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Die Wahrheit · 1927-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1927) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 39-40 (26.9.1927)
Date
1927-09-26
Page
– (sequence 26)
Language
German
Belongs to
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Seite 26 'MlliMWtlii™ DIE WAHRHEIT Lehre, Gott, bestehen! Sie ist der Lebensbaum für den, der sie erfaßt; ihr Weg äst Seligkeit und Frieden ihre Pfade". Nun sprach Dr. Geiger ein Gebet, Gottes Segen für uns erflehend, dann richtete er einige Worte an unsere Stern und die Gemeinde und dann legte er uns Prägen vor, die unsere Glaubenssätze und die Pflichten betrafen, die wir beantworteten. Dann hielten die dazu Auserwählten Ansprachen, die erste war mir aufgegeben. Zu unseren Plätzen zurückgekehrt, täuschten wir andächtig den Worten Dr. Geigers, der uns in den Bund der Judengemeinde aufnahm. In meinem Herzen hallen seine Worte nach: Ich will Gott suchen in seinen Werken, ich will würdig werden des mir geschenkten Lebens, will nach Wahrheit, Gerechtigkeit und edler Verwendung aller Güter streben, die ich empfangen habe----44 Weiters berichtet ihr Tagebuch: „Sonntag, den 6. August, Glockengeläute und der Lärm vorüberziehender Bürger lockten mich früh 5 Uhr aus dem Bett Heute wird das Volksfest des geeinten Deutschlands gefeiert. Seit dem 12. Juli gilt die neue Aera. Um 8 Uhr erlaubten mir die Eltern zur Freundin zu gehen, um von deren Fenster aus die Bürgerparade zu sehen, die glänzend ausfiel. Deutschlands Farben schwarz, rot und gold sind wieder freigegeben und vereinigen jetzt alle Stämme. Um 11 Uhr ging ich mit Agnes in unseren Tempel, wo Dr. Geiger eine begeisterte Rede über Deutschlands Einheit und Freiheit hielt. Nach dem Mittagmahle gingen die Eltern mit uns nach dem Ring, um von den Fenstern unseres Möbelmagazins aus den Zug der zum Volksfest mit Musik und Waffe Wandemden zu sehen. Es war großartig. Etwa 20.000 Menschen nahmen teil, und es herrschte die beste Ordnung im Vorbeimarsch. Leider ertaubten es die Unsrigen nicht, daß wir auch nach .... fuhren. — 21. September 1848: Das Schauspiel der Revolution scheint sich in eine Tragödie zu verwandeln. Das Ministerium in Berlin ist gestürzt, man sah unter Steins vortrefflichem Einfluß einem freisinnigen Ministerium entgegen Da mit einem Male ändert sich des Königs Sinn, und plötzlich haben wir ein Ministerium der Reaktion. Wehe uns. — 18. März 1849: Heute vor einem Jahr begann in unserem Vateriande die Revolution. Welche Erinnerungen! Das Verlangen nach Freiheit erwachte. Opfer wurden gebracht! Welche Hoffnungen wurden erfüllt? Nun erhebt die Reaktion ihr Haupt! ... Man muß dankbar sein, daß unser Haus verschont blieb und alle unserer Lieben gesund sind . . Neben der Teilnahme am allgemeinen Geschehen ist Lina Morgenstern schon früh eigene Wege gegangen auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge. An ihrem 18. Geburtstag begründete sie den „Pfennigverein zur Unterstützung armer Kinder in Breslau", der heute noch existiert Sie schreibt darüber u. a.: ,JDie Tätigkeit für den „Pfennigverein" nimmt mich sehr in Anspruch. Das Aufsuchen der Notleidenden während der Cholerazeit hatte seine Schwierigkeiten, aber je mehr ich das herrschende Elend kennen lerne, desto mehr fühle ich das Bedürfnis, Abhilfe zu bringen". Zu ihrer Einsegnung hatte sie veranlaßt, daß einige ärmere Mädchen durch eine Sammlung der anderen, Kleider erhalten konnten, auf eine Art, durch die sie sich nicht zurückgesetzt zu fühlen brauchten. Doch ihre eigentliche soziale Tätigkeit entwickelte sich nach ihrer Verheiratung in Berlin. Siddy Wronski, die sie in einer Schrift „Eine Vorkämpferin auf dem Gebiete der Frauenarbet in Deutschland" nennt, erwähnt, daß L. M. 1859 mit Unterstützung von Virchow, Hoitzendorff, Lette u. a. die ersten Fröbelschen Kindergärten gründete, 1861/62 die ersten pädagogischen Schriften herausgab und 1863 das erste Kindergärtnerinnenseminar errichtete. Ihre größten Organisationen, ihre liebsten Schöpfungen sind wohl der „Verein der Berliner Volksküchen von 1866" und der „Hausfrauenverein von 1873", denen sie die besten Kräfte ihres Lebens dauernd gewidmet hat Der „Verein der Berliner Volksküchen" läßt laut Statut in den von ihm eingerichteten, auf dem Grundsatz der Selbsthilfe beruhenden Küchen billige und gesunde Speisen bereiten, welche er ohne Unterschied an jeden verkauft „Der Verein war der erste, welcher die Frauen aus der Hauswirtschaft in die ausübende Volkswirtschaft aus der Famüienpflege in die Pflege des arbeitenden Volkes, aus