist, bisher sich verschlossen hat. Wehe dem gesamten Siedlungswerk, wenn Sichel und Hammer die Stunde regieren! Wer versteht nicht den befehlsartigen, die Herzen erschütternden Mahnruf: „Der Kongreß geht nicht auseinander, bevor nicht den Arbeitslosen geholfen ist!" III. Mancher von uns erinnert sich noch der Palästinahoffnung Maienblüte etwa vor sieben Jahren. Der jüdische autonome Staat unter Englands Oberhoheit schien erregten, gegenwartsfremden Zionisten eine Frage von Wochen. Was selbst ein so ruhiger, verantwortungsbewußter Mann wie Artur Ruppin damals durchzusetzen hoffte, schilderte er mit frohlockender Feder in seinem „Aufbau Palästinas". Der Reif der Frühlingsnacht ist nicht heute erst auf diese üppigen Blüten gefallen. Die kleine Heimstätte, die zu erreichen trotz allem ein Kabinettstück zionistischer Politik bedeutet, muß vor der Gleichgültigkeit der Mandatarmacht geschützt werden. Das ersehnte Freiland wird nicht ausgeliefert. Jeder "Fortschritt muß den englischen Behörden — oh. diese saumselige Bureaukratie! — abgetrotzt werden. Sollten wir mit der Palästinaregierung etwa brechen? Welch Wahnwitz, sagt der bedächtige Weizmann mit Recht. Zu ungleich wäre die Kräfteverteilung. Und darum Kleinkampf, Kleinarbeit, Geduld! Da werden Vorstellungen erhoben, da werden Eingaben gefertigt, da werden einflußreiche Persönlichkeiten besucht und unterrichtet, da werden Aufklärungsbroschüren verbreitet. Welche trockene Arbeit, die wir gewiß nicht herabsetzen wollen, muß die Zionistische Exekutive in Palästina verrichten! Kleinarbeit! Sie muß gegen Symptome angehen, wird auch mit neuen Anregungen und Wünschen kommen, — die himmelstürmenden Taten — vielleicht sind sie, sagt Weizmann, einer späteren Zeit vorbehalten. „Ich kann solche Wunder nicht vollbringen." IV. In dieser nüchternen Grundstimmung war der Kongreß auch weit empfänglicher für die Erkenntnis, daß, nach sieben Jahren Wirtschaft aus dem vollen, nach den zahlreichen kostspieligen, oft überflüssigen Experimenten, besonders korporativer Natur, nun endlich der unerbittliche!