der Sorge für die Gesundheit und das Wohlergehen der Mädchen zu der Sorge der öffentlichen Gesundheitspflege anregte und führte'4, — so heißt es in einer Jubiläumsschrift aus dem Jahre 1897. Dort finden sich auch Lina Morgenstenns bezeichnende Worte: „Gott verlieh mir dse Gnade, das Saatkorn zu diesem Werke in die Furchen der Zeit zu streuen und das letztere ein Vierteljahrhundert mit Häfe treuer Mitarbeiter pflegen zu können, so daß nicht nur in Berlin, sondern auch verpflanzt an vielen anderen Orten die Volksküchen die Lage der Bedürftigen mildern". Bei Kriegsausbruch 1870 organisierte Lina Morgenstern die Bahnhofsverpflegung der durchziehenden Truppen und ein Erfrischungskomitee für die Verwundeten und Gefangenen, Aufreibende Pionierarbeiten wurden von ihr geleistet, bis später die Militärbehörden die Einrichtungen übernahmen. Die Kaiserin Augusta bezeigte durch Besuche und Handschreiben für diese und andere Werke von Lina Morgenstern lebhaftes Interesse. Der „Verein der Berliner Volksküchen" hat durch die klare Idee, die Organisationsfähigkeit und Warmherzigkeit ihrer Leiterin, die es verstanden hat, Helfer aus allen Kreisen heranzuziehen, über 50 Jahre segensreichen Wirkens aufzuweisen. Seine Bedeutung ist durch die Entwicklung der Restaurationsbetriebe, bürgerlichen Mittagstische, vegetarischer Speisehäuser zurückgegangen. Doch haben ihre Erfahrungen auf dem Gebiet der Hauswirtschaft, die sie in vielen Schriften niedergelegt hat, auf weite Kreise gewirkt. Der „Hausfrauenverein", dessen Gründungsversammlung dn die eingangs erwähnte Teuerungszeit fällt, hat dauernden Bestand nicht nur in seinen Einzeleinrichtungen, wie der Prämiierung langjähriger Hausangestellter und ähnlichen, sondern vor allem in der Schulung der. Hausfrauen für ihre Aufgaben in Verbindung mit der Frauenbewegung. Außer den erwähnten pädagogischen und hauswirtschaftiichen Schriften verdient noch ihr Werk „Frauen des 19. Jahrhunderts" besondere Erwähnung. Ihr Andachtsbüchlein für die Jugend „Glaube, Andacht, Pflicht", das sie im Auftrage der Jüdischen Reformgemeinde, Berlin 1863, mit I. H. Ritter bearbeitet hat, zeigt ihre Verbindung mit der Jüdischen Reformgemeinde, der noch eine ihrer Töchter als Mitglied angehörte. (Fortsetzung folgt) Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXI. (Floridsdorf). Von Rabbiner Dr. M. R o s e n m a n n. (Fortsetzung.) Emanuel Grünwald, dessen Wirken im Kreise des Wiener Kultusvorstandes noch in frischer Erinnerung sein dürfte, übernahm als eifrig strebsamer Sohn seines Vaters Moritz Grünwald 1882 (9. März) das Präsidium der Floridsdorfer Gemeinde, um es nach dreijähriger Tätigkeit (1885) Josef Buchwald wieder zu überlassen. Emanuel Grünwald, mit einer nicht alltäglichen Lebensklugheit ausgestattet, dabei übar eine Taktik verfügend, die bei aller Festigkeit die Form zu wahren verstand, und überdies ein bedeutendes administratives und finanzielles Talent darstellend, darf zu den Hauptbegründern der Gemeinde Floridsdorf gezählt werden. Zwischen ihm und Josef Buchwald wechselte die Leitung der Gemeinde; ein Vorgang, der nicht ohne Erschütterungen des Kultuswesens steh abspielen konnte, aber auch nicht ohne Mißstimmungen, die erst viel später, einige Zeit, nachdem ich das Rabbinat übernommen hatte, einen versöhnenden Abschluß im Zusammenwirken der beiden Männer am Emporblühen der Gemeinde fanden. — 1886 (1. Februar) wurde der „Talmud-Thora-Verein in Floridsdorf" ins Leben gerufen. Er wurde begründet von Dr. M. Löwy (Obmann), Leopold Wimm er, Moses Löwy, Ignaz Grünbaum, Emanuel Schlesinger und David Eisinger. Letzterer verdient besondere Erwähnung. Aus Kostel (Mähren) stammend, bewahrte er seine Frömmigkeit auch im neuen Ansiedlungsorte und übte.zudem die sich selbst auferlegte Mizwoh, als Mo hei in die Dörfer zu fahren, in selbstloser Weise aus. In der Gemeindestube selber vertrat er als Vizepräsident die konservativen Mitglieder. Die durch den Rücktritt Dr. Blochs entstandene rabbinische Vakanz dauerte nicht weniger als vier Jahre. Das Gemeindeleben litt unter diesem Interregnum in setner geistigen und religiösen Entwicklung, so daß man sich endlich entschloß, auf Grund einer Konkursausschreibung zur Neuwahl eines Rabbiners zu schreiten. Als solcher wurde, am 23. November 1890 Rabbiner Heinrich L. Reich aus Boskowitz (Mähren) berufen. Dieser, aus der bekannten Rabbinerfamilie Nordungarns hervorgegangen^ besaß ein umfassendes talmudlsches Wissen und eine beachtenswerte Eloquenz, war auch geneigt, modernen Anschauungen 'Konzessionen zu machen,

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